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03/24

Frauenpower in der Friedensgemeinde

Frauenpower in der Friedensgemeinde

41 Frauen machten sich am österreichweiten Frauenpilgertag in der niederösterreichischen Friedensgemeinde Erlauf auf den Weg. Julia Langeneder durfte sie begleiten.

Zugegeben: Es ist mein erstes Mal. Ich bin noch nie gepilgert. Was mich wohl erwartet? Vor der Pfarrkirche Erlauf hat sich bereits eine Gruppe von Frauen versammelt. Die Stimmung ist freudig-aufgeregt, die Sonne lacht vom Himmel, es ist ein wunderschöner Herbsttag. Wegbegleiterin Elfriede Gindl, stellvertretende Vorsitzende der kfb St. Pölten, begrüßt mich mit einem herzlichen Händedruck und reicht mir ein Pilgerheft sowie ein blaues Pilgerband, das ich an meinen Rucksack hefte. „Das Pilgerband soll uns miteinander verbinden“, erklärt sie. In der Hand hält sie einen Pilgerstab. Er ist seit jeher ein Zeichen für Stütze, Halt, Schutz, aber auch Verteidigung. In den Pilgerbuschen hat sie unter anderem Rosen, Schafgarbe, Lavendel und Disteln eingebunden. „Rosen für die Schönheit, die wir heute erleben sollen. Schafgarbe, weil das ein gutes Kraut für uns Frauen ist. Lavendel, der bekannt ist für seine entspannende Wirkung, und die Distel, die das Stachelige und nicht ganz so Schöne im Leben symbolisiert, das man an so einem Tag trotzdem mitnimmt.“ Pilgern, was ist das eigentlich? „Pilgern ist Beten mit den Füßen in Gemeinschaft“, erklärt mir Anna Rosenberger, Vorsitzende der kfb St. Pölten, den Grundgedanken.

Von links: Anna Rosenberger, Vorsitzende der kfb St. Pölten, und die Wegbegleiterinnen Maria Mayerhofer und Elfriede Gindl, stellvertretende Vorsitzende der kfb St. Pölten.

Jetzt geht es aber wirklich los. Knapp neun Kilometer liegen auf dem sogenannten Eichberg-Rundweg vor uns. Zuerst marschieren wir den Naturpfad entlang der Erlauf. Die bunt verfärbten Blätter spiegeln sich im Wasser – was für eine Pracht! Ein Spaziergänger bleibt mit seinem Hund stehen und schaut unserer Truppe interessiert zu.

Schnell kommen wir Frauen miteinander ins Reden. Das Gehen in der Natur wirkt verbindend und öffnet die Seele. Eine Teilnehmerin erzählt mir, dass sie bereits auf dem Jakobsweg gepilgert ist. Eine andere schildert ihre Verbundenheit mit „Welt der Frauen“. Unter die Gruppe haben sich übrigens auch zwei Männer gemischt: Leo und Nils, zwei Hunde, die das Schlusslicht bilden und darauf aufpassen, dass niemand verloren geht. Die erste Station ist eine Kapelle – Zeit für eine kleine Verschnaufpause mit einem Lied und einem spirituellen Impuls. Die Gruppe ist altersmäßig bunt gemischt. Helene Renner, ehemalige Vorsitzende der kfb St. Pölten und ehemalige kfbö-Stellvertreterin, ist ebenfalls unter den Pilgerinnen. „Die Stärkung der Gemeinschaft ist gerade in Zeiten wie diesen wichtig“, sagt sie.

Gehen in der Stille

Schließlich heißt es, 20 Minuten in Stille zu gehen. Augenblicklich verstummen die Gespräche. Zeit, um die Schönheit der Natur so richtig wahrzunehmen, Zeit, um bei sich anzukommen und sich auf den Atem zu konzentrieren. Wie wohltuend ist es, die Aufmerksamkeit vom Außen ins Innere zu richten! Die Zeit vergeht im Nu und nach einem kurzen Anstieg erreichen wir die Aussichtsplattform Hochgreding, von wo sich uns ein herrlicher Blick ins Ötscherland eröffnet. Zur freudigen Überraschung haben Elfriede und Marianne von der kfb Erlauf eine köstliche Jause mit Apfelstrudel, Lebkuchen und Getränken vorbereitet. Hier ließe es sich noch ein wenig verweilen, Elfriede Gindl ruft jedoch zum Aufbruch, schließlich liegt noch ein Stück Weg vor uns.

Über den Höhenrücken und einen kurzen Waldweg gelangen wir zur Eichbergkapelle und genießen den Ausblick auf Maria Taferl. Nun ist es nicht mehr weit. Der Wind legt zu und hätte beinahe den Pilgerbuschen dahingerafft. Mit vereinten Kräften können ihn Wegbegleiterin Maria Mayerhofer und eine Pilgerin wieder befestigen. Ein Stück geht es noch bergab, dann treffen wir wieder auf dem Hauptplatz von Erlauf ein. Mein Blick fällt auf eine Figurengruppe. „Es ist ein Friedensdenkmal“, erklärt Anna Rosenberger. Es soll an das Zusammentreffen eines russischen und eines amerikanischen Offiziers am 8. Mai 1945 erinnern, das den Waffenstillstand eröffnete und den Zweiten Weltkrieg in Europa beendete. Daher trägt Erlauf auch den Beinamen Friedensgemeinde.

Für eine geschlechtergerechte Kirche

Beim Abschluss des Pilgertages in der Kirche ruft Anna Rosenberger die Weltsynode in Erinnerung, die gerade in Rom im Gange ist: „Erstmals dürfen Frauen dabei sein und haben ein Stimmrecht, das ist etwas ganz Besonderes, das heißt: In Rom tut sich etwas und wir dürfen nicht müde sein, dranzubleiben.“ Aus diesem Grund hat die kfbö auch Gebetspostkarten gestaltet, auf denen Wünsche formuliert und anschließend an den Vatikan geschickt werden können, mit dem Ziel einer geschlechtergerechten Kirche. „Frauen sind eine starke Kraft in der Kirche und diese Kraft habe ich heute auch gespürt“, betont Anna Rosenberger. Auch Maria Mayerhofer hat eine „unglaubliche Frauenpower wahrgenommen, mit mehr als 40 Frauen, die gemeinsam auf dem Weg waren.“

„Pilgern führt in den Alltag zurück, aber gewandelt, mit neuen Erkenntnissen und Erfahrungen, um ganz und ganzheitlich da zu sein im eigenen Leben“, lese ich im Pilgerheft. Ja, so fühlt es sich tatsächlich an. Gestärkt von der frischen Luft, den bereichernden Begegnungen, den spirituellen Impulsen, empfinde ich auch tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit für diesen schönen Tag und Dankbarkeit dafür, hier in Österreich in Frieden leben zu dürfen.

Pilgerberichte aus ganz Österreich

Lesen Sie hier die einzelnen Nachberichte unserer RedakteurInnen!

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  • Veröffentlicht: 19.10.2023
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