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Wangari Maathai: Die Mutter der Bäume

Das Erbe Wangari Maathais sind 51 Millionen Bäume, deren Blätterdächer Kenia beschirmen. Die Professorin erkannte den Zusammenhang zwischen Umweltschutz und Frauenrechten und gründete die Grüngürtelbewegung, die heute weltweit aktiv ist. Obwohl sie mehrfach inhaftiert und misshandelt wurde, widmete sie ihr ganzes Leben der Sache – und wurde als erste afrikanische Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Die Nachrichten, die Kenias Nationalen Frauenrat im Jahr 1977 erreichen, sind besorgniserregend. Immer mehr Bäuerinnen berichten, dass Flüsse versiegen, die Böden erodieren und sie immer weiter gehen müssen, bis sie ein Waldstück finden, in dem sie Feuerholz sammeln können. Fehlt das Feuerholz, haben die Frauen keine Möglichkeit, nahrhafte Mahlzeiten für ihre Familien zuzubereiten. Da hat Wangari Maathai, eine Biologin und Professorin an der Universität von Nairobi, einen Vorschlag, der ebenso einfach wie genial ist: „Lasst uns Bäume pflanzen“, sagt sie. In diesem Sommer setzen die Frauen des Nationalen Rats am Stadtrand von Nairobi sieben Bäume. Sie werden zu einem gewaltigen Wald anwachsen, der sich über den afrikanischen Kontinent erstreckt und vor allem die Frauen beschirmt, die in seinem Schatten leben und arbeiten.

Als Wangari Maathai im Frühling 1940 im kenianischen Dorf Ihithe zur Welt kommt, ist das Land noch eine britische Kolonie. Sie besucht mehrere katholische Internate, in denen sie durch ihre Begabung und ihren Fleiß auffällt. Als sie zwanzig Jahre alt ist, bekommt Wangari über ein Begabtenprogramm die Möglichkeit, in den USA zu studieren. Sie belegt Biologie und schließt 1966 mit einem Mastertitel ab. Anschließend studiert und arbeitet sie an mehreren Universitäten in Deutschland. Drei Jahre später kehrt Wangari nach Kenia zurück. Dort heiratet sie ihren Mann, Mwangi Mathai, und bringt zwei Kinder zur Welt, während sie an der Universität von Nairobi ihren Doktortitel erlangt.

In den folgenden Jahren arbeitet sie sich an der Universität zur ersten afrikanischen Professorin hoch. Als sie den Eindruck hat, dass die weiblichen Angestellten benachteiligt werden, setzt sie sich für Gerechtigkeit ein und versucht sogar, eine Gewerkschaft zu organisieren. Doch Wangaris inneres Feuer brennt für weit mehr als nur die akademische Welt. Sie kämpft für Umweltschutz und Frauenrechte und versucht – zunächst vergeblich – eine Organisation zu gründen, die in Kenia Bäume pflanzen soll. Erst als sie wenig später die Idee bei Kenias Nationalem Frauenrat aufbringt, schlägt sie Wurzeln.

Zur selben Zeit reicht ihr Mann die Scheidung ein. Zu klug und zu stark sei seine Frau, beschwert er sich, gebildet, selbstbewusst und für ihn kaum noch zu kontrollieren. Ein Richter bewilligt die Trennung. Der müsse wohl entweder korrupt oder inkompetent sein, meint Wangari hinterher. Daraufhin wird sie zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, der sie nur nach einer öffentlichen Entschuldigung entgeht. Als ihr Mann zusätzlich fordert, dass sie seinen Nachnamen ablegen solle, fügt sie ihm kurzerhand noch einen Buchstaben hinzu und heißt fortan eben Maathai statt Mathai.

Von da an steckt sie all ihre Energie in die Grüngürtelbewegung. Bäuerinnen werden dazu angehalten, gemeinsam Baumschulen zu gründen. Sie sammeln Samen einheimischer Bäume und ziehen Setzlinge. In ihren eigenen Dörfern und Gemeinden pflanzen sie die Bäume und erhalten dafür ein kleines Honorar. So wird mehr Regenwasser im Boden gespeichert und die Erde durch die Wurzeln zusammengehalten. Durch die entstehenden Wäldchen haben die Frauen außerdem genug Feuerholz und pflanzliche Nahrung, um ihre Familien gut ernähren zu können. Auf kargem Land werden lange Reihen von Bäumen gepflanzt, die namensgebenden „grünen Gürtel“. Zusätzlich werden die Frauen zu Imkerinnen, Försterinnen oder Nahrungsmitteltechnikerinnen ausgebildet. Doch Wangari erkennt bald, dass nicht nur die fehlenden Bäume für ihre Schwierigkeiten verantwortlich sind. Weit verbreitete Frauenfeindlichkeit und das repressive politische Regime dieser Zeit versperren ihnen viele Möglichkeiten.

Darum kämpft die Bewegung bald auch für demokratische Rechte und gegen vom Regime gebilligten Landraub. Der Präsident setzt daraufhin alles daran, ihre Arbeit zu unterdrücken. Wangari verliert ihr Büro und muss die Grüngürtelbewegung aus ihrem eigenen Haus leiten. Im Jahr 1992 hört sie, dass ihr Name auf einer Liste von Aktivisten stehen soll, die die Regierung im Gefängnis oder besser noch tot sehen wolle. Sie verbarrikadiert sich in ihrem Haus, das drei Tage lang von Polizisten belagert wird. Schließlich wird sie festgenommen und nur auf Kaution freigelassen. Erst auf internationalen Druck hin lässt die Regierung die Anklage fallen. Im selben Jahr tritt Wangari mit einer Gruppe in Hungerstreik, um die Regierung dazu zu bringen, weitere politische Gefangene freizulassen. Der Streik wird gewaltsam aufgelöst. Wangari, die „Verrückte“, wie der Präsident sie nennt, wird verletzt ins Krankenhaus eingeliefert.

Doch sie setzt sich weiterhin für gerechte Politik ein. Während sie international ausgezeichnet und gefeiert wird, muss Wangari in ihrer Heimat zeitweise sogar untertauchen. Wann immer sie von geplanten Abholzungen hört, organisiert sie Proteste und Pflanzaktionen. Ständig wird sie festgenommen und wieder freigelassen. Doch Wangari gibt nicht nach. 2002 tritt sie bei den Wahlen als Kandidatin für die oppositionelle Rainbow Coalition an und gewinnt. Die alte Regierung ist geschlagen, und Wangari wird zur stellvertretenden Umweltministerin ernannt. Zwei Jahre später, im Winter 2004, wird ihr als erster afrikanischer Frau und Umweltaktivistin der Friedensnobelpreis verliehen.

Im Jahr 2011 verstirbt Wangari Maathai in Nairobi an Krebs. Ihr Lebenswerk, die Grüngürtelbewegung, wächst und gedeiht bis heute. Grüne Gürtel verlaufen durch dutzende afrikanische Nationen. Aus den sieben ersten Bäumen sind heute 51 Millionen geworden.

Ricarda OpisRicarda Opis

wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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