Aktuelle
Ausgabe
11/22

Alice Ball: Das vergessene Wunderkind

Alice Ball: Das vergessene Wunderkind

Sie wurde nur 24 Jahre alt, doch ihre Arbeit schenkte Tausenden ein besseres Leben: Die junge Chemikerin Alice Ball isolierte aus einer Pflanze das erste wirksame Mittel gegen Lepra. Jahrzehntelang blieb ihr Name vergessen, heute erfährt sie späte Anerkennung

Alice kann kaum über die Tischplatte sehen. Aber der Zauber, der sich vor ihr abspielt, ist es wert, dass sie auf den Zehenspitzen stehen muss. Ihr Vater hantiert vorsichtig mit einer versilberten Platte. Geruchloser Quecksilberdampf steigt auf und lagert sich in winzigen Tröpfchen darauf ab. Er fixiert das Bild in einer Zyankalilösung, und vor Alice’ Augen entstehen Schemen auf der Platte. Bald sieht sie das gestochen scharfe Porträt ihrer Mutter auf dem grausilbernen Hintergrund. Es ist eine Daguerreotypie, ein frühes Foto. Und es ist Alice’ Eintrittskarte in die Welt der Chemie.

Alice Augusta Ball wird im Sommer 1892 im US-amerikanischen Seattle geboren. Sie ist das ungewöhnliche Kind einer ungewöhnlichen Familie: Ihre Eltern und ihr Großvater sind FotografInnen. Alice’ Vater arbeitet für „The Colored Citizen“, die erste Zeitung für schwarze US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner. Ihre Familie gehört der afroamerikanischen Mittelschicht ihrer Stadt an. Von klein auf beobachtet Alice, wie aus Dämpfen und Lösungen Fotos entstehen. Die Chemie lässt sie nie mehr los, als Schülerin bekommt sie in wissenschaftlichen Fächern Bestnoten.

Nach ihrem Schulabschluss studiert Alice an der Universität von Washington Chemie und Pharmazie. Mit gerade einmal 22 Jahren veröffentlicht sie ihren ersten wissenschaftlichen Artikel in einem angesehenen Journal. Bald werben mehrere Universitäten um die talentierte junge Frau. Alice nimmt ein Stipendium der Universität von Hawaii an und zieht auf die Inselgruppe.

Alice interessiert sich für die chemischen Eigenschaften alter Heilpflanzen. In ihrer Masterarbeit untersucht sie den Kava-Pfeffer, aus dem im Pazifikraum ein traditionelles Getränk gebraut wird. Heute werden Teile der Pflanze auch in Medikamenten verwendet. Mit dieser Arbeit schließt Alice ihr Studium ab und wird zur ersten afroamerikanischen Masterabsolventin der Universität. Die will sie nicht gehen lassen und bietet ihr einen Posten als Dozentin und Forscherin an. Denn es gibt ein Problem, das wohl niemand besser lösen kann als Alice.

Die unheilbare Scham

Es gibt eine Krankheit, die zu dieser Zeit nicht behandelbar ist und grausame Folgen für die PatientInnen und ihre Familien hat: Lepra. Auf der Haut von Kranken entstehen gefühllose Flecken. Weil sie dort nichts spüren, verletzen sich viele von ihnen und bemerken es nicht, bis es zu spät ist. Mit der Zeit verlieren viele von ihnen so Finger, Zehen oder ganze Gliedmaßen.

Beinah schlimmer als die Krankheit ist aber die Scham: An Lepra erkrankte Menschen werden damals aus ihren Familien und Gemeinschaften gerissen. Man bringt sie in eigene Sanatorien und Kolonien, der Kontakt mit gesunden Menschen ist verboten. In Alice’ neuer Heimat Hawaii werden die Kranken verhaftet und auf der Insel Molokai isoliert. Sie dürfen sie nie mehr verlassen. Damals weiß man noch nicht, dass Lepra nur schwach ansteckend ist. Und es gibt kein Heilmittel. Es wäre die einzige Chance der Erkrankten, am Leben um sie herum teilnehmen zu können.

Die Geheimnisse alter Heilpflanzen

Das Stigma rund um die Krankheit ist jahrtausendealt, schon in der Bibel ist von ausgegrenzten „Aussätzigen“ die Rede. Im Mittelalter zwingt man Leprakranke, sich auf Schritt und Tritt mit einer hölzernen Klapper anzukündigen, damit Gesunde rechtzeitig ausweichen können. Jahrzehntelang versuchen ForscherInnen, die Krankheit endlich zu verstehen. Keine zwanzig Jahre vor Alice’ Geburt entdeckt der norwegische Arzt Gerhard Hansen schließlich das Bakterium, das die Krankheit auslöst. Doch eine wirksame Behandlung gibt es nach wie vor nicht.

Da ist nur eine Pflanze, der man in China und Indien heilende Eigenschaften zuschreibt: Chaulmoogra, ein unscheinbarer Baum mit hellbraunen Früchten. Doch er lässt sich seine Geheimnisse nur schwer entlocken. Das Öl aus seinen Samen ist zu klebrig, um es wie eine Salbe aufzutragen. Unter die Haut gespritzt nimmt es der Körper nicht auf. Und schlucken können es die PatientInnen nicht, so bitter schmeckt es. Die MedizinerInnen stehen vor einem unlösbar scheinenden Rätsel. Doch der auf Hawaii tätige Arzt Harry Hollmann will nicht aufgeben. Er hat von Alice und ihrer Arbeit gehört, und er bittet sie um ihre Hilfe.

Alice erkennt, dass es eine im Öl enthaltene Fettsäure ist, die gegen den Krankheitserreger wirkt. Ihr gelingt es, diesen wirksamen Bestandteil des Öls zu isolieren und chemisch zu verändern. Mit einem Mal kann das Mittel den Kranken gespritzt werden und seine heilsame Wirkung entfalten. Ihr Körper stößt es nicht mehr ab. Die Chaulmoogra-Lösung kann die Krankheit nicht heilen, aber lindern. Ihr Verlauf wird so verlangsamt, dass die Betroffenen ein großes Stück Lebensqualität zurückgewinnen. Alice Ball ist erst 23 Jahre alt und hat nach Jahrtausenden das erste wirksame Mittel gegen Lepra gefunden.

Der Diebstahl einer Idee

Doch davon erfährt lange niemand. Alice wird krank. Einige vermuten, dass sie im Labor und im Unterricht giftige Chlordämpfe eingeatmet hat, andere sprechen von Tuberkulose. Am letzten Tag des Jahres 1916 verstirbt Alice in ihrer Heimat Seattle. Sie wird nur 24 Jahre alt. Bis heute ist unklar, welcher Krankheit sie erliegt. Ihre Todesursache wurde am Totenschein nachträglich in „Tuberkulose“ geändert, was dort zuvor stand, ist unbekannt.

Ihre Entdeckung konnte Alice vor ihrem Tod nicht mehr öffentlich machen. Doch es gibt jemanden, der Zugang zu ihren Unterlagen hat: Arthur L. Dean, ihr Betreuer und der spätere Rektor der Universität von Hawaii. Er weiß über Alice’ Forschung Bescheid, setzt sie fort und veröffentlicht sie schließlich. Doch es ist keine Würdigung der Toten, sondern Diebstahl: Dean erwähnt Alice mit keinem Wort. Er gibt ihre Entdeckung als seine aus und benennt die von ihr entwickelte Methode sogar nach sich selbst. Alice, das viel zu früh verstorbene Wunderkind, gerät für Jahrzehnte in Vergessenheit.

Doch ihr Mittel wirkt. Nach kurzer Zeit können bereits mehrere Dutzend hawaiianische PatientInnen entlassen werden, die damit behandelt wurden. Von da an wird auf Hawaii niemand mehr auf die Insel Molokai gebracht. Zwei Jahrzehnte lang bleibt Alice’ Entdeckung die größte Hoffnung Leprakranker. In den 1940er-Jahren wird schließlich eine wirksamere Antibiotikatherapie entdeckt, heute gilt die Krankheit als heilbar.

Über 80 Jahre nach ihrem Tod entdeckt eine Professorin an der Universität von Hawaii Alice’ Spuren. Sie setzt die Puzzleteile zusammen, erkennt Alice’ Leistung und kämpft für ihre Anerkennung. Am Campus der Universität gibt es einen Chaulmoogra-Baum, an dem nun eine Erinnerungstafel für Alice angebracht wird. Hawaii erklärt den 29. Februar zum Alice-Ball-Tag, der nun in jedem Schaltjahr gefeiert wird. Doch vielleicht am wichtigsten ist, dass die Heilmethode endlich nach ihrer rechtmäßigen Entdeckerin benannt ist: Man spricht heute von der Ball-Methode.

Ricarda Opis

wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.