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12/22

Tsuda Umeko: Die Bildungsbringerin

Tsuda Umeko: Die Bildungsbringerin

Als kleines Mädchen wird Tsuda Umeko in die USA geschickt, um eine westliche Ausbildung zu erhalten. Bei ihrer Rückkehr ist ihr ihre Heimat fremd – doch sie ruht nicht, bis auch japanischen Mädchen höhere Bildung offensteht.

Umekos Schritte hallen im prächtigen Kaiserpalast von Tokio wider. Fest klammert sie sich an die Hand einer der Frauen, die ihre Gruppe begleiten. Sie flüstern miteinander, und ihr nervöses Wispern hüllt die kleine Gruppe ein wie das Summen einen Bienenstock. Umeko ist erst sechs Jahre alt, doch sie weiß, dass gleich etwas Wichtiges passiert. Sie und die anderen vier Mädchen werden die Kaiserin treffen, die ihnen ein Dokument überreichen wird. Dieses Papier, das hat man ihr eingeschärft, enthält einen wichtigen Auftrag. Die Mädchen sollen ein Schiff besteigen und nach Amerika reisen. Zehn Jahre lang sollen sie dort zur Schule gehen, lernen und schließlich zurückkehren, um ein Vorbild für die japanischen Frauen zu sein. Tsuda Umeko ist erst ein Kind, und sie bekommt an diesem Tag im Jahr 1871 ihren Lebensauftrag.

Im tiefsten Winter 1864 kommt sie im heutigen Tokio zur Welt. Ihre Eltern geben ihr den Namen Ume, Winterkirsche. Kurz nach ihrer Geburt beginnt die Meiji-Periode, die Japan auf den Kopf stellt. Das Land öffnet sich, neue Ideen und Reformen sollen es zu einer modernen Großmacht machen. Dazu gehört, dass Kinder eine Ausbildung nach westlichem Vorbild erhalten. In Japan gibt es damals keine Schulpflicht, Mädchen haben gar keine Möglichkeit, eine Ausbildung zu erhalten. Nun will das Kaiserhaus einige Mädchen für ein Jahrzehnt in die USA schicken, um dort zur Schule zu gehen. Für die meisten Japanerinnen und Japaner ist das undenkbar. Doch Umekos Vater, ein gebildeter Mann, ist Feuer und Flamme. Er meldet seine Sechsjährige an. Gemeinsam mit vier anderen Mädchen zwischen acht und 14 Jahren besteigt sie im November 1871 ein Schiff Richtung Amerika.

Fremde Heimat

Die Mädchen werden voneinander getrennt und in unterschiedlichen Städten untergebracht. Nach nur wenigen Monaten kehren die beiden älteren Mädchen nach Japan zurück, doch Umeko hat Glück. Sie wächst in Washington, D.C. bei einer liebevollen Familie auf. Bald zeigt sich, dass sie vielseitig begabt ist. Sie lernt rasch Englisch, erhält gute Noten und spielt nebenher Klavier. Doch pünktlich zu ihrem Schulabschluss trifft ein Brief der japanischen Regierung ein, der ihre Rückkehr verlangt.

Japan ist ein Schock für die jugendliche Umeko. Sie hat ihre Muttersprache fast gänzlich verlernt und braucht bei allen Besorgungen jemanden, der oder die für sie übersetzt. Zudem eckt sie ständig irgendwo an, ohne es zu wollen. Denn von der großen Idee, mit der die Mädchen in die Ferne geschickt wurden, ist ein Jahrzehnt später wenig übrig. Frauen sollen sich doch lieber ihren Vätern und Ehemännern unterordnen und in Haushaltsführung unterrichtet werden.

Stipendium statt Heim und Herd

Umeko bekommt einen Posten an einer neu gegründeten Mädchenschule. Ihr Stolz, ihrer Heimat etwas zurückgeben zu können, wird bald von leiser Enttäuschung abgelöst. Denn in der Schule werden vor allem „höhere Töchter“ zu guten Ehefrauen erzogen. Umeko will mehr für sich und ihre Schülerinnen. Sie geht zurück in die USA und belegt an einem Frauencollege Kurse in Biologie und Pädagogik. Doch vor allem hält sie dort Vorträge, wirbt bei wohlhabenden US-Amerikanerinnen um Gelder und richtet ein Studienprogramm für junge Japanerinnen ein. Umekos Stipendium ermöglicht ihnen eine Ausbildung in den USA.

Was dort möglich ist, soll auch in Japan möglich sein. Umeko kehrt zurück und beginnt zunächst, wieder an der Mädchenschule zu unterrichten. Doch sie träumt davon, eine eigene Einrichtung zu gründen, an der ihre Schülerinnen wirklich gefordert und gefördert werden. Sie weiß, dass die Öffentlichkeit ihre Träume als unerhört wahrnehmen würde, und weiht nur ihre Freundinnen ein. Eine private Mädchenschule ist zu dieser Zeit undenkbar. Es dauert Jahre, bis ein Gesetz jede japanische Region verpflichtet, zumindest eine öffentliche Mädchenschule einzurichten. Selbst dann bleibt die Qualität des Unterrichts dort mangelhaft.

Vom Haus zum Campus

1900 kann Umeko nicht länger warten. Sie verlässt ihren ungeliebten Posten und gründet „Joshi Eigaku Juku“, eine private Mädchenschule, in der auf hohem Niveau Englisch unterrichtet wird. Sie ist in einem kleinen, zweigeschossigen Haus untergebracht. Der erste Jahrgang umfasst nur zehn Schülerinnen. Mit der Zeit wollen immer mehr Frauen bei Umeko lernen, das Gebäude ist heillos überfüllt. In jedem Zimmer wird unterrichtet. Rastlos schreibt Umeko an Bekannte und Verbündete in den USA, um ein richtiges Schulgebäude zu finanzieren. Bittbrief um Bittbrief sichert sie die Existenz ihres Traums. Drei Jahre später wird ihr Institut von Japan offiziell als Fachschule anerkannt.

Umeko arbeitet rund um die Uhr. Ihre Gesundheit beginnt zu leiden, während ihre Schule wächst. Nach einigen Jahren beginnen erste Absolventinnen, in den USA zu studieren. Sie folgen Umekos Vorbild und unterstützen sie quer über den Ozean finanziell. Die Gelder fließen in einen großen, neuen Campus im Umland von Tokio. Doch Umeko wird ihn nie vollendet sehen. Nach langen Jahren bei schlechter Gesundheit verstirbt sie im Sommer 1929 mit Anfang 60.

Doch ihr Traum lebt weiter. Nach ihrem Tod wird die Schule nach ihr benannt und 1948 in den Universitätsrang erhoben. Mehr und mehr Fakultäten kommen hinzu, bis den Studentinnen dutzende Bildungswege offenstehen. Heute ist die Tsuda-Universität eine der renommiertesten Bildungseinrichtungen Japans.

 

Ricarda Opis

wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.