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Marie Curie: Die Pionierin der Physik

Marie Curies Weg begann als junges Mädchen in Warschau, dem der Zugang zur Universität verwehrt war, und endete als mehrfache Nobelpreisträgerin und erste Professorin an der Sorbonne in Paris. Hinter der langen Liste ihrer unglaublichen Leistungen steckt die Geschichte einer brillanten, ehrgeizigen Frau, die für die Forschung letztlich ihr Leben gab.

Am 5. November 1906 herrscht an der ehrwürdigen Sorbonne in Paris helle Aufregung. Heute wird Madame Curie ihre erste Vorlesung halten, das erste Mal eine Frau an der Pariser Universität lehren! Vor dem Hörsaal drängen sich Schaulustige und Reporter, drinnen stecken die Studenten auf den überfüllten Rängen die Köpfe zusammen. Es ist erst ein halbes Jahr her, dass Pierre Curie umkam, ihr Ehemann, Kollege und kongenialer Partner. Nun übernimmt Madame Curie seinen Lehrstuhl für allgemeine Physik. Ist sie dieser Aufgabe gewachsen? Wird sie auf den Unfalltod ihres Mannes eingehen, gar emotional werden? Als Madame Curie den Saal betritt, wird es mit einem Mal ruhig. Die zierliche Frau mit dem wirren Haarknoten sieht hoch in hunderte erwartungsvolle Gesichter. „Gut“, sagt sie, „wir werden dort weitermachen, wo Sie stehengeblieben sind. Öffnen Sie bitte ihre Bücher.“

Marie Curie wird im November 1867 als Maria Skłodowska in Warschau geboren. Sie ist ein talentiertes Mädchen mit einem besonderen Interesse für Naturwissenschaften. Am liebsten spielt sie mit den Messinstrumenten, die ihr Vater, ein Physiklehrer, in seinem Kabinett verwahrt. Mit fünfzehn Jahren schließt Maria das Gymnasium als Klassenbeste ab. Doch damit sind ihre akademischen Möglichkeiten in Polen ausgeschöpft. Frauen ist es nicht erlaubt, die Universität zu besuchen. Heimlich belegt sie darum Vorlesungen an der „Fliegenden Universität“, die im Untergrund eine Weiterbildung ermöglicht. Für ein Studium im Ausland fehlt der Familie das Geld. Darum arbeitet Maria mehrere Jahre lang als Hauslehrerin und spart ihren Lohn. 1891 hat sie genug Geld beisammen, um nach Paris zu gehen. Dort schreibt sie sich an der Sorbonne für ein Physikstudium ein.

Maria lebt in einem Zimmerchen nahe der Universität, ernährt sich hauptsächlich von Tee und trockenem Brot und lernt bis zur Erschöpfung. 1893 schließt sie als Beste ihres Jahrgangs ihr Lizenziat in Physik ab. Sie erhält ein kleines Stipendium und erlangt im Jahr darauf als Zweitbeste auch ihr Lizenziat in Mathematik. Nach dem Studium erhält sie den Auftrag, die Eigenschaften verschiedener Stahlsorten zu untersuchen. Doch für ihre Experimente benötigt sie Platz, den sie nicht hat. Man verweist sie an den jungen Wissenschafter Pierre Curie, in dessen Labor ein Platz frei ist. Curie ist von der ernsthaften, brillanten jungen Forscherin fasziniert und verliebt sich in sie. Maria erwidert seine Gefühle. Die beiden werden nicht nur ein Ehepaar und Eltern zweier Töchter, sondern auch ein wissenschaftliches Team. Maria nimmt den Namen Curie an und ändert ihren Vornamen auf das französische Marie.

Um diese Zeit macht der Physiker Antoine Becquerel eine aufsehenerregende Entdeckung: Von Uran geht eine Strahlung aus, die in der Lage ist, Fotoplatten zu schwärzen. Marie, die nach einem Thema für ihre Doktorarbeit sucht, möchte diese Strahlung genauer erforschen. Als sie uranhaltige Stoffe untersucht, stellt sie fest, dass manche von ihnen viel stärker strahlen als reines Uran. Von Pechblende, einem dunklen, brockenförmigen Mineral, geht eine viermal stärkere Strahlung aus. Marie schließt daraus, dass darin noch ein unbekanntes chemisches Element enthalten sein muss, das die starke Strahlung verursacht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann versucht sie, dieses Element herauszulösen. Bald erkennen die beiden, dass es sich nicht nur um ein, sondern um gleich zwei unbekannte Elemente handelt. Das erste nennen sie zu Ehren von Maries Heimat Polonium. In ihrem Bericht über das Polonium prägt Marie für die starke Strahlenaktivität das Wort „Radioaktivität“.

Nun arbeiten die Curies daran, aus Tonnen der schwarzen Pechblende eine Probe des zweiten Elements zu isolieren. Schließlich gewinnen sie ein Zehntelgramm davon. Es ist neunhundert Mal so radioaktiv wie Uran, und die Curies nennen es Radium. Marie trägt die Probe, von der ein schwaches Leuchten ausgeht, oft in ihrer Tasche bei sich. Ihre Finger entzünden sich von der Arbeit mit dem radioaktiven Material, und sowohl Pierre als auch sie sind ständig erschöpft. Damals weiß man noch nicht, welche schädlichen Auswirkungen die Strahlung auf den Körper hat. So entsteht rund um Radium ein regelrechter Hype. Der gefährliche Stoff wird in Pflegeprodukten und für Wecker verwendet, deren Ziffern im Dunklen leuchten. Andererseits werden auch Krebspatienten erstmals mit Strahlentherapie behandelt: Die sogenannte „Curie-Therapie“ ist ein medizinischer Durchbruch und ein Erfolg, auf den Marie zeitlebens stolz ist.

Das Ehepaar Curie gewinnt für die Entdeckung der beiden neuen Element zahlreiche renommierte Auszeichnungen und Preise. Doch die größte Auszeichnung steht noch bevor: Im November 1903 erhalten die Curies einen Brief aus Stockholm. Gemeinsam mit Antoine Becquerel, dem ursprünglichen Entdecker der Radioaktivität, erhalten sie den Nobelpreis für Physik. Doch die Reise nach Schweden können sie erst Jahre später antreten: Beide sind von der Arbeit zu geschwächt, und Marie hat eine Fehlgeburt erlitten.

Im Herbst 1904 wird für Pierre an der Sorbonne ein Lehrstuhl für Physik geschaffen, Marie wird die Leitung des zugehörigen Labors übertragen. Doch eineinhalb Jahre später kommt Pierre bei einem Verkehrsunfall um. Marie verliert nicht nur ihren romantischen, sondern auch ihren wissenschaftlichen Partner. Jahrelang kleidet sie sich in schwarz und zieht mit ihren Töchtern um, um näher an seinem Grab zu sein. Da sie die am besten geeignete Person ist, um Pierres Lehrtätigkeit fortzusetzen, übernimmt sie dessen Lehrstuhl an der Sorbonne. Damit ist sie die erste Professorin an der renommierten Universität. Trotzdem braucht es einige Zeit, um sie auch als solche anzuerkennen: Erst als sie bereits seit zwei Jahren lehrt, überträgt ihr die Universität die ordentliche Professur.

Es ist ein Muster, das sich durch Maries Karriere zieht. Im Jahr 1910 verweigert ihr die französische Académie des sciences die Aufnahme, weil sie eine Frau ist. Als sie doch noch nominiert wird, verliert sie mit zwei Stimmen Rückstand. Der Vorfall wird innerhalb der Akademie und in den Medien hitzig debattiert. Marie bewirbt sich nie wieder, und erst fünfzig Jahre später nimmt die Akademie schließlich eine Frau in ihre Reihen auf.

Das nächste Jahr bringt Marie den größten Erfolg und gleichzeitig den größten Skandal ihres Lebens. Sie hat sich nach dem Tod ihres Mannes neu verliebt – in den Physiker Paul Langevin, einen verheirateten Mann. Die Affäre wird publik und die Scheidung der Langevins in einem öffentlichen Gerichtsverfahren ausgestritten. In ganz Frankreich kennt man kein anderes Thema mehr, und Marie wird in den Medien heftig angefeindet. So nimmt kaum jemand Notiz davon, als in Schweden eine wichtige Entscheidung fällt: Der Nobelpreis für Chemie geht für ihre Arbeit mit dem Radium an Madame Curie. Damit ist sie der erste Mensch, der zwei Nobelpreise erhält, und bis heute eine von nur zwei Personen, die Nobelpreise auf verschiedenen Fachgebieten erhielten. Doch neben ihrem Privatleben gerät diese Leistung in den Hintergrund. Mehrmals wird versucht, sie an einer Reise zur Preisverleihung zu hindern. Doch Albert Einstein bittet sie in einem Brief, sich nicht beeindrucken zu lassen und den Nobelpreis auf jeden Fall entgegenzunehmen. Und das tut sie auch.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, arbeitet Marie als Radiologin in Krankenhäusern und bildet Frauen zu Röntgenfachkräften aus. Außerdem entwickelt sie mobile Röntgengeräte, um Verwundete an Ort und Stelle untersuchen zu können. Insgesamt zwanzig dieser Wagen, die man nach ihr „Petite curies“ nennt, rüstet sie aus. Anschließend macht sie den Führerschein, um sie selbst in Lazarette an der Front lenken zu können. Nach dem Krieg arbeitet sie im eigens für sie geschaffenen Radium-Institut in Paris und engagiert sich im Völkerbund für wissenschaftliche Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg.

Im Sommer 1934 verstirbt Marie Curie an den Folgen der Strahlenkrankheit, die sie sich durch ihre Arbeit mit radioaktivem Material zugezogen hat. Seite an Seite mit Pierre wird sie im Panthéon, der französischen Ruhmeshalle, begraben. Ein Jahr nach ihrem Tod erhält ihre Tochter Irène ihrerseits einen Nobelpreis in Chemie – für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität.

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Ricarda OpisRicarda Opis

wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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