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Heldinnen der Kindheit

Auf Postern abgebildet hängen sie an Kinder­­zimmerwänden, sie sind zu finden in Bücherregalen oder werden einfach tief im Herzen getragen: Viele Mädchen haben weibliche Vorbilder und Identifikationsfiguren, die stärken, trösten und sogar ein Leben lang prägen können. Vier Frauen erzählen von ihren Heldinnen der Kindheit.

Die Heldinnen meiner Kindheit lebten in verschiedenen Epochen und Ländern, sie hatten ganz unterschiedliche Lebenswege und Denkweisen. Bei mir leben sie aber (bis heute) auf engstem Raum nebeneinander – Buchrücken an Buchrücken in meinem alten Kinderzimmer. Wenn ich an die Frauen denke, die mich in der Kindheit, abseits von Mutter, Großmüttern und Tanten, geprägt haben, finde ich sie alle hier dicht an dicht: Christine Nöstlinger, Astrid Lindgren, Mira Lobe, Enid Blyton, Renate Welsh, ­Judith Kerr, Brigitte Hamann et cetera.

Sie haben mich auf meiner Matratze vor dem Bücherregal auf Reisen in andere Welten mitgenommen. Nöstlinger führte mich in die für mich faszinierende Welt der Wiener Hinterhöfe mit frechen Gören, Patchworkfamilien und Konservenkindern, Astrid Lindgren in das Idyll der schwedischen Weite, mit Bilderbuchfamilien, Fantasiewesen und bärenstarken Mädchen, Mira Lobe in die poetischen Welten, die auch der Alltag bereithält und die Weisheit der Kinderliteratur, Enid Blyton in das unbeschwerte Miteinander in englischen Mädcheninternaten, Renate Welsh in die Gefühlswelten und Freundschaften von Kindern, Brigitte Hamann in die Geschichten der Habsburger oder der Mozarts, und Judith Kerr hat mit spielerischer Leichtigkeit ihr Fluchtschicksal im Zweiten Weltkrieg erzählt.

Wenn ich diese Bücher, die so unterschiedlich sind, jetzt aufschlage, öffnen sich auch diese Welten wieder. Die Gefühle, die ich dabei als Zehnjährige hatte, werden wieder lebendig. Ich habe die Geschichten und ihre Heldinnen wieder vor Augen. Schon damals haben mich nicht nur Pippi, Madita, Friederike, Dolly, Anna oder Lisa begeistert, sondern vor allem die Frauen, die diese Geschichten für uns Kinder schrieben und uns damit einen Schatz fürs ganze Leben schenkten.

Meine Heldin der Kindheit: MARIE CURIE

Alexandra Schulz, Lehrerin

Als junges Mädchen hat mich Marie Curie sehr beeindruckt. Wir haben in der Unterstufe ein Buch über sie gelesen, gleichzeitig begann der erste Physik- und Chemieunterricht. Durch die Beschreibungen in dem Buch über Marie Curie konnte ich mir das karge Leben ihrer Kindheit, ihre Anfangsjahre in Polen und ihre Zeit in Paris so gut vorstellen. Mich faszinierte dieses intelligente Kind, das nicht aufgab und etwas aus sich gemacht hat. Mich hat begeistert, dass sie immer den ungemütlichen Weg gegangen ist, sich ganz der Forschung widmete und sich schon damals durch ihre Verdienste in einer Männerwelt durchsetzen konnte. Ich selbst bin eher eine Praktikerin. Wenn es im Fach Physik in der Schule zu abstrakt wurde, bin ich ausgestiegen. Dass es Menschen gibt, die über dermaßen komplexe Berechnungen zu einem Ergebnis gelangen, habe ich immer spannend gefunden.

Als Lehrerin motiviere auch ich jetzt die Kinder, selbst auszuprobieren und zu forschen beziehungsweise zu hinterfragen und dadurch Zusammenhänge besser zu verstehen. Ich streiche die Bedeutung von Forschung und WissenschaftlerInnen bewusst heraus und versuche, die Kinder neugierig zu machen.
Marie Curie fasziniert mich nach wie vor, weil sie unbeirrbar und geradlinig ihren Weg gegangen ist. Ich selbst bin eher anders und habe beruflich immer wieder Neues ausprobiert. Deshalb habe ich höchsten Respekt vor Menschen, die schon früh wissen, welchen Weg sie gehen möchten, ihre Stärken kennen und ihre Vision zielgerichtet verfolgen.

Weitere Artikel zu Marie Curie:

> Marie Curie: Die Pionierin der Physik

> Kinderbuch: Marie Curie

Tamara Hochstetter

Meine Heldin der Kindheit: ANNEMARIE MOSER-PRÖLL

Tamara Hochstetter, Inhaberin eines Einrichtungsgeschäfts

Als ich ein Schulmädchen von etwa neun Jahren war, habe ich viel Zeit bei meiner Großmutter verbracht. Am Wochenende schauten wir uns immer Skirennen an, und Annemarie Moser-Pröll war damals gerade am Höhepunkt ihrer Karriere. Ich war zu dieser Zeit selbst mit meinem Vater oft Ski fahren und bin auch mit dem Skiverein Rennen gefahren. Annemarie Moser-Pröll war mein großes Vorbild – wegen ihrer sportlichen Leistung, aber auch wegen ihrer positiven Ausstrahlung.

Annemarie Moser-PröllDamals hatten die Skistars einen riesigen Stellenwert, das war auch die Zeit von Franz Klammer und Werner Grissmann. Die Rennen im Fernsehen waren ein ­Familienereignis, wir alle fieberten mit.

Annemarie Moser-Pröll war mein sportliches Idol, ich wäre gern so gut gefahren wie sie. Ich habe sie als positiven, bodenständigen und motivierten Menschen erlebt, sie war nie missgünstig oder überheblich. Ich habe mich mit ihr auch so gut identifizieren können, weil sie eher burschikos war. Zu mir haben sie damals auch „Burschi“ gesagt, ich hatte kurze Haare und war nicht sehr mädchenhaft gekleidet.

Später hörte meine Begeisterung für sie auch wieder auf. Sie hat ja in den vergangenen Jahrzehnten auch manche zweifelhaften Aussagen – unter anderem zur „#MeToo“-Debatte – gemacht, damit habe ich mir schon schwergetan.

Birgit Hochrainer

Meine Heldin der Kindheit: „HANNI UND NANNI“

Birgit Hochrainer, Autorin

Da ich mit einem Bruder aufgewachsen bin und auch in unserem Haus damals nur Buben lebten, waren Mädchengeschichten für mich etwas Schönes. Ich habe es geliebt, dass die Zwillinge in den Büchern so viel mit ihren Freundinnen erlebten. Das Internatsleben mit Streichen und Mitternachtspartys hat mich besonders fasziniert, ich wollte lange unbedingt ins Internat gehen. Das klang für mich nach Freiheit pur – dass die Realität ganz anders ist, war mir damals nicht bewusst. All meine Lieblingsbücher in der Kindheit haben in Internaten gespielt. In der Nähe meiner Schule war ein Schloss, in dem ein Lehrlingswohnheim untergebracht war – das hat mich und meine Freundinnen sehr fasziniert, wir haben es von der Ferne immer bewundert und uns das Leben dort sehr idealisiert vorgestellt.

Meine Freundinnen und ich haben auch „Hanni und Nanni“ in verteilten Rollen gespielt, das hat meine Fantasie beflügelt, und bis heute denke ich mir gerne Geschichten aus.

Heute bin ich Mutter von drei Söhnen, mit ihnen lese ich das Bubenpendant „Die Jungen von Burg Schreckenstein“, das auch im Internat spielt. Wenn ich ihnen zuschaue, wie sie sich jetzt im Garten mit ihren Freunden Rollenspiele und Geschichten ausdenken, merke ich, dass die Fantasie aus den Mädchenbüchern mich noch immer beflügelt.

Hemma Schmutz

Meine Heldin der Kindheit: MEINE GROSSMUTTER

Hemma Schmutz, Museumsdirektorin

Wir haben meine Großmutter jedes Jahr im Sommer besucht, die ganze Familie hat das mit einem Urlaub verbunden. Wir waren dann ein bis zwei Wochen in dem Bergbauerndorf ­Maria Luggau im Lesachtal, in dem meine Großeltern lebten.

Der Besuch im Lesachtal war für uns wie Ostern und Weihnachten zusammen. Diesen besonderen Ort hat meine Großmutter zu dem gemacht, was er war. Wenn sie uns an der Tür empfing, fühlten wir uns richtig zu Hause. Das Leben am Bauernhof war wie vor 100 Jahren, es gab ein Plumpsklo und einen großen Herd in der Küche. Es war magisch, ihr beim Kochen am offenen Feuer zuzusehen. Wir haben im Heu und im Stall gespielt und diese Zeit als extrem frei erlebt.

Heldin meiner KindheitMeine Großmutter wurde 1907 hier geboren, sie hat zehn Kinder geboren und mittlerweile mehr als 100 Nachkommen. Die Arbeit war für meine Großeltern sehr hart und ist so heute gar nicht mehr vorstellbar.

Wir Enkelkinder wurden herzlich von ihr aufgenommen und waren Teil einer großen Gemeinschaft. Es gab eine große Verlässlichkeit, die Liebe meiner Großmutter war nicht an Bedingungen gebunden. Sie hat uns ins Herz geschlossen, dieses Annehmen habe ich extrem genossen. Sie war immer gleich und ohne Launen – sie hat sich nie beschwert und ihren Platz in der Welt nicht angezweifelt.

Meine Großmutter ist für mich Vorbild durch ihre positive Art und Beständigkeit. Ich bin ihr dankbar, wie sie mit ihrer Güte, mit bestimmten Speisen und Ritualen diese Atmosphäre und diesen sicheren Ort schaffen konnte.

Fotos: Alexandra Grill, www.salon-hochstetter.at, wikimedia commons, Bernd Tschakert, LENTOS Kunstmuseum Linz/maschekS, privat

Erschienen in „Welt der Frauen“ Juni 2020

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