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10/22

Jacqueline Straub: Mut zur Wut

Jacqueline Straub: Mut zur Wut

Jacqueline Straub (31) studierte katholische Theologie und arbeitet als Journalistin in der Schweiz. Seit ihrer Jugend möchte sie katholische Priesterin werden.

Renate Stockinger: Sie packen in Ihrem Buch „Wir gehen dann mal vor“ heiße Eisen an: Frauenpriestertum, Zölibat, Segnung homosexueller Paare, Geschiedene. Und Sie plädieren für Mut zu Wut. Ist Wut die letzte Möglichkeit, etwas in Bewegung zu bringen?

Jacqueline Straub: Ich glaube, schon. Wir haben sehr viel probiert. Wir haben Dialog probiert oder einfach still sein und auf die Bischöfe vertrauen. Gerade die ältere Generation der Frauen war auch sehr demütig. Aber im Endeffekt hat sich nichts geändert. Ich glaube, dass dieses beherzte Voranschreiten, dieses mutige Auftreten, aber auch wütend sein und die Emotionen nicht mehr unter den Teppich zu kehren, wichtige Instrumente sind, um weiterhin kämpfen zu können. Denn der Kampf für Veränderung in der Kirche wird noch sehr lange dauern. Darum muss man eine Strategie entwickeln, die nicht sofort resignieren lässt.

Wäre es nicht besser, auszutreten?

Das glaube ich eben nicht. Ich bleibe, weil ich die Kirche von ganzem Herzen liebe und Veränderungspotenzial sehe. Ein weiterer Grund ist, dass ich es den reaktionären Kräften nicht so einfach machen will. Ich kann nicht verantworten, dass im Namen der Kirche Homosexuelle diskriminiert werden, dass Geschiedene ausgegrenzt, dass Frauen klein gemacht werden. Deshalb bleibe ich – um eine Gegenstimme zu sein. Aber ich verstehe jede einzelne Person, die austritt. Die Kirche liefert uns leider Gottes genügend Argumente dafür.

 

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Sie möchten Priesterin werden. Wie groß schätzen Sie die Chance ein, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht?

Das kommt ganz auf die Tagesverfassung an und auf welche Gruppen in der Kirche ich gerade treffe. Ich lebe in der Hoffnung, dass ich es noch erreichen werde. Aber wenn es so sein sollte, dass ich im hohen Alter als Nichtpriesterin sterbe, dann werde ich immerhin wissen, dass ich ganz viel getan habe für die kommenden Generationen. Und das wird mir genauso Genugtuung geben, wie selbst Priesterin sein zu können.

Hat die katholische Kirche Zukunft?

Ich glaube, sie hat Zukunft. Weil es ja auch ganz viele Menschen in der Kirche gibt, die schon viel Tolles machen, die schon jetzt überlegen, wie die Kirche von morgen aussehen kann. Diese Menschen geben mir Hoffnung auf eine Zukunft der Kirche. Natürlich gibt es dann wieder Momente, in denen ich denke: da tut sich ja gar nichts. Wenn im Vatikan wieder solche Machtproblemchen auftauchen zum Beispiel. Aber ich möchte mich eben nicht nur am Negativen aufhängen, sondern immer wieder betonen, was eigentlich alles schon gut läuft in der Kirche. Und da gibt es zum Glück ganz viele Menschen, die da ganz Großartiges leisten.

„Ich kann nicht verantworten, dass im Namen der Kirche Homosexuelle diskriminiert werden, dass Geschiedene ausgegrenzt, dass Frauen klein gemacht werden. Deshalb bleibe ich – um eine Gegenstimme zu sein.“

Sie verstehen aber diesen Frust und diese Wut von wahrscheinlich vorwiegend Frauen, die sagen, dass sie sind kurz davor sind, auszutreten oder es vielleicht schon getan haben?

Ja. Ich verstehe diese Personen und bewundere die Frauen. Auch männliche Laien haben es nicht leicht in der Kirche, aber Frauen haben es doppelt schwer. Vor allem die engagierten Frauen. Sie entwickeln tolle Projekte und dann kommt zum Beispiel ein neuer Pfarrer und es geht gar nichts mehr. Ich verstehe den Frust und die Enttäuschung und auch, dass die Frauen resignieren.

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihr Engagement und Ihr Buch?

Vor kurzem hat mir eine Frau geschrieben, dass sie knapp davor war, auszutreten, weil sie sich schon seit Jahrzehnten engagiert, aber sich einfach nichts bewegt. Sie hat dann mein Buch gelesen und dadurch wieder Hoffnung und Mut geschöpft, zumindest noch für eine gewisse Weile in der Kirche zu bleiben. Das hat auch mir Kraft gegeben.

Sie erhalten aber auch andere Antworten.

Es gibt natürlich auch negative Reaktionen von Leuten, die mich als vom Teufel besessen bezeichnen und behaupten, ich zerstörte die Kirche und würde in die Hölle kommen. Es gab sogar einmal jemanden, der mir geschrieben hat, dass er um einen Exorzismus für mich gebetet hat, damit ich wieder auf den richtigen Weg komme. Da habe ich zurückgeschrieben, dass es leider nicht geholfen hat, er solle es vielleicht noch einmal probieren. Man muss diesem Hass auch manchmal mit Humor begegnen und vor allem mit ganz viel Liebe. Sonst zerbricht man. Und das wollen diese Gegnerinnen und Gegner natürlich erreichen. Aber ich glaube, ich bin ein sehr fröhliches Gemüt, und daher akzeptiere ich diesen Hass einfach nicht. Ich versuche, ihn in Liebe und Produktivität umzuwandeln.

„Welt der Frauen“-Ausgabe Jänner/Februar 2022Unsere Rubrik „Glaubensfrage“ erscheint monatlich in unserer Printausgabe. Das Interview mit Jacqueline Straub können Sie in der „Welt der Frauen“-Ausgabe Jänner/Februar 2022 nachlesen.