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„Einen Gottesdienst, in dem nur vom ,Vater & Herrn‘ gesprochen wird, halte ich nicht mehr aus“

„Wenn ich das Vater unser einleite, dann oft mit dem Zusatz, dass Gott Vater als auch Mutter für uns ist. Wir müssen unsere Worte besser wählen!“ sagt Dagmar Ruhm. Die studierte Theologin und Religionspädagogin vertritt ab sofort als Sprecherin das Österreichische Frauenforum für feministische Theologie. Warum sie diese Position übernimmt und welche Ziele sie verfolgt, erzählt die 59-jährige, geborene Niederösterreicherin im Gespräch.

Sabine Kronberger: Frau Ruhm, seit 20. Jänner sind Sie gewählte Sprecherin des Österreichischen Frauenforums für feministische Theologie (ÖFFTh). Worum handelt es sich bei dieser Organisation und wofür steht sie?

Dagmar Ruhm: Wir sind keine kirchliche Institution. Wir sind ein politisch und kirchlich unabhängiger Verein mit demokratischer Verfassung. Es gibt Landes- und Projektgruppen, die sich auf Bundesebene selbständig vernetzen können. Wir haben Kontakt zu feministischen Projekten und Organisationen im In- und Ausland. Vier Schlagworte charakterisieren unser Tun: feministisch, theologisch, politisch, spirituell.

Seit wann und warum gehören Sie dieser Organisation an?

Seit 30 Jahren bin ich Mitglied. Als leitende Seelsorgerin in den oberösterreichischen Pfarren Haid und Pucking sowie auch in all meinen beruflichen Stationen zuvor war und ist es mir immer wichtig, die feministische Theologie zu propagieren und die Gleichstellung innerhalb pfarrlicher Abläufe voranzubringen. Die ÖFFTh steht für diesen spirituellen Wunsch nach Gleichstellung und bietet feministische Liturgien an vielen Orten in Österreich. Zudem geben wir Hinweise auf Veranstaltungen und Angebote von Mitfrauen, organisieren Workshops, Ausflüge, Seminare und Lesekreise; wir fördern die Auseinandersetzung mit Feministischer Theologie und Ethik, und wir vermitteln qualifizierte Referentinnen.

Welche Aufgaben werden Sie als Vorsitzende haben?

Einige Dinge werden sich sozusagen „im Gehen“ ergeben, aber in erster Linie möchte ich Frauenorganisationen vernetzen beziehungsweise mich mit ihnen vernetzen. Zudem möchte ich genau festhalten, was in den Kirchen an Veränderungen ansteht, auch hin und wieder Artikel zu unseren Themenkreisen verfassen. Mein Anliegen ist, dass Weiheämter in den Kirchen endlich auch für Frauen geöffnet werden. Es soll in allen Diözesen mehr daran gearbeitet werden, Frauenrechte umzusetzen oder überhaupt erst einmal zu beachten. Frauen sollen auch in kirchlichen Funktionen und Berufen gleichbehandelt werden. Erst wenn auch Seelsorgerinnen in allen Pfarren Wortgottesdienste, Begräbnisse und Taufen halten dürfen, ist ein erstes Ziel erreicht.

Sie sprechen sich also auch dafür aus, dass Theologinnen Pfarren leiten dürfen?

Aus theologischer Sicht ist das wichtig und richtig. Wie Mann und Frau als Ebenbild Gottes geschaffen wurden, soll ihnen auch der kirchliche Auftrag gleichermaßen zuerkannt und überantwortet werden. Glauben Sie mir, es macht etwas mit der Gesellschaft, wenn sichtbar wird, dass Mann und Frau nebeneinander in Respekt und Gleichstellung in kirchlichen Rollen auftreten.

Dagmar Ruhm
Glauben Sie mir, es macht etwas mit der Gesellschaft, wenn sichtbar wird, dass Mann und Frau nebeneinander in Respekt und Gleichstellung in kirchlichen Rollen auftreten.

Das Thema „Frauen in der Kirche“ und im Allgemeinen begleitet Sie aber nicht erst seitdem Sie ihre neue Funktion innehaben.

Nein, ich bin Gründungsmitglied des Vereins Frauenhaus Braunau, habe aus theologischer und spiritueller Sicht viele Stationen durchlaufen, bei denen Frauen im besonderen Fokus meiner Arbeit standen. Unter anderem habe ich auch immer wieder spirituelle Abende für Frauen veranstaltet, die gerne angenommen wurden. Ich war neun Jahre als Vertreterin der Theologinnen Mitglied der Frauenkommission der Diözese Linz.

In ihren aktuellen beruflichen Heimatpfarren sind Sie auch für die Predigt verantwortlich, wie gestalten Sie diese und wie wird das angenommen?

Ich bereite jedes Wochenende eine Predigt vor, einmal für Haid, einmal für Pucking, immer abwechselnd. Man ertappt sich selbst als feministische Theologin manchmal dabei, im Zusammenhang mit dem Begriff Gott immer von einer männlichen Person zu sprechen. Besonders beim „Vater unser“ gebe ich deshalb immer den Zusatz, dass man als Betende oder Betender Gott gleichsam als Vater und Mutter sehen darf. Viele Messbesucher atmen auf, wenn ich das sage, es tut ihnen gut. Mein Anliegen ist, dass man wieder mehr Menschen den Zugang zu Spiritualität und Glaube ermöglicht, sie nicht durch alte Bilder abschreckt und sie einlädt mitzufeiern. Einen Gottesdienst, in dem ausschließlich vom „Vater und Herrn“ gesprochen wird, würde ich nicht mehr aushalten, das passt nicht mehr.

Haben Sie eine Erklärung, warum so viele Menschen den Gottesdiensten fernbleiben?

Was Menschen in Pfarren oftmals kennenlernen, ist abschreckend. Das Programm spricht junge Menschen mit einem Sinn für Gleichstellung einfach vielerorts nicht mehr an. Jeder Mensch möchte als Person gefragt sein. Dieses Gefühl wieder zu vermitteln, wäre wichtig.

Wenn Sie einen Tag lang Kirche neugestalten könnten, was wäre Ihre erste Tat?

Ich würde sofort für Gleichstellung in allen Ämtern sorgen, den Pflichtzölibat aufheben, eine lebendige Kirche initiieren und darauf achten, dass ein Pfarrer, eine Pfarrerin, nicht mehr als zwei Orte für die Seelsorge zu verantworten hat.

Über das Österreichische Frauenforum für Feministische Theologie

Durch die Beschäftigung mit feministischer Theologie bildeten sich in den 80er-Jahren an den theologischen Fakultäten Österreichs verschiedene Frauengruppen: Frauen erlebten eine männerzentrierte Theologie, in der sie, wenn überhaupt, nur als ein verzerrtes Bild ihrer selbst vorkamen. Frauen teilten die Erfahrung, in der Kirche benachteiligt zu sein. Der gemeinsame Wille wuchs, etwas zu verändern und aus der Vereinzelung herauszutreten. Vom 7. bis 9. Februar 1986 trafen sich 56 Frauen aus diesen Gruppen und gründeten das Österreichische Frauenforum Feministische Theologie (ÖFFTh).

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