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„Wir brauchen den Mut, auf Andersdenkende zuzugehen“

Regina Polak ist assoziierte Professorin für Praktische Theologie und Religionsforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Die Entwicklungen in der Gesellschaft machen ihr große Sorgen.

Sophia Lang: Eine Krise kann nur mit Zusammenhalt gemeistert werden, aber derzeit scheint die Kluft, die die Gesellschaft spaltet, unüberwindbar. Haben Sie Hoffnung?

Regina Polak: Eine Gesellschaft wie Österreich muss sich nicht vereinen, denn Konflikte sind Teil des demokratischen Diskurses. Zur Demokratie gehört aber auch, Verantwortung für das Gemeinwohl anzuerkennen und aktiv zu übernehmen sowie die Bereitschaft zur Solidarität mit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Auch die Anerkennung von Rechten und der Versuch, auf der Basis von Vernunft und Fakten im Gespräch mit Andersdenkenden das jeweils beste Argument zu finden, gehören zu den Grundlagen der Demokratie.

Derzeit sehe ich es in manchen Teilen der Gesellschaft um diese elementaren Bedingungen sozialen Zusammenhalts nicht gut bestellt und mache mir große Sorgen. Meine Hoffnung setze ich auf die derzeit leider ziemlich stille Mehrheit der Vernünftigen und Gemäßigten. Nur wenn diese sich zu Wort melden, kann man der Dominanz der extremen, polarisierenden Stimmen etwas entgegenhalten. Auch die Medien spielen hier eine Rolle. Sie sollten die Spaltung nicht herbeireden und Menschen dadurch zwingen, sich zu einem – angeblichen – Lager bekennen zu müssen.

Wir brauchen den Mut, auf Andersdenkende zuzugehen und sie aktiv zu verstehen versuchen!

Welchen Beitrag kann oder sollte die Kirche leisten, um der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken?

Zuallererst sollte sie die gesellschaftliche Polarisierung im Inneren nicht verdoppeln. Denn sogar innerhalb von Glaubensgemeinschaften zerbrechen Familien und Freundschaften aufgrund unterschiedlicher politischer Positionen. Statt die Spaltungs-Rhetorik zu befeuern, sollte die Kirche auf Dialog-Plattformen setzen und Räume öffnen, in denen Menschen einander begegnen, die sich in unserer segregierten Gesellschaft oft nicht mehr kennen.

Sie könnte dabei als eine Art Role-Model fungieren und zeigen, wie man Konflikte lösen kann. Dazu bedarf es freilich entsprechender Kenntnisse und Bildung, um zu qualifizierter Meinungsbildung beizutragen – nicht zu Letzt sehe ich hier eine Aufgabe für die christliche Sozialethik, in der Verantwortung, Gemeinwohlverpflichtung und Gerechtigkeit eine zentrale Bedeutung haben.

Wie schaffen wir es, eine Brücke zwischen uns und unserem Gegenüber zu bauen?

Wir brauchen mehr Nachdenklichkeit. Derzeit nimmt die Bereitschaft ab, Argumente Andersdenkender auch nur anzuhören oder Probleme sachgerecht und differenziert gemeinsam zu diskutieren. Stattdessen wächst der Bedarf nach Zugehörigkeit zu weltanschaulich angeblich eindeutigen Gruppen und Bewegungen. Was wir also brauchen, ist unter anderem eine größere persönliche Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.

Wir brauchen den Mut, auf Andersdenkende zuzugehen und sie aktiv zu verstehen versuchen, den Willen, auch im Konfliktfall im Dialog zu bleiben, die Fähigkeit, Konflikte mit Respekt voreinander auszutragen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, sowie die Bereitschaft zum Verzeihen.

„Welt der Frauen“-Ausgabe Jänner/Februar 2022Unsere Rubrik „Glaubensfrage“ erscheint monatlich in unserer Printausgabe. Das aktuelle Interview mit der Theologin & Journalistin Jacqueline Straub können Sie aber auch online nachlesen. HIER!

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