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Selbstversuch: Was sagt mein Bauchgefühl?

Ich wackle mit den Hüften und wiege mich im Rhythmus arabischer Musik. Ich versuche es jedenfalls. Mein Bauch und ich tanzen.

Das Licht kleiner Lampen, die Teppiche, Wandbehänge und Schleier in warmen Rot- und Goldtönen, da und dort orientalische Figuren und Wandornamente und ein unendlich wohltuender Duft: Mich zieht es förmlich hinein in diesen Raum, der von seiner Besitzerin „Tanzpalast“ genannt wird. In meinem Outfit – Trainingshose, Leibchen, Socken – fühle ich mich etwas deplatziert, als ich mich auf dem Boden niederlasse. Ich bin beim Bauchtanz-Schnuppertraining bei Nura.

Ich stand dieser Bewegungsform bisher ja skeptisch gegenüber. Das liegt daran, dass ich bei der Vorstellung, meinen Bauch, der rund und üppig ist, frei zu machen und ihn auch noch sichtbar im Rhythmus der Musik zu wiegen, in Schnappatmung verfalle. Die Trainingshose ist also doch nicht so verkehrt und verhilft mir zu etwas Sicherheit. Nura, unsere Lehrerin und eine ihrer langjährigen Schülerinnen, die den Workshop ebenfalls begleitet, sind in fließende, bauchfreie Gewänder gehüllt. Beide sehen wunderschön aus.

Nura erzählt uns sieben Frauen vom orientalischen Tanz – so  heißt der Bauchtanz korrekterweise –, von seiner Geschichte und Verbreitung. Dann geht’s ans Aufwärmtraining mit Lockerungsübungen, Liegestützen und Co. Schwitzend  erkenne ich schnell: Diese Bewegungsform scheint prädestiniert für eine ansteigende Fitnesskurve zu sein. Wir kommen zu ersten Bewegungen des orientalischen Tanzes. Nura erklärt, dass man keiner fixen Choreografie folgt und daran auch authentischer Bauchtanz erkennbar sei. Es gehe um die Sinne, um das Spüren. Ich spüre, begleitet von schmeichelnder Musik, meine Mühe mit den Bewegungen meiner Hüften, meiner Arme und Hände. Im Tanzpalast gibt’s große Spiegel, die alle Mühen schonungslos widerspiegeln.

Irgendwann sollte es laut Nura so sein, dass man sich als Tanzende dem Gefühl völlig hingibt. Die Bewegungen würden sich aus dieser Hingabe heraus entwickeln. Hingabe! Hier und jetzt, in diesem orientalischen Ambiente, spüre ich tatsächlich eine Sehnsucht danach. Ach du liebe Güte, was passiert da mit mir? Nura spricht davon, dass wir uns in einer Zeit der androgynen Frauen befänden und es regelrecht verpönt sei, sich weiblich zu zeigen. Auch dies würde sich mit der Praxis des Bauchtanzes verändern und sich hin zu purer Freiheit und zur Freude über die eigene Schönheit, egal wie groß oder klein, wie dick oder dünn, wie alt oder jung man sei, entwickeln.

Ein Rhythmus, der Mut macht
Ich löse mich von der Betrachtung von Äußerlichkeiten. Ich lasse Klassifizierungen und Wertungen sein. Ich widme mich meinem Gefühl, dem Rhythmus der Musik, mir selbst. Wenn es also das ist, wozu mich orientalischer Tanz ermutigen möchte, dann sagt mein zufrieden grummelnder Bauch ganz deutlich: „Ja, bitte, sehr gerne!“

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