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Selbstversuch: Mein Spiegel und das Lächeln

Mache ich ein freundliches Gesicht, hebt das meine gesamte Stimmung. Ich trainiere das jetzt vor dem Spiegel.

Immer wieder fällt mir auf, wie viele verbissene Gesichter mich den lieben langen Tag umgeben. Die der Menschen auf der Straße zum Beispiel, die derjenigen, die mir beim Einkaufen begegnen, oder die der AutofahrerInnen, die so wie ich an einer roten Ampel zu stehen kommen. Sie schauen alle ernst drein, ein bisschen grantig. In mir erweckt das manchmal den Eindruck, als sei die ganze Welt frustriert.

Seit ich die freundlichen – die gibt es natürlich auch – und unfreundlichen Gesichtszüge anderer bewusst wahrnehme, fallen mir auch meine eigenen hängenden Mundwinkel auf. Aha, ich bin also auch frustriert. Manchmal bin ich das tatsächlich. Manchmal denke ich aber auch nur gerade scharf nach, was mit einem ernsten Gesichtsausdruck verbunden ist. Oder ich bin tatsächlich so müde, dass mir das Lächeln anstrengend erscheint. Im Übrigen gibt es ja auch keinen Grund dafür, grinsend einzukaufen oder alleine im Auto zu sitzen. Oder vielleicht doch?

Die geistige Haltung beeinflusst das gesamte Leben. Neulich kam mir dazu die Geschichte eines Mönchs unter: Der Mönch forderte seine SchülerInnen dazu auf, am Morgen – es sollte die allererste Handlung sein – in den Spiegel zu grinsen. Die ihm Anvertrauten protestierten, denn in der Früh seien sie noch schläfrig und einfach noch nicht so fröhlich gestimmt. Auch gut, meinte da der Mönch, in dem Fall sollten sie nachhelfen und ihre schläfrigen Mundwinkel mit den Zeigefingern beider Hände nach oben ziehen. Vor dem Spiegel, wohlgemerkt. Sie sollten das einen Monat lang praktizieren. Wie es die Legende will, waren die SchülerInnen nach diesem Monat insgesamt fröhlicher und positiver gestimmt als zuvor.

Warum das so ist, kann ich gut nachvollziehen, denn ich bin nun selbst eine Praktizierende des Zeigefinger-Morgenlächelns. Mir macht das gute Stimmung, denn es sieht recht spaßig aus, wie ich da zerrupft im Bad stehe und mithilfe der Zeigefinger lächle. Oft kommt es auch gar nicht so weit, denn alleine der Anblick, wie ich da auf der Suche nach einem Lächeln in den Spiegel starre, ist lachhaft. Es kommt sogar so weit, dass ich schon grinsen muss, wenn ich einen Spiegel sehe oder auch nur an einen denke. Und damit bin ich fein he­raußen: Sobald ich lächle, lache, grinse, folgt mein gesamter Körper dieser Haltung meines Geistes. Gemeinsam sind wir dann ein zufriedener Mensch. Und wenn ich einmal nicht schon am Morgen gut drauf sein mag, ist das auch okay.

Ein glücklicher Moment
Ich lächle, also geht’s mir gut. Das funktioniert, auch wenn rundum gerade nichts gut ist. Ich lache damit meine Sorgen nicht weg, sorge aber für einen glücklichen Moment. Und dieser Moment richtet mich auf. Das wiederum verhilft mir auch zum Überblick über die Themen, die gerade anstehen, und relativiert ihre Bedeutung ein wenig.

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