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Selbstversuch: Nervenkitzel in freier Wildbahn

Wann haben Sie zuletzt ein „Mikroabenteuer“ erlebt, ein Abenteuer im Kleinen mit gut verträglichem Adrenalinanteil? Ich war dafür im Wald.

Solch ein kleines Abenteuer ist eine charmante Sache, finde ich. Wenn ich tagtäglich Erlebnisse anderer Menschen – vom Extrembergsteigen (ohne Sauerstoff) übers Pilgern (Minimum 40 Tage) bis zum Bungee-Jumpen (ohne Helm) – als nachahmenswert vorgesetzt bekomme, frage ich mich oft: Muss immer alles so spektakulär sein?

Ich suche mir ein mikro-ungewöhnliches Erlebnis in meinem alltäglichen Umfeld. Etwas in freier Wildbahn zum Beispiel, das keine organisatorischen Herausforderungen mit sich bringt und ohne Sauerstoff und Helm zu bewältigen ist. Ich werde rasch fündig, schließlich wohne ich direkt neben einer freien Wildbahn namens Wald. Ich denke mir also mein kleines, feines Abenteuer aus, das meinen Alltagstrott erhellen soll: eine Walddurchquerung zu nachtschlafender Zeit.

Es ist Montag und stockfinster, als der Wecker um fünf Uhr früh klingelt. Ich bin hundemüde, quäle mich aus dem Bett, erledige eine Katzenwäsche, schlüpfe ins Waldgewand, schnappe Mütze und Taschenlampe und verlasse das Haus. Der Weg dem Waldrand entlang ist dunkel. In den Häusern unterhalb des Weges sehe ich erste Lichter. Ich wende mich nach rechts, dort ist Wald, und der ist dunkel. Es ist recht frisch, so riecht auch die Luft, das Durchatmen tut gut. Die Haube war eine gescheite Idee. Die Taschenlampe natürlich auch, denn jetzt gehe ich über eine leicht ansteigende Wiese direkt in den Wald hinein. Als Frau allein im dunklen Wald unterwegs zu sein, nur mit einer Taschenlampe bewaffnet, erscheint mir nun doch eher unklug.

Die Stille geht tief, zu zweit wäre sie mir lieber. Es ist, als säße mir etwas im Nacken. Ich konzentriere mich tapfer auf den Lichtkegel vor mir, langsam gewöhne ich mich an die Dunkelheit. Es knackst und rumort rundum im Gebüsch und auf den Bäumen, ich höre Vogelstimmen, über mir und weiter entfernt. Ich mag den Geruch des Waldes, schnuppere und merke, dass ich putzmunter bin. Der Duft von Holz wird jetzt intensiver, ich bin also schon in der Nähe der Lichtung mit den Stapeln geschlägerter Baumstämme. Ich leuchte mir einen der Waldwege aus, ein mystisches Bild. Bei Schnee wäre das auch schön, vor allem heller! Ich beschleunige den Schritt und stolpere. Mir fährt der Schreck in die Glieder. Es ist ein dicker Ast, den ich übersehen habe. Ich rapple mich auf und halte inne: Wenn ich die Angst vor dem dunklen Unbekannten beiseitelasse, fühle ich mich mutig: Der Wald mit seinen Gerüchen und Geräuschen, die unsichtbaren Tiere und ich. Was soll mir schon passieren?

Weniger ist mehr
Rund um einfache Abenteuer im Alltag entwickelt sich ein Trend, es gibt Bücher und Blogs dazu. Mein Mikroabenteuer hat mir gut gefallen, der frühe Morgen im Wald machte mich hellwach und sorgte für gesunde Tagesmotivation. Die Stille der Morgenstunden will ich unbedingt bald wieder erleben. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nah liegt?

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