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Warum beten Menschen?

Man muss nicht an Gott glauben, um zu beten. Das Bedürfnis, sich an eine größere Macht zu wenden, scheint zutiefst menschlich zu sein. Was dabei im Inneren geschieht, bleibt ein Geheimnis.

Wir alle tun es. Immer wieder. Es geschieht im Bus, beim Joggen, vor dem Schlafengehen, in Kathedralen und auf Müllhalden, bei Beerdigungen und auf Hochzeiten, im Krieg und im Frieden, in größter Not und bei höchster Verzückung. Wir schicken ein Stoßgebet gen Himmel, seufzen ein erleichtertes „Gott sei Dank!“ oder ein resigniertes „Ach Gott“.

Es findet Ausdruck in Gesängen, Gesten und Ritualen, im Sitzen, Gehen oder Tanzen. Beten – es liegt uns im Blut, ist ein grundlegender Akt menschlichen Daseins und überschreitet gleichzeitig den Menschen. Es ist ein Eingeständnis der Transzendenz, eine Öffnung für eine andere Wirklichkeit, eine Zuwendung zu etwas, das größer ist als wir.

Ob bewusst oder unbewusst, mit Worten oder in Stille – das Bedürfnis, zu beten, ist universell und zutiefst menschlich. Es ist die Sehnsucht nach dem „Darüberhinaus“, nach dem, was unser Leben, unsere individuelle Biografie und unsere Alltagserfahrungen übersteigt.

„Wir spüren instinktiv, dass wir uns nicht genügen, nicht genügen können“, so Susanne Gross, bis 2018 Referentin für Spiritualität der Diözese Linz. „Auch gegenseitig können wir uns nicht genügen, selbst in den intensivsten Beziehungen nicht. Beten ist eine Grenzüberschreitung im positiven Sinn des Wortes.“

Warum beten Menschen?

Gott, Universum, Kosmos, Liebe

Man muss nicht an Gott glauben, um zu beten. Es gibt Menschen, die niemals „Gott“ sagen und doch letztendliches Vertrauen in eine höhere Macht haben, in das Wohlwollen des Universums, in eine allumfassende Liebe oder in den Kosmos. „Das Faszinierende am Grundphänomen des Betens ist, dass ich mich aus der alltäglichen, materiellen Welt heraus und in eine andere Welt hineinbewege“, erklärt der Theologe und Psychologe Wunibald Müller.

„Ich bin mit dem Geheimnisvollen, dem Größeren in Kontakt. Im christlichen Kontext hat das Gebet meist eine personale Qualität, ein Gegenüber. Es entspringt der Sehnsucht nach Gott, dem Urbedürfnis, sich mit ihm zu vereinen, ohne zu verschmelzen, wie es die Mystikerinnen und Mystiker ausdrücken.“

Ob man es nun Nabelschnur zu Gott nennt, Kommunikation mit dem Absoluten oder Eintauchen in reines Gewahrsein – im Beten berühren wir eine andere Dimension.

Mit Fingern und Bohnen

Beten hat aber nicht nur eine spirituelle Bedeutung. In seinen ritualisierten Ausprägungen unterbricht und strukturiert es den Tag, die Woche und das Jahr. Es ist Kulturgut und Brauchtum, bringt Menschen zusammen und schafft Wirgefühl. Vertraute Verse und Melodien vermitteln Geborgenheit, und nicht umsonst heißt es „Vater unser“ und nicht „Vater mein“.

Wiewohl das innere Erleben eine höchst persönliche und sogar intime Erfahrung sein kann, ist gemeinsames Beten ein kollektives Erlebnis. „Wenn ich mit anderen bete, erfahre ich Solidarität, bin eingebunden in die Gemeinschaft. Eine eigene Energie entsteht, ein Gefühl der Verbundenheit, das durch dieses Feld genährt wird“, so Wunibald Müller.

Regelmäßiges Gebet hat auch eine psychohygienische Funktion, ist Anlass für Innenschau und Reflexion. Wie etwa beim abendlichen Zehnfingergebet, bei dem man zehn gute Gründe findet, dankbar zu sein. Ähnlich das afrikanische Bohnengebet: Man steckt morgens eine Handvoll Bohnen in die rechte Tasche, um dann in jedem freudvollen Moment eine Bohne in die linke Tasche wandern zu lassen. Am Abend lässt man diese Momente Revue passieren und dankt dafür.

Warum beten Menschen?Lieber Gott, dasselbe wie gestern.

„Ohne Gebet wäre ich schon längst verrückt“ soll Mahatma Gandhi gesagt haben. „Viele Burnout-Erfahrungen haben ihre Ursache in Wirklichkeit in überhörten spirituellen Sehnsüchten”, ist Susanne Gross, die als Seelsorgerin und Lebens- und Sozialberaterin zahlreiche Menschen begleitet, überzeugt.

„Manche Psychologen sagen, wer nicht betet, wird depressiv oder hebt ab“, bestätigt auch der Autor, Thologe und Psychotherapeut Wunibald Müller. Er war bis April 2016 Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach – zusammen mit dem geistlichen Leiter Anselm Grün –, wo unter anderem Menschen in Lebens- und spirituellen Krisen eine Auszeit nehmen.

Vor allem Gebetsformen, die mit vielen Wiederholungen arbeiten, wirken beruhigend und stabilisierend. Mantras oder einfache Gesänge wie das Taizé-Gebet überspülen den rastlosen Geist. Nüchtern betrachtet ist das nichts anderes als Muskeltraining.

Steter Tropfen höhlt den Stein – das gilt auch fürs Beten. Oder wie der Apostel Paulus es ausgedrückt hat: „Betet ohne Unterlass!“ Bei vorformulierten, oft wiederholten Gebeten besteht natürlich die Gefahr, dass sie zu verknöcherten Ritualen verkommen, zu leeren Hüllen ohne Inhalt. Nicht zufällig hat das Wort „Litanei“, das ursprünglich für religiöse Gesänge und Gebete stand, den Beigeschmack des Langweiligen, Sinnentleerten.

Angeblich hat sogar Martin Luther gestanden, er habe in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Vaterunser mit Sinn und Verstand gesprochen – obwohl er es mehrmals täglich betete. Auch der deutsche Pfarrer Klaus Douglass, der in seinem Buch „Beten – ein Selbstversuch“ 50 Gebetsformen ausprobiert, dokumentiert und benotet hat, kann Ähnliches berichten. Spätestens bei „… unser tägliches Brot gib uns heute“ schweifte er ab, weil Kohlenhydrate wegen seiner zehn Kilo Übergewicht das Letzte waren, was er im Moment brauchte. Geholfen hat ihm schließlich ein Trick – er untermalte das Vaterunser mit Gebärden.

Ohne Körper kein Gebet

Wenn der Körper beteiligt ist, bleibt Beten kein Lippenbekenntnis. Gebetsgesten und -haltungen symbolisieren die innere Haltung und rufen gleichzeitig über die Körperebene das entsprechende Gefühl hervor. Eine Verbeugung bringt Anbetung zum Ausdruck, aber auch Hingabe und die Bereitschaft, sich selbst loszulassen.

Im Knien bitten wir um Vergebung, und wenn wir auf dem Bauch liegen, bekennen wir voll Demut, dass wir Staub sind. Ein aufrechter Sitz symbolisiert Sammlung, und wenn wir die Handflächen nach oben wenden oder unsere Arme Richtung Himmel strecken, zeigen wir, dass wir bereit sind, uns leer zu machen und zu empfangen.

Auch gehend kann man beten, zum Beispiel in Form von Pilgern oder Prozessionen – Ausdruck der Tatsache, dass wir immer auf dem Weg sind. Bekannt aus fernöstlichen Traditionen ist auch das Sonnengebet, bei dem jede Körperbewegung mit einem Mantra verbunden ist.

„Beten setzt voraus, dass wir einen Leib haben“, so Wunibald Müller, der in seinem Buch „Küssen ist Beten“ für mehr Körperlichkeit in der Spiritualität eintritt. „Es gibt Ordensfrauen, die in der Kapelle vor Jesus, ihrem Bräutigam tanzen. Das ist ihre Art, in Kontakt zu treten, sich ihm hinzugeben. Auch David tanzte wie ein Kind, als er die Bundeslade nach Jerusalem zurückbrachte, und Teresa von Ávila tanzte sich betend in Ekstase. Sinnlichkeit und Bewegung sind kein Gegensatz zu Gebet und Spiritualität, im Gegenteil, sie gehen Hand in Hand.“

Auch im Singen kann Gebet sich kreativ entfalten, ebenso wie in anderen Künsten. Das Malen von Ikonen oder das Streuen von Mandalas mit buntem Sand sind Möglichkeiten der Versenkung.

Ohne Gebet wäre ich schon lange verrückt.
Mahatma Gandhi

Reden oder Zuhören?

Auch der Atem hilft, das Gebet im Körper zu verankern. Er hat außerdem eine metaphorische Dimension – das lateinische „Spiritus“ steht nicht nur für Geist, sondern auch für Atem, Windhauch. In vielen kontemplativen und meditativen Gebetstraditionen ist der Atem ein zentraler Aspekt, weil er hilft, das Gedankenkarussell im Kopf zu stoppen und im Hier und Jetzt anzukommen.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Gebet, Meditation und Kontemplation?

„Das Gebet ist nichts anderes als die Aufmerksamkeit in ihrer reinsten Form“, meinte die Philosophin und Mystikerin Simone Weil. „Meditation ist Innehalten, Achtsamkeit, Gewahrsein. Der erste Schritt ist, zur Ruhe zu kommen, dabei dient der Atem als Anker. Der nächste Schritt besteht darin, still zu beobachten, Gedanken und Gefühle vorbeiziehen zu lassen, ohne sich damit zu identifizieren“, erklärt Gerhard Weißgrab, Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft.

Obwohl es in manchen Kulturkreisen durchaus gebetsähnliche Rituale gebe und so mancher den Buddha oder sogar den Dalai-Lama anbete, würden BuddhistInnen, genau genommen, nicht beten, sofern man darunter das Ansprechen eines personalen Visavis verstünde. „Auf dem buddhistischen Weg geht es um Eigenverantwortung und Erkenntnis. Formen von Meditation und Kontemplation sollen das Gewahrsein dafür schärfen“, so Weißgrab.

Viele Menschen, die an Gott und seine Gnade glauben, scheint der Weg im Laufe der Jahre ebenfalls vom Gebet zur Kontemplation zu führen. Diese Beobachtung teilt auch Susanne Gross: „Mit der spirituellen Entwicklung kommt die Sehnsucht nach weniger Worten. Selbst die Meditation mit Texten oder Bildern kann dann zu viel sein, und es ist eine Erleichterung, einfach in der Wahrnehmung der Gegenwart zu verweilen. Dabei geht es nicht um Entspannung oder Ruhe, auch nicht um Bitten oder Danken, sondern um die Bereitschaft, wirklich zuzuhören.“

Ähnlich formulierte es der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still … Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.“

Gott ist kein Automat

In dieser Absichtslosigkeit zu beten ist jedoch nicht jedermanns Sache. Nicht jedem Menschen genügt es, in die göttliche Gegenwart einzutauchen oder zu danken. Häufig geht es vielmehr um handfeste Wünsche oder konkrete Bitten. Wird Gott so zum Automaten umfunktioniert – nach dem Motto: „Gebet rein – das Gewünschte raus“? Versuchen wir, mit ihm einen Handel zu schließen, ihm unser kindlich-magisches Denken unterzujubeln?

Der Philosoph und Mystiker Manly P. Hall bemerkte dazu spitz: „Es gibt Menschen, in deren Geist Gott mit Vitaminen verwechselt wird.“ Bedürftigkeit und mehr oder minder egoistische Wünsche sind wohl keinem Menschen fremd. Zum spirituellen Erwachsenwerden gehört jedoch, es einer größeren Weisheit zu überlassen, was gut für uns ist. Und: Beten dispensiert nicht vom Handeln, im Gegenteil. Auch wenn wir beim Gebet die Hände in den Schoß legen – im Endeffekt geht es darum, sie zu sinn- und liebevollem Handeln zu befähigen.

„Oft bitte ich um Gottes Segen, zum Beispiel für ein Gespräch. Ich bitte um seine Anwesenheit – die ja sowieso immer gegeben ist. Aber wenn ich selbst für einen Augenblick in dieses Bewusstsein gehe, entspannt mich das. Es ist, als würde ich mich an eine Steckdose anschließen“, so die spirituelle Begleiterin Susanne Gross. Sie ist überzeugt, dass jedes Gebet auch eine Wirkung auf die Weltatmosphäre hat. Was mit Gebetsrunden begann, führte zu einer Massenbewegung und leitete schließlich den Fall der Berliner Mauer und das Ende der DDR ein.

Inwieweit Gebete und Meditation Einfluss auf das Weltgeschehen haben, lässt sich relativ schwer nachweisen, obwohl es Studien gibt, die dahingehende Hinweise geben. WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen versuchen auch herauszufinden, welche Wirkung Gebete auf die individuelle Gesundheit haben – oft sind ja gerade Krankheit und Leid ein Anlass, um sich in der eigenen Hilflosigkeit Gott zuzuwenden.

Das Gebet verändert nicht Gott, sondern den, der betet.
Sören Kierkegaard

Macht Beten gesund?

„Das Gebet ist die stärkste Form von Energie, die man erzeugen kann, so real wie die Schwerkraft“, meinte der Medizin-Nobelpreisträger Alexis Carrel. Der gegenwärtige Stand der Forschung legt jedoch nahe, dass sich Glaube und Gebet nicht zu Heilungszwecken instrumentalisieren lassen.

Religiöse Zuwendungen helfen dann besonders, wenn sie von PatientInnen und BetreuerInnen nicht zielgerichtet eingesetzt werden. Eine spirituelle Haltung von Achtsamkeit, Akzeptanz und Vertrauen verringert jedenfalls nachweislich das Leiden, auch wenn sie nicht unmittelbar zur Heilung der Krankheit führt.

Vermutlich wird in Krankenhäusern, Notfallambulanzen oder auch in Flugzeugen besonders häufig gebetet. Und natürlich in Kirchen, Moscheen, Tempeln und Synagogen. Manche Menschen machen in der Natur besonders intensive Gebetserfahrungen, andere begeben sich in virtuelle Andachtsräume oder Online-Gebetsportale.

„Ein ‚heiliger Ort‘ kann helfen, den inneren Ort der Stille, der uns an die Ewigkeit erinnert, wiederzufinden“, so Wunibald Müller. „Aber natürlich kann ich überall und in jeder Situation beten. Im Dreck und in der Banalität des Alltags erlebe ich es sogar als besonders wichtig, durch mein Gebet diese Unwirtlichkeit zu heiligen.“

Ins Herz des Universum

„Gott hat 99 Namen. Wer sie aufzählt, geht ins Paradies“, soll Abu Hurayrah, ein Gefährte des Propheten Mohammed, gesagt haben. Viele Muslime verwenden Gebetsketten, um diese 99 Namen zu rezitieren, von „der Erbarmer“ über „der Allwissende“ bis hin zu „der gerechte Vergelter“.

Übertroffen wird Allah noch von der hinduistischen Göttin Devi, sie wird mit 108 Namen angebetet. Auch der christliche Gott wird als Heiliger Geist, Vater, Herr, Schöpfer oder in Form seines Sohnes Jesus angerufen. Und selbst Menschen, die nicht an eine personalisierte Gottheit glauben, wenden sich innerlich immer wieder an ein namenloses göttliches Prinzip. Beten sei ein tiefes seelisches Einschwingen mit dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, meint der Journalist und Autor Bernhard Meuser: „Es ist der schnellste Weg ins Herz des Universums.“

Beim Beten sich selbst loslassen

Kirchen, Kerzen, Rituale – das alles braucht Marianne Pichlmann nicht unbedingt zum Beten. Eintauchen in die Gegenwart Gottes, das geht überall.

Heimelig brennt das Feuer im Kamin, wohlige Wärme breitet sich im Wohnzimmer aus. „Obwohl ich den Altar mit den drei heiligen Frauen in der Kirche von Gschwandt sehr mag, bete ich hier am liebsten, wo ich lebe und wo sich all mein Fühlen sammelt“, so die 50-jährige Pfarrassistentin.

Auch das Schlafzimmer ist ein heiliger Ort für sie. Dort befindet sich eine einfache Ikone der Muttergottes mit Christus im Herzen. Zu einer Zeit, als das Leben Marianne Pichlmann bis an die Grenzen – und manchmal darüber hinaus – forderte, vertiefte sie sich immer wieder stundenlang in dieses Bild. „In solchen Momenten tauche ich in die Weite Gottes ein und lasse alles los, mich selbst, mein Denken, Wollen und Wünschen. Nicht ich rufe Gott an, sondern Gott ruft mich, holt mich ab. Ich bitte kaum um etwas Konkretes, meist nur darum, dass ich loslassen kann und geführt werde. In der Stille finde ich Klarheit für den nächsten Schritt.“

Auch das Malen ist für sie eine Form des Betens, ein Horchen auf die Seele. Wenn eine Frage sie beschäftigt, malt sie, malt sie sich selbst die Antworten herbei. „Und auch die Begegnung mit Menschen, für jemanden da zu sein, jemanden zu halten und zu berühren in schweren Stunden, ist für mich wie ein Gebet.“ Berührung – das ist für Marianne Pichlmann, die auch Notfallseelsorgerin ist, ein Synonym für das, was beim Beten im Inneren geschieht. Wir werden berührt und berühren, was größer ist als wir selbst.

„Ich möchte Gott glücklich machen.“

Wie viele hinduistische Frauen betet Anjona Saha zu Lakshmi, der Göttin des Wohlstands. Auch die eigenen Eltern werden als Inkarnation des Göttlichen verehrt.

Sorgfältig und liebevoll platziert die 35-Jährige Blüten auf dem Altar – jede Gottheit bekommt eine. Durga, Ganesha, Kali und noch zahlreiche andere Göttinnen und Götter bevölkern den kleinen Gebetsraum, sie sind durch Statuen symbolisiert. Jede steht für eine bestimmte Energie ein und desselben Gottes. Nach dem hinduistischen Religionsunterricht für die Kinder trifft sich die kleine Gemeinschaft zum Gebet.

Nicht nur Blumen, Räucherstäbchen und eine Butterlampe werden feierlich dargebracht, sondern auch Weintrauben, eine Packung Orangensaft, Kichererbsen und ein Reisgericht. Nach der Zeremonie werden die Speisen gemeinsam gegessen. Laut ertönt ein Muschelhorn, dann werden Gebetstexte ausgeteilt, es wird miteinander gesungen und gebetet. Zum Abschluss gibt der Priester den versammelten Gläubigen den Segen – einen roten Strich auf die Stirn und etwas Milch mit Honig und anderen Zutaten zum Trinken.

Jeden Samstag kommt Anjona Saha mit ihren beiden Söhnen in den „Mondir“, einen hinduistischen Tempel im 9. Wiener Gemeindebezirk. Auch zu Hause haben die meisten hinduistischen Familien einen kleinen Altar. „Gott hat mich gemacht und in die Welt geschickt, hat mir schöne Kinder und eine Familie gegeben. Ich möchte ihn glücklich machen und mich bei ihm bedanken“, erklärt die zierliche Frau aus Bangladesch. Nachdem sie das Mantra der jeweiligen Gottheit gesprochen hat, formuliert sie ihre eigenen Wünsche und Bitten – für sich selbst, die Familie und alle Wesen.

Die Antwort wird im Jenseits kommen

Fünfmal am Tag betet Pembe Özdemir. Ein Leben ohne Gebet kann die islamische Religionslehrerin sich nicht vorstellen – es ist Nahrung für ihre Seele

Das Teppichmuster im Gebetsraum verläuft schräg zur Wand. Ausrichtung zur Kaaba, dem Zentralheiligtum in Mekka. Vier paar Füße in Socken oder Strümpfen lugen unter langen Mänteln hervor. Vier muslimische Frauen beginnen, jede für sich, mit dem Mittagsgebet. Sie legen die Hände an die Brust, verneigen sich, knien nieder, senken die Stirn zu Boden, stehen wieder auf. Murmeln leise vor sich hin, bewegen das Gesicht von Seite zu Seite. Schließlich formen die Hände sich zu Schalen und öffnen sich nach oben. „Nach dem Rezitieren der Suren aus dem Koran sprechen wir das, was aus dem Herzen kommt. Wir teilen dem Schöpfer unsere persönlichen Bitten und unsere Dankbarkeit mit“, erklärt Pembe Özdemir.

Das Gebet ist eine der fünf Säulen im Islam, neben dem Glaubensbekenntnis, dem Fasten, der Armensteuer und der Pilgerfahrt nach Mekka. Die Gebetszeiten richten sich nach dem Stand der Sonne. Im Sommer bedeutet das, bereits um vier Uhr das Morgengebet zu verrichten. „Davor muss man sich waschen – Hände, Mund, Nase, Gesicht, Nacken und Füße. Auch Kleidung und Gebetsstelle müssen sauber sein“, betont die zweifache Mutter aus Pettenbach in Oberösterreich.

Regelmäßiges Beten wird nach dem Tod belohnt, ein gemeinsam verrichtetes Gebet verspricht eine höhere Belohnung. Dennoch tut die 36-Jährige es nicht aus Pflicht. „Ich spreche direkt zu meinem einen und einzigen Schöpfer, und ich glaube daran, dass er mich hört. Die Antwort werde ich im Jenseits bekommen.“

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