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Selbstversuch: Anleitung zum (Fast-)Nichtdenken

Diesen Sommer verbrachte ich vier Tage in einem Zenkloster in Bayern. Zazen, also Abfolgen von Sitz- und Gehmeditation, war angesagt. Eine intensive Erfahrung.

Zazen will dabei begleiten, mit dem Leben Freundschaft zu schließen. Es geht um liebevollen Respekt vor sich selbst und darum, die Schöpfung zu ehren. Zazen-Praktizierende nennen das, was sie tun, ihren „Übungsweg“. Auf unserer Strecke dieses Weges wurden wir, 15 Leute an der Zahl, vom Theologen und Zenmeister Marcel Steiner und von der Physiotherapeutin Lucia Sidler gefühlvoll begleitet.

Beim Zazen, also beim Sitzen in Stille am Boden, auf einem Hocker oder auf einem Meditationskissen, konzentriert man sich mit entspannt-offenen Augen auf die Atmung. Unterbrochen werden die Sitzeinheiten von Minuten der Gehmeditation, der Körper wird so gelockert, die Konzentration auf das Jetzt bleibt. Bei mir klappte das ganz gut, dennoch: Immer wieder galoppierten während der 25-minütigen Sitzeinheiten die Gedanken wie die wilden Pferde in mir los. Marcel beruhigte: Dass wir allesamt neben dem Atmen Kapazität für acht oder mehr Parallelgedanken hätten, sei ganz normal. Also gut. Einatmen, ausatmen, eins, zwei, eins, zwei.

Jeder Tag war in insgesamt 4,5 Stunden Sitz- und Gehmeditation, in Körperübungen, in eine Vortragseinheit, in gemeinsame Mahlzeiten und in Pausen eingeteilt. Da saß ich also – und schwieg. Unser Zenmeister machte uns am ersten Tag deutlich, dass die Zeit des Übergangs nicht zu unterschätzen sei. Er veranschaulichte das mit einem Glas Wasser, in dem er eine Handvoll Erde aufrührte. Ein Wirbel an Dreck, der seine Zeit brauchte, umsich zu setzen. Und tatsächlich. Der Tag des Übergangs in die Stille ist nichts für Feiglinge. Meine Sitzeinheiten uferten aus zu einem Gedankenchaos, mir war elend zumute. Der Schmutz war aufgewühlt.

Erleichterung war in Sicht. Und zwar in Form der Anregung, mir den grenzenlosen Geist in mir vorzustellen. Plötzlich war alles leicht, ich flog über Meere, da waren Möwen, Sonne, Weite und eine zugegeben irritierende Gewissheit von „Ich bin überall zur gleichen Zeit“. Ein weiterer Impuls half mir: „Was immer sich zeigt, du musst damit nichts machen.“

Marcel hatte uns vorab erklärt, dass der Prozess für den Körper überaus ermüdend sei, denn der Verstand ringe danach, nicht die Oberhand zu verlieren. Ich und mein Verstand schliefen in diesen Nächten so tief und  erholsam wie seit Jahren nicht. Beim Sitzen dachte ich immer öfter: „Ich denke jetzt lieber nicht, das ist einfacher.“ Dieser annähernde „Nichtgedanke“ brachte mich zum Lächeln. Was konnte das wohl für mein Leben bedeuten?

Übung macht die Meisterin
Die wichtigste Erkenntnis meiner stillen Tage des Sitzens: Das Leben ist schön und auch leidvoll. Je früher ich das akzeptiere, umso weniger bin ich aufgehalten mit Widerstand und Angst. Ich habe den Eindruck gewonnen: Wenn ich Zazen regelmäßig und gut angeleitet übe, dann könnte mir gelingen, immer öfter das Jetzt zu genießen.