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Schlecht drauf darf auch einmal sein

Nach dem wahren Gesicht des Lebens zu suchen, kann deprimierend sein. Wie gut, dass das gar nicht nötig ist.

Haben Sie eine rosa Brille? So eine, die Sie aufsetzen können, wenn das Leben farblos erscheint? Ich habe gleich mehrere. Sage ich. Und sagen auch meine FreundInnen, die genau wissen, wen sie anrufen müssen, um Rosa zu tanken.

„Mein Auto ist hin. Du wirst mir sicher gleich sagen, was gut daran ist.“ Solche Aufrufe beantworte ich gern. Mir fällt immer was ein. Für andere. Und meistens auch für mich.

Nur neulich, da hatte ich so eine Phase. Da kam mir die Welt nicht mehr blass vor, sondern grau, schwarzgrau, mit Flecken aus Braun.

Wie es dazu kam?

Ich denke, es war einfach zu viel los, rundherum. Zu viel, was mich forderte, ängstigte, störte. Mein Mut, mein Lachen waren erschöpft, schon seit Wochen. Und eines Abends war der Tiefpunkt erreicht.

Es war spät, gegen elf. Ich humpelte gerade nach sieben Stunden maskierter Zugfahrt mit einem schweren Koffer und einem noch schwereren Rucksack todmüde über den Bahnsteig des Hauptbahnhofs. Ich kam von einem Seminar, das, so wusste ich, das letzte für lange Zeit gewesen war. Der nächste Lockdown stand bevor: Ab nach Hause, Beruf auf Eis. Ich wollte die Rolltreppe nehmen, sie war kaputt. Also schleppte ich meinen Rollkoffer bergab. Die Räder rumpelten laut. Da dachte es plötzlich in mir: Ist das das wahre Leben?

Ich wollte den Gedanken stoppen, aber er ließ sich nicht bremsen. Er legte sogar noch ein Schäuferl nach:

Habe ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht? Ist das Leben doch nicht so schön, wie ich immer behaupte?
Barbara Pachl-Eberhart

Toff, klonk, tofftoff. Das Gepäck polterte mit mir ins Untergeschoß. Meine Stimmung war noch vor uns im Keller. Was hätte ich wohl meiner Freundin gesagt, wenn sie mich in diesem Moment angerufen und um einen Rat gefragt hätte? Vermutlich etwas wie: „Lass mich in Ruhe.“

Zum Taxifahrer, der mich heimbrachte, war ich trotzdem freundlich. Wir unterhielten uns kurz, dann hörten wir Radio. Ich schaute in den Nachthimmel, sah ein paar Sterne. Und nahm mein Denken wieder selbst in die Hand.

„Nein“, sagte ich mir. Warum sollte ich mich entscheiden, ob das Leben gut ist oder in Wirklichkeit schlecht? Warum nicht dem Leben erlauben, auch einmal schlecht drauf zu sein? Warum nicht der Welt die Stange halten und fest an sie glauben, auch wenn sie einmal, zum ersten Mal seit langer Zeit, einfach nichts auf die Reihe kriegt?

Das Schwarz der Nacht bekam plötzlich einen bläulichen Ton. Ich war zu Hause. Wünschte dem Taxifahrer eine gute Nacht. Und als ich samt Gepäck die drei Stockwerke nach oben ging, schien mir der Koffer irgendwie leichter.

Barbara Pachl-EberhartBarbara Pachl-Eberhart kann in Zügen unglaublich gut arbeiten. Die besten Ideen hat sie allerdings, wenn sie entspannt in den Nachthimmel schaut.
Barbara Pachl-Eberhart ist Autorin, Vortragende und Dialogprozessbegleiterin, Schreibtrainerin sowie Ehrenbotschafterin der Rote Nasen Clowndoctors. Mehr auf Ihrer Website LieblingsLebensgefühlsManufaktur

Christine Haiden und Barbara Pachl-Eberhart

Barbara Pachl-Eberhart im Gespräch mit Christine Haiden über die Vergleichbarkeit von Krisen, über Graustufen & Überraschungen: „Man darf alles, was einem gut tut“.

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