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Renate Welsh: eine Johanna, zwei Bücher

Eine Frau, zwei Bücher. Renate Welsh hat das Leben der Dirn Johanna und damit ein Stück österreichischer Zeitgeschichte aus Frauenperspektive festgehalten. Sie zeigt: Ein Mensch ist mehr als die Summe seines Erlebten.

Die Uneheliche

Mit „Johanna“ und „Die alte Johanna“ hat Renate Welsh zwei grandiose Bücher über ein österreichisches Frauenleben geschrieben. Sie erzählen von Welshs Nachbarin, einer ledigen Bauernmagd.

Das wäre ja noch schöner, wenn ledige Kinder schon was wollen dürften!“ Es ist dieser eine Satz, der der 13-jährigen Johanna wie ein Pfeil ins Herz fährt und an dem sie sich für den Rest ihres langen Lebens abarbeiten wird.

Gesagt hat ihn der Bauer Lahnhofer. Er radiert damit Johannas Traum von einer Schneiderinnenlehre aus und teilt ihr mit, dass sie ab sofort als Dirn auf seinem Hof arbeiten wird. Johanna ballt die Fäuste und duckt sich. Ihre Hoff nung, „dass etwas lernen vielleicht so gut wäre wie etwas haben“, zerbröselt unter endlosen Tagen unentgeltlicher Knochenarbeit im Stall, auf dem Feld, im Haus und im Garten des Lahnhofer Bauernhofs.

Johanna hat keine Wahl. Über sie wird verfügt. Denn Johanna ist „das uneheliche Kind einer Bauernmagd, die das uneheliche Kind einer Bauernmagd war, die das uneheliche Kind einer Bauernmagd war“. Der Makel ist unauslöschlich. Die ererbte Schuld nicht tilgbar. Sie macht Johanna zu einem Nichts, zum Fußabstreifer und zur Almosenempfängerin, zur Letzten in der Nahrungskette.

Armut, Hunger & aufkeimender Nationalsozialismus

Es sind die 1930er-Jahre in einem kleinen, hoch gelegenen Dorf in der niederösterreichischen Semmering-Region nahe Gloggnitz. Schwierige, wirre Zeiten nach der Weltwirtschaftskrise, die sich auch im Mikrokosmos des Dorflebens abbilden. In der Arbeiterschaft mit ihren sozialdemokratischen Idealen wüten Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit. Die Bauernschaft ist eisern christlich-konservativ und fühlt sich als Schröpfgans der grassierenden Not. Die ersten jungen Männer wenden sich bereits dem noch verbotenen, aber erstarkenden Nationalsozialismus zu.

Über ein österreichisches Frauenleben

Sonntags in der Kirche, wo das bäuerliche Gesinde ganz hinten steht, wettert der Pfarrer von der Kanzel herunter gegen gottlose Sozis und unkeusche Mägde. Die Zusammenhänge in dieser brodelnden Gemengelage kann sich die blutjunge Lahnhofer Dirn Johanna nur bruchstückhaft zusammenreimen. Wenn sie nachfragt heißt es, das habe sie nicht zu interessieren. Kein Mensch legt Wert auf eine wissbegierige Magd.

Die warmen Kuhfladen

Jahrzehnte später wird die Lehrerin eines ihrer Enkelkinder Johanna fragen, ob sie nicht als Zeitzeugin in die Schule kommen und erzählen wolle. Johanna lehnt ab. Um Zeitzeugin zu sein, findet sie, brauche man Zeit, und Zeit habe sie zeitlebens niemals gehabt. Ebenso skeptisch steht sie als Frau mittleren Alters in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren anfangs dem Ansinnen gegenüber, das ihre jüngere Nachbarin, die Wiener Schriftstellerin Renate Welsh, an sie heranträgt.

Zwei Welten prallen aufeinander

Welsh, aus einer Wiener Arztfamilie stammend, hat ein Ferienhaus in dem kleinen Semmering-Ort, in dem auch Johanna immer noch lebt. Johanna imponiert ihr: „Sie war so ungeheuer kompetent in allen Dingen, es ging eine Sicherheit von ihr aus, die ich nur bewundern konnte. Es schien mir, dass ihr jeder Zweifel fremd war und sie völlig eins war mit ihrer Rolle als Mittelpunkt einer großen Familie; ich beneidete ihre Töchter um diese Mutter.“

Vom Zufall zum Bestseller

Renate Welsh will ein Buch über Johanna und ihre Geschichte schreiben. Die Andeutungen, die Johanna macht, wenn die beiden Frauen beim Gehsteigkehren auf ihre Besen gestützt plaudern, wecken ihr Interesse, geben Hinweise auf Brüche und Verwerfungen in Johannas Geschichte. Anfangs ist Johanna mehr als skeptisch. Mit Blick auf Renate Welshs Familienfotos an der Wand sagt sie, dass jemand mit Welshs Herkunft nie verstehen könne, „wie es einer geht, die da herkommt, wo ich herkomme“.

Buchcover Johanna - Renate Welsh

Ein Zufall gibt schließlich den Ausschlag. Kurz nachdem Johanna Renate Welsh einmal erzählt hatte, dass junge Dienstmägde wie sie früher bis Allerheiligen barfuß die Kühe hüten mussten, ergibt es sich eines Morgens, dass eine verschlafene Renate Welsh, die ihre Hausschuhe nicht findet, einem Handwerker in Socken in der Kälte draußen eine Leiter hält. Die Kälte in den Füßen tut weh und steigt ihr bis in die Kopfhaut.

Das bringt Welsh auf einen Gedanken: „Wenn die Mädchen damals gesehen haben, wie ein Kuhfladen in der kalten Luft dampfte, dann war Ekel sicher ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnten. Sie sind bestimmt hineingestiegen und haben es genossen, die Zehen wieder bewegen zu können.“ Renate Welsh macht sich dazu eine Notiz, die sie einige Tage später Johanna zeigt. „Wer hat Ihnen das gesagt?“, fragt Johanna. „Niemand. Ist mir logisch vorgekommen“, antwortet Renate Welsh. In das Schweigen, das darauf folgt, sagt schließlich Johanna: „Na gut, wenn Ihnen das logisch vorkommt, dürfen Sie auch ein Buch über mich schreiben.“

Ein Mensch kann mehr sein als die Summe dessen, was ihm widerfahren ist.

Vier Jahrzehnte später

Dieser Anekdote ist es zu verdanken, dass Renate Welsh ein erstes Buch über ihre Nachbarin schrieb. Es erschien 1979 unter dem Titel „Johanna“, avancierte schnell zum viel gelobten Jugendbuchklassiker und wurde mit einer ganzen Reihe von Preisen ausgezeichnet. Welsh erzählt darin die literarisierte Geschichte der Jugendjahre der von ihr so bewunderten Nachbarin.

Buchcover Die alte Johanna - Renate Welsh

Im heurigen Frühjahr, zehn Jahre nach dem Tod der realen Johanna und mehr als vier Jahrzehnte nach ihrem ersten „Johanna“-Buch, veröffentlichte Renate Welsh nun einen Folgeband über das „Was-nachher-geschah“. Der Titel: „Die alte Johanna.“

Auf das Label Jugendbuch wurde für dieses Mal verzichtet, und das ist gut so. Denn es passt und ist doch zugleich, wie auch schon beim ersten Band, viel zu eng. Denn die titelgebende alte Johanna erobert sich in diesem Buch – rückblickend aus Sicht des Greisenalters erzählt und allen Umständen und sozialen Schranken zum Trotz – ihren Platz im Leben und wird zum geschätzten Zentrum einer großen Familie und eines ganzen Dorfes. Jenes Dorfes, in das sie in den 1930er-Jahren als uneheliche, entrechtete „Dirn“ gekommen war.

Beide Bücher gemeinsam stellen ein einzigartiges Stück österreichischer Zeitgeschichte aus Frauenperspektive dar. Allem voran aber sind Renate Welshs „Johanna“-Bücher allerfeinste Literatur. Man würde sie gern als Buchjuwelen bezeichnen, wenn man nicht wüsste, dass sowohl der Autorin als auch ihrer Protagonistin der hohe Ton zuwider sein muss.

Johanna und die alte Johanna

„Johanna“ und „Die alte Johanna“ gehören zusammen und bestehen zugleich für sich. Der erste Band erzählt sozusagen im Vorwärtsgang von Johannas Jahren als quasi leibeigene Dienstmagd: vom endlosen Schuften, von selbstverständlichen Zurücksetzungen und Demütigungen, von winzigen erkämpften Freuden, von Mangel und Einsamkeit in einer patriarchalischen bäuerlichen Welt. Wenn da die Dirn vom Nachbarbauern mit Unterernährung und Tuberkulose im Sterben liegt, muss sich Johanna anhören, wie gut sie es im Vergleich habe, und wenn sie ein einziges Mal auf einem Dorffest unbeschwert tanzt, heißt es tags darauf im Ort, die Lahnhofer-Dirn werde sicher bald in Schwierigkeiten geraten.

Rezension: “die alte Johanna“

„Die alte Johanna“ ist völlig anders strukturiert: Johanna lebt nun in einem komfortablen Ausgedinge bei einer ihrer Töchter, kämpft mit der Hinfälligkeit ihres Körpers und hat erstmals in ihrem Leben mehr Zeit und Ruhe zum Nachdenken, als ihr lieb ist. Das Buch ist eigentlich ein langer innerer Monolog, in dem Johanna Rückschau auf ihr Leben hält, und Renate Welsh gelingt das Kunststück, dass man Johannas Gedanken – trotz des beinah völligen Stillstands in der äußeren Welt – mit ungebrochener Spannung folgt.

Ohne Chronologie lässt Welsh Johannas Erinnerungen als Gedankenstrom vorbeiziehen. Johannas Leben ist hart geblieben. Die Armut über viele Jahre – während des Kriegs und danach – war erdrückend. Doch Johanna hat mit ihrem Mann Peter, einem sozialdemokratisch gesinnten Kleinbauern, eine gute Ehe geführt. Sie hat acht Kinder geboren und aufgezogen und ist stolz, dass aus allen etwas geworden ist.

Demütigungen können auch die Greisin immer noch aus der Fassung bringen. Mancher Stachel sitzt bis zum Ende tief. Zeitlebens hat sie getan, was getan werden musste, und sie weiß sehr genau zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. So einfach, so schwierig. Für Renate Welsh war die reale Johanna „klug, großzügig, lebendig, stur, unbequem, neugierig, offen“. Vor allem aber eins: „Sie hat bewiesen, dass ein Mensch mehr sein kann als die Summe dessen, was ihm widerfahren ist.“

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