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Der Hof muss immer gekehrt sein

Johanna bekommt als Jugendliche zu hören, dass ihr, dem ledigen Kind einer Magd, nichts zustünde: Diese Abwertung prägt ihren Lebensweg. Dass sie ihn der mehrfach ausgezeichneten Autorin Renate Welsh erzählt, ist ein wenig Zufall, sehr viel Vertrauen und jede Menge Kaffee, die beim Erzählen und Recherchieren getrunken wurde.

Gloggnitz. Zwei Frauen kehren vor ihrer Tür. Das verstehen Sie, liebe Leserinnen, bitte nicht als Metapher: Damals, 1967 war es nicht nur in Gloggnitz üblich, vor der eigenen Haustür zu kehren. Besondes, das sagt Renate Welsh im Interview, das ich mit ihr führte, vor den kirchlichen Hochfesten. Da kehrt auch die Nachbarin Johanna, die mit dem Sozialisten, Bauern und Bergmann Peter verheiratet ist; da kehrt die Städterin, die Übersetzungen macht, die ganze Nacht durcharbeitet und dann in Johannas Küche eine „ordentliche Jausen“ vorgesetzt bekommt. Arbeit zählt viel im Ort, Johanna hat ihr Leben lang schwer gearbeitet.

Acht Kinder haben sie und Peter, das „rote Gsindl“ gilt im Ort dennoch nichts. Aber daran ist Johanna ja gewöhnt, seit Kindheitstagen hat sie zu hören bekommen: Wo kommen wir denn hin, wenn die ledigen Kinder etwas wollen dürften? Da wird gelernt, da wird hart gearbeitet, geschrubbt und gekehrt. Da stehen zwei Frauen und erzählen einander aus ihrem Leben, die sehr unterschiedlich sind. Es dauert eine Weile, bis man doch in den Küchen miteinander Kaffee trinkt.

Dieser Roman erzählt vom Zusammenleben, erzählt Familien- und Frauengeschichte, erzählt von Gemeinschaft und von denen, die einfach nie dazu gehören. Johanna ist die Frau im Dorf, zu der alle kommen und um Rat fragen. Sie hält auch das Dorf zusammen mit ihren Ideen, ihrem Fleiß, ihren Ratschlägen und ihrem riesigen Wissen. Als Johanna, die Kämpferin, die ledige Tochter einer Magd, die Frau eines Bergmanns, die diesen lebenslang lieben und achten wird, ihrer Nachbarin aus ihrem Leben zu erzählen beginnt, öffnen sich Schleusen: Da ist viel Wut hinter dem Kehren, dem Wischen. Man muss sich, weil man nicht zur Gemeinschaft gehört, immer beweisen. Johanna schrubbt die Toilette im Gasthaus, in dem ihr Mann zu viel getrunken hat und hinterlässt dieses stille Örtchen so sauber, wie es zuvor nie war.

Johanna zieht schließlich im hohen Alter, nach dem Tod des geliebten Mannes, zu ihrer Tochter. Auch dort ist sie das Zentrum der Familie und des Ortes. Noch immer ist ihr Rat gefragt, noch immer wollen Kinder und Enkel von ihr viel wissen: Ein Buch, das uns als Leserinnen weiser zurücklässt. Ich suche jetzt einen Besen, beginne zu kehren und bin

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen

Facetten starker Frauenleben, die Scham, die „unehelich geborene Kinder“ lebenslang begleitet, viele starke Szenen der Annährung der Autorin an ihre Nachbarin, Zeitgeschichte, Nationalsozialismus, Austrofaschismus, Verlogenheit im Großen und Kleinen

Die Autorin Renate Welsh

1937 in Wien geboren, in Aussee aufgewachsen, Studium Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften, Arbeit als freie Übersetzerin, mehrfach ausgezeichnete Autorin, „Das Vamperl“ ist eines ihrer bekanntesten Bücher, „Dieda oder das fremde Kind“, ein so genanntes Brückenbuch und dann „Johanna“ – „Johanna gibt es wirklich, sie ist meine Nachbarin“.

Renate Welsh:

Die alte Johanna
Wien: Czernin Verlag
192 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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