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Kinderbuch: Lina, die Entdeckerin

Kinderbuchtipp von Veronika Mayer-Miedl: Lina, die Entdeckerin – ein ambitioniertes Buchprojekt zu einem längst überfälligen Thema. Oder: ein Meilenstein der Aufklärungsliteratur – lustig und lustvoll

Ein Abenteuer mit ihrem eigenen Körper erlebt die kleine Lina. Bereits beim Öffnen des Buchdeckels tummeln sich süße und saftige Früchtchen frisch-fröhlich vor weißem Hintergrund: Mandarinen, Zitronen, Grapefruits, Pflaumen, Melonen mit dazwischen krabbelnden Marienkäferchen, wunderbare Einstimmung auf ein sinnliches Thema.

Liv-Strömquist-Leserinnen kommt dabei vielleicht der Originaltitel von „Der Ursprung der Welt“ in den Sinn: Kunskapens Frukt – Die Frucht des Wissens. Auch die Kombination aus Comics, ganzseitigen Bildern und Texttafeln erinnert an die Graphic Novel: Linas gereimte Geschichte wird unterbrochen von Informationsseiten über Körperhygiene, Anatomie und Menstruationsartikel.

Wissen ist Macht

Über den eigenen Körper bis ins versteckteste Detail Bescheid zu wissen ist Grundvoraussetzung zur weiblichen Selbstermächtigung. Das Buch ist dazu ein Beitrag und kann Mädchen bei einem entspannten, lustvollen und unverkrampften Umgang mit der eigenen Sexualität unterstützen. Dazu haben sich drei zusammengetan: die Kunsthistorikerin und Kindergartenpädagogin Lisa Charlotte Sonnberger, die Psychologin und Pädagogin Katharina Schönborn-Hotter und Anna Horak, von der die bunten Bilder stammen.

Sprachliche und gesellschaftliche Diversität

„Papa, das heißt Vulva!“, klärt Lina ihren unwissenden Vater auf, der verschämt von „da unten“ spricht. Selbstbewusst hat sie den anatomisch korrekten Begriff parat. Die vielen verschiedenen Namen für das weibliche Geschlechtsorgan, manchmal schamhaft umschreibend, zeigen kulturell divers geprägte Bedeutungen wie das tantrische „Yoni“ für das als heilig geltende Symbol des weiblichen Geschlechts oder das hawaiianische „Punani“ für „himmlische Blume“. Ein achtsamer Umgang mit Sprache lässt sich mit diesem Buch bewusst thematisieren und üben.

Lina, die Entdeckerin: Blick ins Buch

Gesellschaftliche Diversität wird sichtbar an der Bilderbuchfamilie genauso selbstverständlich nebenbei wie auf dem Bild vom FKK-Strand oder den Seiten zu Intimfrisuren und Körperbehaarung.

Wissbegierige Forschungsreisende ins eigene „Loch da unten“

Die Idee, die Heldin mit Lupe bewaffnet auf Forschungsreise loszuschicken durch die Vulva in die Höhle der Vagina ist zugleich originell und naheliegend. Äußerst kurios ist, wie Lina auf dem Venushügel campiert, vor ihrem Zelt ein Spiegelei brät, sich abseilt wie eine echte Höhlenforscherin, und sich tiefer vorwagt, um schließlich auf einer Slip(!)einlage wellenreitend auf der rosaroten Schleimhaut zu surfen.

Lina, die Entdeckerin

Bildungslücken schließen

Mit der lang in Aufklärungsbüchern für Kinder behaupteten Version, die Frau hätte da, wo der Mann seinen Penis hat, bloß ein Loch, räumt „Lina, die Entdeckerin“ gründlich auf. Die anatomisch detaillierte Zeichnung der äußeren Geschlechtsorgane mit der gesamten Klitoris schafft ein für alle Mal Klarheit über die faszinierende Komplexität des verborgenen Teils unseres Fortpflanzungs- und Lustsorgans.

 

Lina, die Entdeckerin - Blick ins Buch

Tabuthema Masturbation

Im Buch kommt allerdings nicht vor, dass das Organ einer Dreijährigen anders aussieht und wahrgenommen wird als etwa das eines Mädchens in der Pubertät oder das einer erwachsenen Frau. Lina wird im Vorschulalter kaum eine „wundervoll warm, feucht und wohlig“(e) Höhle entdecken, das irritiert dann doch: „Ihre Scheide in der Hand, betritt sie nun das Zauberland“ und „Draußen war es der Nervenkitzel/zu spielen mit dem kleinen Spitz´l. Jetzt ertastet sie ihr Drinnen/mit allen ihren Sinnen.“

Lina, die Entdeckerin

In der Geschichte endet Linas lustvolle Entdeckungsreise jäh durch die große Schwester, die ihr Zimmer betritt und sich darüber beschwert, dass Lina mit ihren Hygieneartikeln spielt und sich Binden wie Pflaster auf die Knie geklebt und Tampons an die Ohren gehängt hat: streng genommen ein krasser Themenwechsel.

Lina hat gerade nicht nur mit Binden und Tampons gespielt, oder? Für diesen berechtigterweise mit Scham behafteten Themenbereich gibt das Buch Anstoß zum Gespräch im geschützten Bereich der Familie über die Frage, was zum Intimsten einer Person gehört und unbedingt respektiert werden muss und warum das so ist.

Linas Schwester gibt der jüngeren auf ihre Fragen bereitwillig Auskunft. Für alle anderen, die keine erfahrene große Schwester haben, gibt es jetzt dieses Buch.

Warum die kleine Lina mit comichaft blank glänzenden Augen und kess-neckischer Körperhaltung an die Niedlichkeits-Ästhetik der 50er erinnert, ist nicht einzusehen. Der Erfolg des Buches bestätigt aber: Die Botschaft erreicht breite Leser*innenschichten, vielleicht gerade wegen dieser allzu herzigen Verpackung und trotz holpriger Reime, bei denen literaturverwöhnte VorleserInnen und ZuhörerInnen ins Stocken geraten könnten. Auch das ist schade. Trotzdem: Es war höchste Zeit, dass ein Aufklärungsbuch mit anatomisch korrekten Bildern auch für ganz junge Leser*innen erscheint. Gut, dass es endlich so weit ist!

Trailer: Lina, die Entdeckerin

Lina, die Entdeckerin
Katharina Schönborn-Hotter / Lisa Charlotte Sonnberger/ Flo Staffelmayr
Achse Verlag 2020
Ab 3 Jahren

 

Veronika Mayer-MiedlVeronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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