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Selbstversuch: Ich male mir die Welt aus

Wie kindisch ist das denn? Malbücher für Erwachsene entlockten mir ein mitleidiges Grinsen. Bis ich selbst zu den Buntstiften griff.

Vorgegebene Formen anzumalen, das kenne ich von früher, als die Kinder klein waren, und von heute, wenn ich mit meinem Enkelsohn an seinem bevorzugten Fußball-Ausmalbuch werkle. Mein liebster Malerfreund ist dann sehr konzentriert bei der Sache und gibt mir auch Tipps wie:  „Also ich würde da jetzt Grün nehmen, das Lila ist schiach.“ Ich bekomme auch Lob: „Oma, das hast du wirklich sehr schön gemacht.“ Und wir reden darüber, ob es nicht manchmal besser sei, auf den Rahmen zu pfeifen und hinauszumalen. Wir  malen und haben beide unsere Freude mit den Farb- und Filzstiften.

Seit einigen Wochen male ich nicht mehr nur Fußballmotive an. Ich besitze nämlich mein eigenes Malbuch. Erstanden habe ich es bereits vor längerer Zeit im Shop des „Egon Schiele Art Centrum“ in Krumau. Dort hatten mich die Bilder des tschechischen Künstlers Otto Placht wahrhaftig begeistert: Großformate in prächtigen Farben,  die Menschen, Tiere und Pflanzen imsüdamerikanischen Dschungel zeigen. Im Museumsshop entdeckte ich dann ein Malbuch mit Plachts Motiven. Ich konnte nicht anders, das musste ich haben! Zu Hause lag das Büchlein länger als ein Jahr herum. Im Zuge der Fußballmalereien kam es mir eines Tages wieder in den Sinn. Oma hatte jetzt also auch ein Malbuch. Mein Enkel wunderte sich nicht groß darüber. Hauptsache, wir malten!

Wir starteten mit den Dschungelanmalereien. Die Vorlagen sind sehr kleinteilig, für ein Bild gibt es unzählige Flächen, die ausgemalt werden wollen. Ich merkte schnell, wie viel Spaß mir das machte. Als ich begann, heimliche Abendstunden – kein Enkel weit und breit – fürs Anmalen zu nutzen, kam mir das schon etwas kindisch vor. Peinlich irgendwie. Doch ich war auch vergnügt wie ein Kind, am Boden lümmelnd oder auf der Couch, den Korb mit den Stiften neben mir, kritzelnd und malend. Ich ließ Welten entstehen, in bunten Farben und satten Tönen, die des Dschungels und meiner Fantasie würdig waren. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Irgendwann wurde mir bewusst, was das Malen in mir auslöste: völlige Entspannung und glückliches Im-Moment-Sein. Denn im jeweiligen Moment zählen nur die farblose Fläche, das kurze Abschätzen des Gesamten, die Wahl eines Buntstiftes und das Anmalen. Es gibt keinen künstlerischen Anspruch, kein Gut oder Schlecht, kein Wenn und kein Aber. Das ist süchtig machend großartig. Darum besitze ich mittlerweile auch mehr Malbücher als meine Malverwandtschaft.

Verblödung? Entspannung!
Erwachsene, die Bilder anmalen: Die einen nennen das Stumpfsinn, die anderen befinden, dass Anmalen fokussiert und entschleunigt. Johanna Basford gilt als Pionierin dieses Genres. Dass ihre Malbücher millionenfachen Absatz finden, lässt Kulturpessimisten ächzen. Ich habe ihren Bestseller „Secret Garden“ schon in Arbeit.