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„Zu hohe Erwartungen erzeugen Stress“

Menschen haben Erwartungen – an sich selbst, das Leben, das neue Jahr, an Mitmenschen, den Nachwuchs oder an die Politik. Doch welche Vorstellungen sind gut und welche schaden? Psychologin Muriel Böttger rät zu einem positiven Umgang mit Erwartungen.

Sophia Lang: Neues Jahr, neues Glück. Viele Menschen haben vor allem am Jahresanfang viele Erwartungen. Warum erwarten Menschen überhaupt etwas?

Muriel Böttger: Zu erwarten ist ein automatischer Mechanismus, der sich nicht einfach abschalten lässt. Menschen tun es, weil sie sich erhoffen, dann besser auf das vorbereitet zu sein, was kommt. So malen sich Menschen etwa aus, wie das Familientreffen, die Geburtstagsfeier, der Arbeitstag oder das erste Jahr als Mutter wird. Es gibt aber auch stereotype Erwartungen, die geprägt sind durch unsere Erziehung, eigene Erfahrungen oder die Gesellschaft. Erwartungen zu haben kann hilfreich sein, damit wir uns nicht naiv in eine Situation hineinbewegen und uns mit künftigen Herausforderungen auseinandersetzen. Zu hohe oder starre Erwartungen können aber auch hemmen und Stress verursachen.

Was können wir uns erwarten und was nicht?

Böttger: Menschen können nur das erwarten, was sie auch verändern können. Die Umsetzung muss zunächst also realistisch sein und in meinem eigenen Verantwortungsbereich liegen. Jeder und jede ist zum Großteil selbst für sein oder ihr Glück, seine oder ihre Zufriedenheit und Gesundheit zuständig. Viele Menschen überschätzen allerdings, was sie in einem Jahr schaffen können. Hier würde ich Druck herausnehmen, besser wäre es, Etappenziele zu erarbeiten.

Menschen stellen ja nicht nur an sich selbst Erwartungen, sondern auch an andere. Was können wir von anderen erwarten?

Böttger: Erwartungen an andere Menschen sind schwierig, eigentlich müssten wir sie ganz streichen. Weil sie sich aber nicht abstellen lassen, können wir sie zumindest reduzieren. Das kann gelingen, indem wir die Ansprüche, die wir an uns selbst haben, verringern. Denn Menschen, die hohe Erwartungen an sich selbst haben, stellen sie auch an andere. Wer mit sich selbst entspannt ist, ist es auch mit anderen. Wir können also lernen zu akzeptieren und achtsamer zu werden, worauf wir unseren Fokus legen. So wird das Leben leichter, weil uns viele Enttäuschungen erspart bleiben.

 

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Warum versuchen wir oft, unsere eigenen Erwartungen anderen überzustülpen?

Böttger: Viele Menschen gehen davon aus, dass das, was ihnen gut tut, auch für andere gut ist. Wenn wir also davon überzeugt sind, dass es gesund ist, Gemüse zu essen oder Sport zu treiben, muss es das ja für andere auch so sein. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass jeder Mensch individuell ist und unterschiedliche Dinge braucht, um glücklich, zufrieden und gesund zu sein. Deshalb dürfen wir gern offener für die Vorstellungen und Bedürfnisse anderer werden.

Es gibt Beziehungen, die nach diesem Prinzip laufen: Gibst du mir, was ich erwarte, gebe ich dir, was du dir wünscht. Kann das gut gehen?

Böttger: Diese Erwartungshaltung kommt vor allem in engen und vertrauten Beziehungen vor und kann nicht funktionieren. Es gibt Erwartungen, die ein anderer Mensch nicht oder nicht immer erfüllen kann, ein häufiges Beispiel ist die Annahme, dass mich der Partner, die Partnerin glücklich machen muss. Dafür bin ich selbst verantwortlich, die Partnerschaft kann nur dazu beitragen. Es wird auch in der fürsorglichsten Beziehung der Tag kommen, an dem ParnterInnen etwas vergessen oder zu spät nach Hause kommen. Das hat dann meist nichts mit uns zu tun oder damit, dass die Beziehung schlecht läuft, sondern vielleicht nur, dass der Partner, die Partnerin gestresst ist.

 

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Viele Erwartungen haben wir ja unbewusst, das bedeutet, wir bemerken oft nicht, dass wir uns gerade etwas erhoffen. Woran erkennen wir versteckten Erwartungen?

Böttger: Wir enttarnen unsere unbewussten Erwartungen an unseren Reaktionen. Wenn ich zum Beispiel bemerke, dass mir etwas nicht egal ist, obwohl ich vorher behauptet habe, das lasse mich kalt, dann erwarte ich mir gerade etwas. Das sollten wir offen mit unserem Gegenüber kommunizieren, so können Kompromisse gefunden werden. Wünsche ich mir etwa, dass mich mein Partner, meine Partnerin bei einem Familienbesuch, kann ich umgekehrt vorschlagen, ein anderes Mal etwas zu unternehmen, was ihm oder ihr guttut. Wir gehen oft davon aus, dass das Gegenüber automatisch weiß, wie es uns geht, aber das kann er oder sie gar nicht erraten. Wir müssen uns bewusstwerden, was in uns vorgeht und das dann auch kommunizieren. So erlauben wir es anderen Menschen, sich uns zu nähern.

Erwartung und Enttäuschung liegen nahe beieinander. Wie gehen wir mit Rückschlägen um?

Böttger: Enttäuschung ist ein Gefühl, das uns dazu veranlassen sollte, nach Verbesserungsmöglichkeiten für bestimmte Situationen zu suchen. Wenn ich eine Prüfung nicht geschafft habe, lerne ich demnächst mehr, wenn etwas nicht so schön wird, wie ich es mir erhofft habe, kann ich dafür sorgen, dass ich künftige Erwartungen nicht zu hochstelle oder mich fragen, was ich selbst dazu beitragen kann, damit etwas so wird, wie ich es mir ausmale. Wenn ich die Erfüllung meiner Erwartungen anderen überlasse, gebe ich Macht und Kontrolle ab.

Machen wir uns von unseren Erwartungen abhängig?

Böttger: Wir sind durch unsere Erwartungen geprägt, das lässt sich schwer abtrennen, aber wir können uns zu sehr von ihnen abhängig machen, wenn wir ständig nur darüber nachdenken, was in der Zukunft sein wird. Dann zieht das Leben an uns vorbei, und wir können nicht genießen, was gerade geschieht.

Warum versuchen wir, fremde Erwartungen zu erfüllen?

Böttger: Weil wir uns zugehörig fühlen möchten. Das ist ein Grundbedürfnis. Ein anderes menschliches Bedürfnis ist aber auch Autonomie. Wenn wir ständig die Erwartungen anderer erfüllen, laufen wir fremden Zielen hinterher und das macht auf Dauer unglücklich, denn wir möchten mit unseren Vorstellungen im Einklang sein. Je älter wir werden, desto leichter wird das. Als junge Menschen versuchen wir noch stärker, die Erwartungen anderer zu erfüllen, im Laufe unseres Lebens lernen wir aber durch Erfahrungen, dass uns das nicht zufriedener macht. Wir versuchen dann herauszufinden, was unsere eigenen Lebensvorstellungen sind, versuchen sie zu integrieren und merken, dass wir auch so gute Beziehungen führen können.

Wie können wir Kinder stärken, damit sie früh lernen, mit Erwartungen umzugehen?

Böttger: Wir können Kinder kräftigen, indem wir ihnen mitteilen, dass sie geliebt werden und unsere Erwartungen nicht erfüllen müssen. Wir sollten unsere Kinder viel öfter fragen, was sie zufrieden und glücklich macht. So entwickeln Kinder ein gutes Gespür für sich selbst.

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