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„Humor ist der Schlüssel zum Lebensglück“

Warum Lachen für Beziehungen so wichtig ist und wie man den eigenen Humor steigern kann. Ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten und Autor Wolfgang Krüger.

Julia Langeneder: Eine Freundin meinte unlängst, dass sie mit ihrem Partner vor allem der Humor verbinde. Ist das eine gute Basis?

Wolfgang Krüger: Wir verlieben uns nur in einen Menschen, mit dem wir gemeinsam lachen können. Humor erzeugt eine Stimmung von Leichtigkeit, und diese fördert wiederum das Gefühl der Verliebtheit. Der gemeinsame Humor ist ein untrüglicher Hinweis darauf, dass man eine ähnliche Wellenlänge hat, denn im Humor stecken zum einen gemeinsame Lebenswerte und zum anderen weiß man: Wenn dieser Mensch über sich selbst lachen kann, bin ich auch in der Lage, mit ihm schwierige Konflikte zu klären.

Verliebte lachen sehr viel. Mit der Zeit geht diese Leichtigkeit in der Beziehung oft verloren – warum ist das so? 

Krüger: Im Leben gibt es auch Belastungssituationen. Ich bin vom anderen enttäuscht. Ich bekomme nicht mehr die Anerkennung, die ich haben möchte, mein Partner belehrt oder korrigiert mich ständig. Ich muss mit solchen Situationen umgehen lernen. Wenn ich Humor habe, kann ich die Situationen grundlegend entschärfen. 

Haben Sie ein Beispiel?

Krüger: Es gibt in allen Partnerschaften grundlegende Konflikte, die sich nicht so einfach lösen lassen. Einer gibt immer zu viel Geld aus, die eine ist ordent­licher als der andere und so weiter. Es ist ein großer Unter­schied, ob ich stets kritisch auf diese Unterschiede schaue oder ob ich mit Humor reagieren kann. Ich kann zu meinem Partner sagen: „Mein lieber ­Chaot.“ Der Konflikt ist noch vorhanden, aber er wird liebevoll eingepackt. Oder: Ein Mann ist mit einer Frau zusammen, die gerne bestimmt. Er kann darauf sehr kühl reagieren und sich beschweren oder er tanzt mit der Frau durch die Küche und sagt: „Ja, meine Chefin!“ Wenn ich den anderen ständig korrigiere, habe ich wenig Chancen, dass er auf meine Wünsche und Wahrnehmungen eingeht.  

Aber läuft man so nicht auch Gefahr, Probleme zu verharmlosen?

Krüger: Wenn man das Gefühl hat, dass mein Partner mich nicht achtet, es seit drei Monaten keine Sexualität gibt oder der Partner nie in der Küche mithilft, dann sind das massive Probleme, und man muss darauf reagieren. Es gibt aber auch „Schallplattenprobleme“, wie ich das nenne, die sich immer wiederholen und uns nicht weiterbringen. Diese Probleme haben die Eigenschaft, immer mehr zum gefühlten Mittelpunkt der Beziehung zu werden. Nur durch den Humor können wir sie verkleinern. Wenn wir etwas tun, müssen wir langfristig auch eine Erfolgskontrolle vornehmen: Ist mein Verhalten hilfreich? Es gibt Situationen, in denen Humor die Ernsthaftigkeit meiner Argumente eher verwässern würde und wo Humor nicht passt. Aber in den meisten Fällen passt er. Oft übertreiben wir im Streit. Wir sagen: „Immer machst du …“ Oder: „Schon deine Mutter hat dir immer hinterhergeräumt, deshalb bist du auch nie erwachsen geworden.“ Da ist man sofort in einem Streitgespräch. Meist wollen wir den Partner direkt ändern, und er wehrt sich.

Paartherapeut Wolfgang Krueger

 

 

Wolfgang Krüger wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf, in denen es sehr wenig zu lachen gab. Umso mehr Anliegen ist es ihm heute als Paartherapeut, aus Konflikten mit Humor auszusteigen und so friedliche Lösungen zu finden.

Sie raten zur indirekten Veränderung – wie geht das?

Krüger: Ein Kernkonflikt in Partnerschaften ist, dass wir den Partner oder die Partnerin ändern wollen; und wenn wir immer an ihm oder ihr herumbasteln, wird die Stimmung immer schlechter und langsam unerträglich. Nach meiner Erfahrung ist der einzige Ausweg das Prinzip der indirekten Veränderung. Das bedeutet: Wenn ich mich ändere, ändert sich das gesamte System der Partnerschaft. Nehmen wir den Hauptkonflikt in Partnerschaften: Der eine hat mehr Bedürfnis nach Nähe als die andere. Da funktioniert das Gummibandprinzip: Wenn ich mich zurückziehe, merkt der Partner, er muss sich mehr bemühen – und er kommt näher. Das funktioniert fast immer.

Sollte auch die Lust lustiger sein?

Krüger: Sexualität wird oft zu ernst betrieben, als wäre es eine Sportveranstaltung. Als ich vor 20 Jahren einen Vortrag hielt, sagte ich, dass man im Bett manchmal herumalbern sollte. Da stand ein älterer Herr auf und sagte, ich würde die Sexualität nicht ernst nehmen. Aber wir wissen, dass viele Störungen in der Sexualität weggehen, wenn man miteinander herumalbern kann. Die Versagensangst verschwindet in diesem Augenblick. Man wird wahrscheinlich beim Orgasmus nicht miteinander lachen; aber nackt miteinander herumzualbern, das erzeugt eine Stimmung von Wohlbehagen, die zur Entspannung beiträgt.

Lachen ist die einzige Möglichkeit, um im Leben nicht zu verzweifeln.

Wie kann man in einer Partnerschaft jene Bedingungen schaffen, die sich günstig auf den Humor auswirken?

Krüger: Erstens: Wir dürfen vom Partner oder der Partnerin nicht zu abhängig sein, weil wir sonst sehr empfindlich und gereizt reagieren. Wir sollten gute Freundschaften und soziale Beziehungen pflegen. Zweitens: Humor ist eine Haltung, Dinge mit einem gewissen Abstand zu betrachten – so als würden wir im Theater in der ersten Reihe sitzen und uns unserer Leben als Schauspiel ansehen. Dafür braucht es drittens „Zeitinseln“, also die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen, sich zu spüren, sodass man die innere Stimme hören kann. Und viertens: Humor hängt viel mit dem Selbstbewusstsein zusammen. Das Selbstbewusstsein hängt wiederum sehr davon ab, ob ich meine Lebensziele erreiche. Und dafür braucht es auch die Aktivität, dass ich etwas anpacke. Wir neigen dazu, gerne etwas aufzuschieben: Ich höre mit dem Rauchen auf, ich nehme ab. Wenn man ein einziges dieser Vorhaben wirklich angeht, steigert dies das Selbstbewusstsein.

Wer seine Humorfähigkeit steigern möchte, soll an seinem Selbstbewusstsein arbeiten?

Krüger: Ja, und das geht relativ leicht. Patienten können mir oft stundenlang erzählen, was sie alles falsch machen. Wenn ich sage: „Erzählen Sie doch einmal über das Positive an Ihnen“, fällt das den meisten sehr schwer. Ich gebe dann die Aufgabe, jeden Abend zu überlegen: Was kann ich gut, was habe ich gut gemacht? Darüber hinaus sollen sie sich fragen: Was sind meine drei positiven Eigenschaften? Das Erstaunliche ist, wenn sie das über drei Monate lang praktizieren, steigt das Selbstbewusstsein merklich. Ich empfehle das auch für Partnerschaften: Sich jeden Tag zu loben und abends wie in einem Ritual zu sagen: „Ich danke dir, ich hab mich heute gefreut, dass du das und das gemacht hast.“ Das verbessert Partnerschaften sehr und führt auch zu mehr Humor.

Was schadet dem Humor?

Krüger: Es gibt zwei Dinge, die den Humor kaputt machen: Erstens Einsamkeit und zweitens heftige Minderwertigkeits- und Schuldgefühle. Scham- und Schuldgefühle bewirken, dass wir alles richtig machen wollen und immer angespannt sind.

Wenn man sehr gestresst ist, bleibt der Humor auch oft auf der Strecke, oder?

Krüger: Ja. Stress erzeugt, dass ich mich ohnmächtig fühle. Aber in dem Augenblick, in dem ich lache, ­stelle ich mich über die Situation und befreie mich. ­Humor ist die beste Möglichkeit, mich plötzlich wieder frei zu fühlen.

Welt der Frauen Dezember 2020

 

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Fotos: Martin Lengemann, Unsplash

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