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Seitensprung: trennen oder vergeben?

Ist ein Seitensprung oder eine Affäre erst gestanden, beginnt die Arbeit. Am eigenen Selbstwert, an der Beziehung, für die Zukunft. Trennung ist nicht immer die richtige Wahl.

Erstarrung. Unglauben. Schock. Und dann viele Fragen. Oder Schweigen. Auf jeden Fall Verzweiflung. Mit der Untreue des Partners oder der Partnerin konfrontiert zu werden, verwandelt das Innere in ein emotionales Schlachtfeld.

Oft kommen dann Wut und Aggression, wahlweise auch das Versinken in sich selbst, das Suchen nach Ursachen und die Schuldzuweisungen. Egal, was vorher vorgefallen ist. Egal, wie unzufrieden man selbst in einer Partnerschaft war. Der Sündenbock ist ja jetzt gefunden, man selbst als Teilhabender am Unglück „aus dem Schneider“.

Untreue = Trennung?

Für viele steht schnell fest: So nicht mehr. Trennung. Zuerst von Tisch und Bett. Und dann kommt das sukzessive Ausradieren der alten Liebe, nicht selten kriegerisch vor dem Scheidungsrichter. Der Schweizer Paartherapeut Jürg Willi stellt sich gegen diesen Strom. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es in vielen Partnerschaften an Vertrauen in die Verbesserungswürdigkeit und Verbesserungsmöglichkeiten des Zusammenlebens mangelt.

In seinem Buch „Psychologie der Liebe“ schreibt er: „Heute kann man bei vielen Paaren einen Mangel an Befähigung und Willen zur Auseinandersetzung feststellen. Wenn die Harmonie nicht mehr gewährleistet ist, tendiert man dazu, ohne Streit auseinanderzugehen. Man möchte an der Liebe nicht leiden. Unglücklichsein gilt als verlorene Zeit.“

Und auch der Grazer Soziologe Max Haller kritisiert in seiner Studie „Kinder und getrennte Eltern“ für das Österreichische Institut für Familienforschung, dass Konflikte oft viel zu früh vor dem Scheidungsrichter landen. Damit würden die Beteiligten auf das eigene Aushandeln des Konfliktes verzichten. Die Folge: Die Lösungen sind wenig flexibel und kaum an die persönlichen Bedürfnisse angepasst. Haller empfiehlt vielmehr professionelle Beratung oder Begleitung.

Aufgestaute Probleme

Die professionelle Hilfe von außen kann allerdings nicht in jedem Fall einen Weg freischaufeln. „Wenn jede Liebe gestorben ist, nur mehr Hass und Verletzung regieren, wenn es in der Beziehung keine Entfaltung der Persönlichkeit mehr gibt, sondern nur mehr Einschränkung, dann wird eine Trennung oft als Befreiung erlebt, die Platz für die Zukunft und eine neue Liebe schafft“, sagt Rüdiger Opelt, Psychologe, Psychotherapeut und Autor des Buches „Müde Ehe? Scheiden oder bleiben, lieben oder lassen?“.

„Müde Ehe? Scheiden oder bleiben, lieben oder lassen?“

Er erlebt Paare in der Krise meist rund um den verflixten siebten Hochzeitstag herum, weil sich nach diesen Jahren Probleme aufgestaut haben können, die sich aus Kindererziehung, Hausbau, Karriere oder Persönlichkeitsunterschieden ergeben. „Die Männer finden meist alles in Ordnung, die Frauen sind als Erste unzufrieden und versuchen, die Beziehung zu verbessern. Wenn der Mann die Diskussion verweigert, eskaliert nach einiger Zeit die Situation, und die Beziehung
ist auf der Kippe.“ Das ist dann auch nicht selten der Zeitpunkt, an dem das Gespenst der Untreue die Beziehungsbühne betritt.

Die Krise kommt meist um den verflixten siebten Hochzeitstag.
Psychotherapeut Rüdiger Opelt

Ab wann ist man untreu?

Doch was ist eigentlich Untreue? Oder anders gefragt: Was ist Treue? Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die Beziehungen, in denen sie Thema sind. Für die einen bedeutet sie sexuelle Exklusivität zwischen zwei Menschen, Beständigkeit, Dauerhaftigkeit und Loyalität. Für die anderen verstößt bereits Händchenhalten mit einer anderen Person gegen den Treuegrundsatz.

Und weil dieser Grundsatz innerhalb einer Partnerschaft frei verhandelt werden kann, ist Untreue im Großen und Ganzen ein Verstoß gegen diese Vereinbarung. Gemeinsame Beziehungswerte auszuhandeln ist nicht jedermanns Sache, hängen wir doch vielfach, quasi automatisch und selbstredend, immer noch dem traditionellen Modell von der einzigen, unerschütterlichen, hingebungsvollen Liebe an. Dieses große Gefühl scheint allerdings überholt: „An die Stelle der Einzigartigkeit der Liebe ist die unendliche Auswahl auf Internet-Dating-Websites getreten, die es einem ermöglicht, das Quantum an Sex oder Partnerschaft, das man in einer Beziehung sucht, gezielt anzusteuern.

Das religiöse Regime der Knappheit, das hinter (…) ‚große Liebe‘ steckte und die vormoderne Liebe und Sexualität charakterisierte, wurde durch die endlosen sexuellen Wahlmöglichkeiten und den sexuellen Überfluss komplett umgemodelt“, schrieb Eva Illouz, Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem in der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Orientierungsloses Leiden

Warum dann also dieser Jammer, wenn die große Liebe ihren exklusiven Touch verliert? „Exklusivität gehört zur Verliebtheit, zu intimen Beziehungen. Sie ist immer noch ein Ideal. Viele setzen hohe Erwartungen in eine Beziehung“, weiß Susanne Savel-Damm, Leiterin der Partner- und Familienberatung der Erzdiözese Salzburg. Untreue ist ein häufiger Grund, weshalb Paare Partner- und Familienberatungsstellen aufsuchen.

Was tun nach Seitensprung?

Die „Behandlung“ des Themas hängt vom Beziehungsstadium der jeweiligen Paare ab. Die einen sind unentschieden, ob sie die Partnerschaft verlassen oder aufrechterhalten wollen. „Dann geht es oft um Orientierung“, sagt Savel-Damm. Andere suchen Beratung, weil sie in der Beziehung bleiben wollen und sich dazu aus alten Strukturen befreien müssen. Ein dritter Teil hat sich zur Trennung bereits entschlossen und wünscht für diese Phase Begleitung. Susanne Savel-Damm sucht nach neuen Wegen, ohne moralisch zu bewerten, nach Entwicklungschancen für die Beteiligten und die Partnerschaft. „Untreue geht mit dem Gefühl des Verrats und der Illoyalität Hand in Hand, der betrogene Partner fühlt sich ausgeschlossen und stellt sein eigenes Leben infrage. Dieser Schmerz muss gehört werden.“

Untreue geht mit dem Gefühl des Verrats und der Illoyalität Hand in Hand, der betrogene Partner fühlt sich ausgeschlossen und stellt sein eigenes Leben infrage. Dieser Schmerz muss gehört werden.
Susanne Savel-Damm

Klar, das ist für den „Verursacher“ unangenehm, wenn er auf diese Art und Weise mit seiner Verantwortung konfrontiert wird. Will er allerdings in der Beziehung bleiben, kommt er nicht darum herum. Das Besprechen der oft starken Emotionen dient schlussendlich beiden, denn nur wenn die Kränkung überwunden wird, ist ein Neuanfang möglich. Das durch den Betrug entstandene Opfer-Täter-Muster kann sich dann auflösen“, sagt Savel-Damm, „oft gibt es ein gemeinsames Erkennen, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist.“

Schreiender Stolz

Wichtig für diesen Prozess der Aufarbeitung ist auch, ob es sich bei der Untreue um einen One-Night-Stand oder eine länger dauernde Affäre gehandelt hat. „Ersteres lässt sich leichter verzeihen und wird oft als Weckruf gesehen, wieder an der Beziehung zu arbeiten“, hat Life-Coachin Andrea Stark erlebt.

Sie sieht aber auch, „dass viele völlig paralysiert sind und glauben, das aussitzen zu können“. Ein Ereignis wie dieses könne man nicht unter den Teppich kehren. „Wenn der Stolz laut schreit, siegt das ‚Ego‘“, ist Andrea Stark überzeugt. Da das Ego allerdings nur an der Oberfläche bleibe und signalisiere, dass das Selbstbild mit der Situation nicht umgehen könne, sei genau die Arbeit an diesem Selbstbild wichtig. In ihren Paarberatungen geht es in einem ersten Schritt darum, herauszufinden, ob die Untreue ein Symptom oder ein Sprungbrett war. „Eine Beziehung muss trotz Untreue nicht Schaden nehmen. Einen Seitensprung kann man auch als Hilferuf verstehen, wenn einem der Partner die Beziehung sehr wertvoll ist.“

Eine Beziehung muss trotz Untreue nicht Schaden nehmen.
Life-Coachin Andrea Stark

Geben und Nehmen – der Schlüssel zur Vergebung

Essenziell für den Fortbestand einer Beziehung ist Vergebung. „Beziehung ist immer ein Wechselspiel zwischen Verteidigung der eigenen Grenzen und Eingehen auf den anderen. Das Schwingen zwischen Ego und Einfühlung hält die Liebe lebendig“, sagt Rüdiger Opelt. Wenn allerdings einer immer der Egoist sei und vom anderen immer Vergebung erwarte, gefährde dies die Beziehung.

Geben und Nehmen ist auch für Andrea Stark der Schlüssel zum Verzeihen. Die Partner müssen sich fragen, was erfüllt werden müsse, um weitermachen zu können. „Diese konkreten Schritte sind notwendig, um glaubwürdig zu sein – vor allem vonseiten des untreuen Partners. Es braucht ein bewusstes Bekenntnis zur Beziehung.“ Susanne Savel-Damm sieht zusätzlich die Notwendigkeit, dass dieser seine Schuld im Sinne des gebrochenen Versprechens eingesteht. „Dann kann der betrogene Partner wieder Vertrauen fassen und die Kränkung überwinden.“

Das fordere von beiden viel Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. „Wenn es keine halbherzige Entscheidung ist und die Wiederannäherung der Partner gelingt, dann bietet sich die Chance für eine lebendige und liebevolle Beziehung“, weiß die Beraterin.

Die Veränderung des Blickwinkels stößt gute Entwicklungen an.
Heilpraktikerin Hina Froh

Alles ist gut

Einen anderen Lösungsweg empfiehlt Hina Fruh, Heilpraktikerin für Psychotherapie, die mit der Tipping-Methode der „radikalen Vergebung“ arbeitet. Solange die Situation nur von der Ego-Ebene aus betrachtet werde, könne keine Heilung stattfinden, sagt Fruh: „Viele Menschen unterliegen dem Glauben, dass alles gut wäre, wenn der Partner sich nur ändern würde. Doch ich bin zutiefst davon überzeugt, dass nur die bewusste Übernahme der Eigenverantwortung dazu führt, sowohl für sich alleine wie auch in der Beziehung langfristig glücklich zu sein.“

Der zweite Schritt führt zur Erkenntnis, dass man aus der schmerzhaften Situation lernen und wachsen kann. „Dabei geht es nicht darum, uns selbst zu verurteilen für das, was wir getan haben oder nicht getan haben. Gerade bei Frauen ist dies leider häufig der Fall. Doch das ist nur eine Umkehrung des Beschuldigungsmechanismus und noch nicht dessen Lösung.“ Vielmehr sei es die Veränderung des Blickwinkels, die positive Entwicklungen anstoße. Wenn man anerkenne, dass nichts Falsches geschehen sei, „führt das dazu, dass wir unser Herz wieder für unseren Partner öffnen können und die Liebe wieder fießen darf“.

Erschienen in der „Welt der Frauen“-Ausgabe November 2013

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