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Afghanistan: Zwei Frauen erzählen von der Lage in Kabul

In Afghanistan blicken nach der Machtübernahme der radikal-islamistischen Taliban besonders Frauen und Mädchen der Zukunft mit Angst entgegen. Zwei Afghaninnen erzählen, wie sie die aktuelle Lage in der Hauptstadt Kabul erleben.

Noch Anfang August gingen US-Militär-AnalystInnen davon aus, dass Kabul den Taliban noch drei Monate Widerstand leisten werde. Doch bereits zwei Wochen später, am 15. August, marschieren die Islamisten in die afghanische Hauptstadt Kabul ein. Seitdem versucht die NATO verzweifelt Staatsangehörige und lokale Ortskräfte über den Flughafen Kabul zu evakuieren. Die Angst vor dem Regime der Taliban ist groß. Vor allem Frauen fürchten um ihre Zukunft. Zwei Afghaninnen erzählen, wie sie die Lage vor Ort erleben.

Es ist wie ein Albtraum, aber es ist real

Tamina, 25

über den drohenden Verlust ihrer Freiheiten

Als die Taliban auf Masar-i-Sharif marschierten, beschloss Tamina (Name von der Redaktion geändert) mit ihrer Familie in die 420 Kilometer entfernte Hauptstadt zu fliehen. Sie hoffte, dass die afghanische Armee Kabul gegen die Taliban verteidigen würde. Doch sie irrte sich.

Drei Tage nach ihrer Ankunft in Kabul fiel die 4,5 Millionen Metropole an die Taliban. „Ich war schockiert, als ich hörte, dass Präsident Ashraf Ghani das Land verlassen hatte“, sagt sie. Kurz darauf saßen die Taliban im Regierungspalast.

„Der schlimmste Tag in meinem Leben“

Das sei der schlimmste Tag in ihrem Leben gewesen und die Angst habe sie seither nicht mehr verlassen. Die 25-Jährige war noch ein Kind als die Taliban in den 90ern in Afghanistan herrschten. Damals hatten sie ein islamistisches Regime errichtet, in dem auf Widerstand mit Massenerschießungen in Fußballstadien reagiert wurde, Frauen die Burka tragen mussten und es ihnen verboten war, alleine das Haus zu verlassen. Der Zugang zu Schulen oder gar der Besuch einer Universität war für Frauen unmöglich.

Nach dem Sturz der Taliban 2001 eröffneten sich für die afghanischen Frauen neue Möglichkeiten. Tamina studierte Chemie und setzt sich für Frauenrechte ein. Ob das für ihre beiden Töchter auch in Zukunft möglich sein wird, bezweifelt sie. „Ich fürchte, dass sich die grauenvolle Zeit der 90er wiederholen wird“, sagt Tamina.

Was bedeutet die Machtübernahme der Taliban?

Die erneute Herrschaft der Taliban bedeutet aber nicht nur den drohenden Verlust von Freiheiten. Nachdem die sunnitischen Taliban 1996 an die Macht kamen, riefen sie zum Jihad gegen die Volksgruppe der Hazara auf, von denen viele Schiiten waren. In den folgenden Jahren waren sie Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt, tausende Hazara wurden ermordet und aus ihren Häusern vertrieben. Als schiitische Hazara weiß Tamina, dass ihr Leben und das ihrer Familie erneut bedroht ist.

Frauen in Afghanistan – Flucht als einziger Ausweg?

In Kabul hat Taminas Familie Unterkunft bei Verwandten ihres Ehemanns gefunden. Das Haus verlässt sie in diesen Tagen nicht. „Wir hören von den Führern der Taliban immer, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen. Aber ich vertraue ihnen nicht“, sagt sie. Aus den Dörfern dringen beunruhigende Nachrichten: Menschen sollen verhaftet und ermordet worden sein. „Vielleicht halten sie sich jetzt in den großen Städten noch zurück, aber ich befürchte, der Tag wird kommen an dem die Taliban ihre Regeln durchsetzen werden.“ Sie will daher, wie viele ihrer Freunde auch, Afghanistan am schnellsten Weg verlassen. „Es ist wie ein Albtraum“, sagt sie. „Aber es ist real.

Wir Frauen sind nicht wie vor zwanzig Jahren

Shugofa, 19

über ihre Ängste

Dass Kabul so rasch fallen würde, hätte Shugofa nicht gedacht. „Wir waren alle überrascht“, sagt die 19-Jährige. Noch am Tag vor dem Einmarsch der Taliban hatten sie und ihre Eltern Pläne für den kommenden Tag besprochen. Doch dann war plötzlich alles anders. Am 15. August floh Präsident Ashraf Ghani nach Tadschikistan und die Taliban übernahmen die Kontrolle über Kabul.

An Shugofas Start in einen neuen Lebensabschnitt – sie wollte Betriebswirtschaft studieren – war nicht mehr zu denken. Die American University of Afghanistan (AUAF) schloss wegen der chaotischen Zustände in Kabul ihre Tore. Ob Shugofa jemals wird in Afghanistan studieren können, ist zurzeit mehr als unsicher.

Scharia: Frauenrechte und Meinungsfreiheit unter den Taliban

Im Moment sei ganz Kabul heruntergefahren, sagt sie. Schulen, Universitäten, Regierungsbüros, alles ist geschlossen, niemand geht zur Arbeit. Allerdings seien inzwischen wieder mehr Menschen auf der Straße unterwegs. Sie selbst bleibt zuhause. Mit ihren Freundinnen unterhält sie sich übers Telefon. „Bekleidungsvorschriften für Frauen haben die Taliban bisher keine erlassen“, sagt sie. „Aber wir erwarten solche Dinge täglich.“ Und davor fürchte sie sich.

„Wir Frauen heute sind nicht wie vor zwanzig Jahren“, sagt die junge Afghanin, die das Schreckensregime der Taliban in den 90ern nicht miterlebt hat. Sie wolle nicht im Haus eingeschlossen sein, fordere ihre Rechte und die Möglichkeit selbst zu entscheiden, wie sie ihr Leben führt. „Die Taliban sollen sich nicht unserer Bildung und Freiheit entgegenstellen.“ Dass die Taliban heute andere seien als vor zwanzig Jahren glaubt Shugofa nicht. Vielmehr fürchtet sie, dass die Radikalislamisten die selben Verbrechen wie während ihrer ersten Herrschaft begehen könnten.

„Alles wofür die Taliban stehen, widerspricht unseren sozialen Werten“, sagt sie. Deren Vorstellungen, wie man sich zu kleiden habe, was man studieren dürfe, dass Frauen das Haus nicht ohne Begleitung eines Familienmitgliedes verlassen sollen und welche Jobs für sie erlaubt sind.

Zwangsheirat mit Taliban-Kämpfern

„Aber selbst wenn du all diese erzwungenen Regeln befolgst, kannst du dich nicht sicher fühlen“, so Shugofa. Sie können jederzeit in dein Haus kommen und verlangen zu tun, was sie wollen. „Für eine afghanische Frau ist es ein Horror zu hören, dass die Taliban junge Mädchen zwingen Taliban-Kämpfer zu heiraten.“

Rückschritte befürchtet

Die Taliban-Führer hätten angekündigt, Mullahs, also islamische Rechtsgelehrte, als Führungspersonal in Ministerien und Verwaltungsstellen einsetzen zu wollen. Dass diese Leute die notwendige Ausbildung und Erfahrung besitzen, bezweifelt sie. „Dadurch verliert Afghanistan jede Möglichkeit der Entwicklung“, so die 19-Jährige. „Im Gegenteil, Afghanistan und seine Gesellschaft werden um Jahre zurückfallen.“

Diese Ängste begleiten sie in diesen Tagen wie ein Schatten, sagt Shugofa. „Das einzig Vernünftige ist es, Afghanistan so rasch als möglich zu verlassen.“

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