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Ich falle lieber positiv auf

Wenn ein Land nicht zur Ruhe kommt, gelingt das auch seinen Menschen nicht. Tanya Kayhan lebt heute in Wien. Ihre Geschichte ist geprägt durch ihre Heimat Afghanistan.

Meine ersten sieben Lebensjahre wuchs ich in einer demokratischen Republik auf. Meine Eltern, beide Afghanen, waren sehr liberal“, sagt Tanya Kayhan und streicht sich mit ihren manikürten Fingern eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Wir treffen die Reporterin des Onlinesenders „oe24.TV“ im Lokal „Orient & Occident“ in Wien. Die 33-Jährige spricht druckreifes Deutsch. Ihre Mutter habe als Lehrerin gearbeitet, ihr Vater, der in Deutschland studiert hatte, sei Staatssekretär und Mitglied der „Vaterlandspartei“ gewesen, erzählt sie. Diese war aus der kommunistisch geprägten „Demokratischen Volkspartei Afghanistans“ hervorgegangen und hatte Frauenrechts- und Bildungsreformen erwirkt. „Wir führten ein gutes Leben. Meine Schwester und ich hatten zu Hause sogar mehr Rechte als unsere beiden Brüder. Wir mussten nie im Haushalt mithelfen, das übernahmen unser Vater und die zwei. Bis heute lieben sie das Kochen und Bügeln“, sagt Kayhan.

Und was war mit Religion? „Die war kein Thema, weder daheim noch auf den Straßen. In die Moschee gingen wir nur bei Beerdigungen. Unsere Eltern wollten, dass wir an uns selbst und eine gute Kraft glauben, und vermittelten uns neue Werte, nicht Überbleibsel aus einer anderen Zeit.“ Auch Christen, Juden und Sikhs habe es damals in Herat und Kabul gegeben: „Alle lebten friedlich zusammen. Man wusste nicht, wer Christ, Jude oder Moslem war, weil es nicht zur Schau gestellt wurde. Glaube war privat.“ Manche Länder, die die strategische Lage Afghanistans nutzen wollten, hätten bei der konservativeren Landbevölkerung aber Stimmung gegen die Regierung gemacht und den Leuten Waffen und Geld gegeben, damit sie kämpften. „Die Guerillas ,Mudschaheddin‘ benutzten die Religion als Waffe. Dies und ein historischer Streit mit Pakistan, bei dem es um frühere afghanische Provinzen ging, waren 1992 schließlich der Nährboden für gewaltige politische Umwälzungen.

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Kritisch und modern: Tanya Kayhans Karriere

In Kabul belegte Tanya Kayhan einen Bachelorstudiengang für Journalismus 
und arbeitete in der Presseabteilung des Parlaments sowie als Nachrichten­sprecherin bei „1TV“, dem zweitgrößten afghanischen Privatsender. 2010 wechselte sie als Reporterin zum Taliban-kritischen Sender „Voice of America“ und schickte Beiträge über Opiumhandel und Korruption aus dem Lokalbüro in Kabul zur Ausstrahlung ins Hauptstudio nach Washington: „Ich wusste, dass diese Arbeit gefährlich war, aber ich hatte Gestaltungsmöglichkeiten, erhielt einen höheren Lohn und musste dort kein Kopftuch tragen. Vor allem aber wollte ich so die Verletzungen in meinem Herzen heilen, die die Taliban meinem Vater angetan hatten, als sie ihn ins Gefängnis sperrten und ihn schlugen, nur weil er bis 1992 einer modern denkenden Regierung angehört hatte.“

In Wien absolvierte Kayhan mehrere Praktika im Medienbereich und arbeitete beim Wiener Sender „OKTO TV“ ehrenamtlich als Moderatorin. Außerdem gibt sie geflüchteten JournalistInnen in ihrem Verein Unterricht in Video­journalismus. „Mein Traum ist es, deutsch-persisches Onlinefernsehen für Flüchtlinge zu machen. Die Website ,www.oxuschannel.com‘ existiert bereits. Nachdem ich die Anschaffung des Equipments nicht allein finanzieren kann, versuche ich es nun über Crowdfunding.“

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/18