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Zwischen zwei Zappeligen

Ich finde: Man darf hadern, auch, wenn es viel schlimmer sein könnte. Zu diesem Schluss brachten mich zwei zappelnde Buben.

Letze Woche war ich mit dem größeren Sohn beim Lungenarzt (Allergie, Lungenfunktionstest, aber alles gut, keine Sorge). Wir saßen gefühlt ewig im Wartezimmer, wobei „sitzen“ das falsche Verb dafür ist, wie der Zehnjährige den Sessel durchhampelte und niederzappelte, die Beine abwechselnd über den Lehnen, dazu mit den Fingern auf der herrlich resonierenden Plastiklehne klopfend, an der Maske herumzupfend. Ich konnte das eh nachvollziehen: eineinhalb Stunden warten, dazu keine einzige Zeitschrift, aus Hygienegründen. Trotzdem ermahnte ich ihn in Zehnsekundenabständen, endlich still zu sitzen, die anderen Wartenden wären schon genervt und überhaupt. Versuchte, ebenso erfolglos, ihn mit dem bösen Blick ruhigzustellen.

Neben uns saß ein alter Mann, Jahrgang 1935, das hatte ich überhört, als er es der Dame bei der Anmeldung sagte. Mir war es vor allem vor ihm unangenehm, dass mein Sohn so herumzappelte, trommelte und immer wieder genervt stöhnte. Ich dachte darüber nach, dass, als der alte Mann ein Zehnjähriger war, gerade 1945 war. Er hatte im Alter meines Zappelsohnes einen ganzen Krieg überlebt, Hunger, Verlust, Angst, Zerstörung. Und jetzt saß er da, tapfer, mit seiner Maske. Und der Sohn schaffte es nicht einmal, das vergleichsweise nichtige Schicksal von eineinhalb Stunden Wartezeit mit Würde zu ertragen.

Bub am Sessel liegendIch schämte mich ein bisschen für mein verwöhntes Söhnchen. Doch irgendwann merkte ich, dass der Mann ihn beim Trommeln und Trappeln beobachtete.  Er lächelte, das sah man trotz Maske an seinen Augen. Und dann begann er auch, mit den Füßen auf dem Plastikboden zu trommeln. Es war wie ein kleines Konzert, links kleine trappelnde Füße, rechts größere.

Da saß ich, in der Mitte, zwischen zwei zappeligen Buben.

Der Sohn bemerkte es gar nicht, er war zu sehr in seinem schrecklichen Wartenden-Schicksal versunken, den Blick sehnsüchtig auf die Tür zur Doktorin gerichtet, die sich einfach nicht öffnen wollte. Und mir kam der Gedanke, dass jede Generation ihre eigenen Nöte hat. Heute geht es nicht ums nackte Überleben, vielleicht nicht einmal um echte Probleme. Mein Sohn weiß zum Glück nicht, was Hunger bedeutet. Er kennt keine Wohnungsnot, weiß nicht, wie es ist, gar kein Geld mehr zu haben. Und trotzdem hat auch er das Recht, unzufrieden zu sein.

Wir alle dürfen das. Und müssen nicht immer dankbar sein, weil wir es noch viel schlimmer hätten erwischen können. Manchmal darf man sich einfach ärgern, hadern, schimpfen, trommeln. Und manchmal trommelt einer, der viel Schlimmeres erlebt hat, eine Runde mit und freut sich.

Ursel Nendzig

lebt mit Mann und zwei Söhnen (7 und 10 Jahre alt) in Wien, Stadtrand.
Nervenstatus: Wartezimmer.
www.urselnendzig.at

Foto: Stefan Knittel

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