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Das kleine Glück in der Unsicherheit

Ich gehe gerne auf Nummer sicher. Aber wie damit umgehen in Zeiten wie diesen, in denen kaum etwas sicher ist?

Ich bin ein Sicherheitstyp. Sagt mein Mann. Wenn wir irgendwo hinfahren, packe ich immer etwas zu essen und zu trinken, Reserve-Gewand für den Sohn und jetzt natürlich auch Schutzmasken ein. Mein Mann nimmt nie etwas mit (außer Schutzmasken). Wenn ich mit den Kindern im Auto unterwegs bin, jammern sie nach 20 Minuten: „Mama, ich hab Durst!“ oder „Ich hab Hunger!“ Oder beides. Wenn sie der Papa kutschiert, maulen sie nie. Weil die Kinder wissen, dass der Papa ohnehin nichts mithat.

Zeiten wie diese sind für Menschen, die ein großes Bedürfnis nach Sicherheit haben (und auch für viele andere) nicht einfach. Weil kaum etwas sicher ist. Das war es genau genommen vor Covid-19 schon nicht. Nur war man sich der Unsicherheit meist nicht so bewusst.

Heute stellen sich viele Fragen, die sich früher nicht gestellt haben. Kann ich das Kind mit ruhigem Gewissen in den Kindergarten schicken? (Wenn der Sohn im ersten Augenblick, als er seinen Freund sieht: „Abstand halten!“ ruft und im nächsten Hand in Hand mit dem Freund davonsaust.) Ist es ein Risiko, sich mit der Freundin im Kaffeehaus zu treffen (Aerosole!) oder wenn die Oma zu Besuch kommt?

Die soziale Isolation fortzuführen ist für uns keine Alternative. Aber das ständige Abwägen, Einschätzen und Handeln nach dem Prinzip der Risiko-Minimierung finde ich anstrengend.

Die 92-jährige Psychoanalytikerin Erika Freeman – als Kind floh sie allein vor den Nationalsozialisten aus Wien – ist Expertin dafür, schwere Zeiten zu überstehen. In  einem sehr lesenswerten Die Zeit-Interview sagte sie: „Das Schlechte ist schlecht genug, da kann man sich auch auf das Gute konzentrieren.“

Diesen Satz habe ich auf die Pinnwand geheftet. Wenn man nämlich nur an das Schlimme denkt, läuft man Gefahr, das Gute zu übersehen. Und davon gab es in den vergangenen Wochen einiges: Die Sonntags-Spaziergänge mit meinem Mann, die wunderschönen Wiesenblumensträuße der Tochter, die Lesestunden mit ihr am Balkon in die Bettdecke gekuschelt, das Selbständigwerden des Sohnes. Eines Morgens nahm ich  dumpfe Geräusche aus der Küche wahr, und ich fand den Sohn ebendort, wie er – mit Topfhandschuhen und Grillzange ausgerüstet – auf einem Stockerl vor dem Toaster stehend das knusprig-heiße Brot herausfischte. „Ihr könnt ruhig noch ein wenig schlafen!“, verkündete er stolz und umarmte mich.

Wir werden wohl noch eine Zeit lang mit der Unsicherheit leben müssen. Und da lebt es sich vermutlich besser, wenn man auch das Gute sehen kann. Man kann das ja mal versuchen.

Julia Langeneder

lebt mit Mann, Tochter (9 Jahre) und Sohn (5) im Voralpenland.
Nervenstatus: sicherheitsliebend.

Foto: Alexandra Grill

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