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03/24

Buchempfehlung: „Zwischen Brüdern“

Buchempfehlung: „Zwischen Brüdern“

Hier Leichtigkeit, Waghalsigkeit und das Leben weit über die finanziellen Verhältnisse, dort Gewissenhaftigkeit, Sparsamkeit und stets einen Notgroschen parat haben: Wolfgang Böhm gelingt das Meisterstück, die unterschiedlichen Charaktere zweier Brüder in vielen Szenen und Einzelheiten zu schildern sowie in kleinen Gesten zu festigen.

Lange Tage, kurze Träume

Die Brüder Hans und Viktor sind „Kinder ihrer Zeit“ und repräsentieren unterschiedliche Positionen im Wien der 1920er-Jahre. Man sitzt gern mit ihnen im Café und weiß, dass der unterhaltsamere und visionärere Teil des Brüderpaares Hans ist, während Viktor ein aufmerksamer Zuhörer und ein kritischer Geist ist. Viktor übernimmt die Rechnung, denn dafür haben Visionäre kaum Zeit und nie Geld.

Wolfgang Böhm lässt Viktor, den ruhigen und besonnen jungen Mann, die Begegnungen mit dem stets sprühenden Hans schildern. Wenn das Geld knapp ist, die Delogierung droht, ist Hans selbst nach der Aufnahme in der Klasse des Architekten Josef Hoffmann niedergeschlagen. Doch schon ist Viktor mit seinem Notgroschen zur Stelle, er selbst bessert das finanzielle Loch, das die Übernahme der Mietschulden des Bruders in sein eigenes Budget reißt, mit der Annahme einiger Zusatzaufgaben auf. Ja, er malt die großen Landkarten neu.

„Da das Kaiserreich zerfallen war und seine Grenzen durch Europa gezogen wurden, mussten sie verändert werden. Es gab eine einzige Karte als Vorlage für unser Gymnasium. ... Es war ein seltsames Gefühl, zwischen Olmütz, meiner ursprünglichen, und Wien, meiner neuen Heimat, eine Linie zu ziehen – eine Linie zwischen meiner Mutter und mir. Ich trennte Triest von Österreich ab, im Osten Ungarn, im Südwesten Südtirol. Das Kaiserreich war zerrissen und wir ebenso.“
Seite 32

Diese Trennlinien beziehungsweise die Gedanken Viktors beim Malen erzählen Zeitgeschichte, innere Zerrissenheit und Sehnsüchte nach Heimat und Familie. Beide Brüder sind erfolgreich, Viktor, indem er stetig sein Ziel verfolgt, Hans, indem er seinen Visionen freien Lauf lässt und seine Förderer, namhafte Künstler der damaligen Zeit, beeindruckt. Man macht sich Seite um Seite Sorge um ihn, während Viktor der Ruhepol in der Geschichte ist und bleibt. Hans staffiert seinen Bruder „mit feinem Tuch“ aus, das dieser bezahlt, er weiß um die Bedeutung guter Qualität und guten Handwerks, hier lernt Viktor von ihm. So vergehen die Jahre, der Krieg, man gelangt ins Jahr 1949. Hans wird immer der sein, der beinahe hektisch nach vorne schaut, der immer wieder „ein neues Leben“ beginnt. Damit kränkt er nicht nur seinen Bruder, er verstört seine Tochter, die sich mit der Frage nach dem „Warum“ an Viktor wendet. Von Hans bleiben Skizzen und Pläne, er selbst hat sich nach Schweden abgesetzt.

„Ich hätte seine Signale richtig deuten sollen. Er hatte von Stockholm geträumt, vom Aufbruch in ein neues, skandinavisches Design. Ob Lampen, Küchengeräte, Geschirr oder Möbel: alles in klaren, schlichten Formen.“
Seite 265

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen:

Zeit- und Kunstgeschichte, Darstellung der Entwicklungen im Kunstgewerbe, Verständnis für Design, Dabeisein beim Entwickeln großer Träume und Perspektiven, Treue, Beständigkeit, Hintergründe persönlicher Entscheidungen in der Zwischen- und Nachkriegszeit, viele Spaziergänge durch Wien, viele fröhliche Runden in Gast- und Kaffeehäusern, schillernde Charaktere, die in schwierigen Zeiten niemals ihre Werte aufgeben.

Wolfgang Böhm:

1963 in Wien geboren, ist Autor und Journalist und hat neben seiner Arbeit als Redakteur bei der Tageszeitung „Die Presse“ unter anderem mehrere Sach- und Schulbücher verfasst. Im Nachwort erzählt er, welche Auswirkung das Verschwinden seines Großvaters auf die Mutter hatte: lebenslange Verlustängste, eine Leere, da nicht nur der Mensch, sondern auch seine Geschichte fehlt.

Wolfgang Böhm:
Zwischen Brüdern.
Wien: Picus Verlag 2022.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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  • Veröffentlicht: 08.03.2023
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