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Wir wollen bloß kuscheln

In Wien treffen sich Menschen regelmäßig zur Kuschelparty. Sie kennen sich nicht, wollen einander aber berühren. Klemens Untner ist einer von ihnen.

Eine Prostituierte befreite Klemens Untner von seiner Medikamentensucht. Damals, als er vor Schmerzen den Tag ohne Tabletten nicht überstand. Probleme mit der Lunge, der Galle, mit den Bandscheiben. Zu viel getragen oder ertragen, sagt der heute 52-Jährige. Er lenkt seinen Wagen in die Wiener Hyrtlgasse. Die Schmerzen waren nach dem Puffbesuch jedenfalls weg. Ganz ohne Pillen. Was da passiert war, das wollte er herausfinden. Und zack, wieder abhängig. Eine Sucht mit einer anderen zu therapieren sei nie gut, sagt er. Er lacht. Heute weiß er das natürlich.

Untner sucht eine Parklücke. Da, gleich links, ist eine. Hier hat er sich vor sieben Jahren einen Dauerparkplatz beim Universum bestellt. Bis jetzt war immer einer frei. Einmal im Monat kommt er ins Therapiezentrum, trifft sich mit anderen Menschen zu einer Party. Alkohol oder Drogen gibt es keine. Berauscht wird er trotzdem sein. Untner steigt aus dem Auto. An seine erste Kuschelparty kann er sich noch gut erinnern. Den Schweiß habe es ihm aus allen Poren gedrückt, so nervös sei er gewesen. Danach schwebte er wie auf einer Wolke, hatte perfekt aufgeladene Batterien, und das tagelang. Seine schwarze Lederjacke knarzt beim Gehen. Er bleibt vor einer Rundbogentür stehen, die schmutzige Fassade des Gebäudes ist mit Graffitis beschmiert. Wien-­Ottakring. Der 16. Gemeindebezirk ist bekannt für urige Heurige und einen hohen Ausländeranteil. Für die einen Multikulti, für die anderen Getto.

EROTIK IST TABU
Untner kramt eine Schachtel „Camel blue“ aus seiner Bauchtasche. Er zündet sich eine Zigarette an. Viele KuschlerInnen kommen wie er zu jeder Party. Es seien aber auch ständig neue dabei, das mache es spannend, sagt er. Um Sex geht es nicht, nur ums Berühren, Streicheln, alles absichtslos, kein Druck. Die Kleidung bleibt an, erogene Zonen sind tabu. „Geben und nehmen“, sagt Untner. Er schnippt Asche von seiner Zigarette.

Untners Augen erinnern an die des Schauspielers Russel Crowe, schräg abfallende Lider, die Iris halb verdeckt, wie liegende Dreiecke, beim Lachen zu Schlitzen verengt. Über sein dunkles Haar hat sich bereits, so als wäre es von leichtem Schnee angeweht, eine weiße Schicht gelegt. Er zieht eine kleine Metalldose aus der Tasche, öffnet sie und drückt seine Zigarette darin aus. „Irgendwann wirst du so alt, dass du deine Tschickstummel nicht mehr auf die Straße werfen musst.“ Zack, Behälter zu und zurück in die Tasche.

NEIN SAGEN KANN NICHT JEDER
Er geht durch einen Innenhof. Hinter einem Eingang steht eine kleine Frau, Ende 50, freundliches Gesicht. Untner umarmt sie. Andrea Kiss leitet die Kuschelpartys und überwacht sie. Dass sich jemand nicht an die Regeln hält, passiert etwa bei jeder fünften Party. Wenn Hände dorthin gelegt werden, wo sie nicht sein sollen, oder der Schritt an jemandem gerieben wird, greift sie ein. Vor dem Kuscheln gibt es Übungen zum Abgrenzen. Nicht jede Berührung fühle sich gut an und nicht jeder dürfe einen angreifen, sagt sie. „Weißt du, wie viele Menschen noch nie in ihrem Leben Nein gesagt haben? Die wollen oder können das nicht“, sagt Untner. Grenzen anderer Menschen zu erkennen, zu respektieren und zu wahren, das ist für ihn sowieso eine der wichtigsten Lektionen im Leben. Grausig seien solche Übergriffe, sagt er. Hätten wahrscheinlich die meisten schon erlebt. Seine Tante Mizzi zum Beispiel drückte ihn als fünfjährigen Burschen immer zur Begrüßung in ihren Riesenbusen. Gerochen habe die, sagt er, nicht auszuhalten. Wie er das gehasst hat. Aber immer schön höflich sein. Seine Exfrau konnte er auch nicht riechen. Sein Geruchssinn war eines Tages einfach weg. Erst als er und sie beschlossen hatten, sich zu trennen, zack, da war er wieder da. Aber ja, so grundsätzlich hätte er als Kind schon gerne gekuschelt. Seine Mutter konnte ihm dieses Bedürfnis aber nicht erfüllen. Bipolare Störung, körperlich anwesend, geistig nicht. Ihre Berührungen seien kalt gewesen, sagt er. So wie seine Kindheit.

ETWAS HAT GEFEHLT
Klemens Untner ist „fast ein echter Weana Bazi“. Er wird in Oberösterreich geboren, zwei Jahre später ziehen seine Eltern – die Mutter ist Gitarrenlehrerin, der Vater Volksopernchorsänger – mit ihm nach Wien. Als Klemens acht Jahre alt ist, trennen sie sich. Er denkt, er sei für das Unglück verantwortlich. Die Last haftet am Kind, es wird trotzig, goschert, depressiv. Warum, das können sich die Eltern nicht erklären. Mit 19 will Klemens Untner nicht mehr. Er versucht sich das Leben zu nehmen und scheitert. Zum Glück, sagt er heute. „Das Schöne im Leben sehen lernst du halt erst später.“

Jetzt weiß Untner, dass ein Defizit aus der Kindheit nachgenährt werden kann. In seinen früheren Beziehungen schaffte er das nicht. Am Anfang, ja, da glaubte er, das sei sie. Die große Liebe. Doch irgendwann kam der Alltag und fraß jegliche Zärtlichkeit – wie Pac-Man die kleinen Punkte. Untner gelangte jedoch nicht aufs nächste Level, nein, mit all den gefressenen Punkten war auch das Inte­resse an der Frau weg. Die Liebe zerbrach. Berührt hat ihn dann nur mehr das Prasseln ausgeworfener Münzen in den Schacht eines Spielautomaten oder das Stöhnen einer Prostituierten. Billig war das nicht gerade, aber das Nach-Hause-Gehen war halt auch keine Alternative.

Die Kuschelpartys, die hat er seiner „Tantra-Mausi“ zu verdanken. Mit der Masseurin hat er sich zwar auch zerstritten, aber danach fragte er sich erstmals, was ihm an den Frauen fehlte. „Und so kam ich zur Andrea“, sagt Untner. Mit wie vielen Frauen er im Bett war, kann oder will er nicht sagen. Ernste Beziehungen hatte er zehn, aus einer hat er sogar eine Tochter. Gehalten hat nichts. Jetzt hat er wieder eine Beziehung, und diesmal fühlt es sich richtig an.

Nach seiner ersten Kuschelparty schwebte er wie auf einer Wolke, hatte perfekt aufgeladene Batterien, und das tagelang.

ZEHN TAGE EUPHORIE
Die anderen KuschlerInnen sind da. Untner verschwindet und taucht in weißer Hose und weißem Oberteil wieder auf. Auch die anderen ziehen sich um. Jogginganzüge, Pyjamas, weite Hosen, worin auch immer gerne gekuschelt wird. Es sind mehr Frauen als Männer da, insgesamt etwa 20 TeilnehmerInnen. Die jüngste, eine Studentin, ist Anfang 20, die älteste bald 80. Sie alle bezahlen bei Andrea Kiss fürs Kuscheln. 22,00 Euro, ein Richtwert, man kann mehr oder weniger geben. „Ist gerade etwas knapp“, nuscheln die meisten und kramen im Geldbörsl. Sie bekommen Namensschilder. Drei Stunden wird die Party dauern. Es ist nicht schwer, zu erkennen, wer hier neu ist. Die ArmverschränkerInnen werden von den Raumecken aufgesogen. Nur eine Frau, Ende 60, fein angezogen mit schwarzer Nylonstrumpfhose, wirkt gelassen. Sie erzählt, dass sie seit ihrer Scheidung regelmäßig zu Kuschelpartys in München gehe. Bis zu zehn Tage danach sei sie dann richtig euphorisch, glücklich. Sie lebt am Land. Eine Schulter zum Anlehnen fehle ihr. Nun möchte sie zu ihrem Sohn nach Wien ziehen. „Ohne ordentliches Kuschelangebot aber sicher nicht“, sagt sie. Nach diesem Abend wird sie entscheiden.

BERÜHREN OHNE ABSICHT
Im Raum sind Matratzen mit roten Laken im Kreis aufgelegt. In der Mitte steht ein Plastikblumenstrauß, auf den Fensterbänken leuchten LED-Lampen in Rot, Grün und Blau. Ihren Ursprung hat die Kuschelparty in New York, dort gibt es sie seit 14 Jahren. 2010 machte Andrea Kiss, die hauptberuflich in der Erwachsenenbildung arbeitet, die Ausbildung zur Kuscheltrainerin. Klemens Untner hat sie ebenfalls, die Ausbildung, er assistiert ihr. „Wir sind zum absichtslosen Berühren hier“, sagt Kiss und betont: „Kein Petting!“ Die TeilnehmerInnen sollen sich vorstellen und sagen, was sie sich erwarten. „Mein Mann hat Krebs. Sagt mir, falls jemand verkühlt ist. Mit dem kuschle ich lieber nicht“, beginnt  eine. Die 80-Jährige, sie hat keinen Mann, keine Kinder, holt sich hier die Wärme, die ihr fehlt. Ein Mann, 45, ist seit 14 Jahren verheiratet, hat zwei Kinder. Er findet es schön, hier keinem Bild entsprechen zu müssen. Kein Sex, keine Gegenleistung. Für seine Frau ist es okay, dass er hier ist. Er kommt regelmäßig.

DER KÖRPER VERGISST VERLETZUNG NIE
Schwer zu sagen, was verrückter ist: in einer Gesellschaft zu leben, in der sich fremde Menschen zum Kuscheln treffen, oder in einer, die Kuscheln sofort mit Sex assoziiert.

Berührungen sollen ohne Absicht sein. Alle hier im Raum wünschen sich das. Alle hier erleben es anscheinend anders. Menschen bräuchten Hautkontakt, um zu wissen, dass sie sicher existieren, sagt der Tastsinnforscher Martin Grunwald. Beim Kuscheln wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Der Blutdruck sinkt, die Abwehrkräfte werden gestärkt. Das Hormon sorgt auch für die Bindung zwischen Mutter und Kind. In Millisekunden prüfe aber auch jeder Mensch, ob eine Berührung gefährlich sei oder nicht, sagt Grunwald. Erlebe jemand Gewalt oder Missbrauch, so vergesse sein Körper die Verletzung nie.

„Du spürst das, wenn dich wer mit einer gewissen Absicht berührt“, sagt Klemens Untner. Tut nicht gut. Er kuschelt sowieso am liebsten mit seiner Nora. Oder ihren Kindern. Aber nur, wenn die auch wollen. Vertraute Berührungen wie in einer Beziehung, das wird eine Kuschelparty nicht bringen. Aufgeben möchte er das hier trotzdem nicht. Es ist ihm halt wichtig. Aber ja, kaum wer lässt sich noch auf etwas Tiefes ein, jeder hopst von einem zum anderen. Wie im Job. Hire and Fire. Probleme lösten sich dadurch ja nicht einfach in Rauch auf. „Dein Gegenüber spiegelt dir deine Lebensaufgabe“, sagt Untner. Ob er seine schon gefunden habe? Stille. Nein, noch nicht, aber er habe ja noch Zeit. Jetzt wird erst mal gekuschelt.

Musik an. Samba. Zur Auflockerung wird getanzt. Die Neuen gehen herum, schwingen die Arme ein bisschen. Die DauerkuschlerInnen kreisen die Hüften, bewegen die Arme in der Luft. Ein Mann gibt seine Tangoschritte zum Besten. Sein Blick ist ernst. Musik aus. Eine Frau geht zu Untner, fragt, ob sie ihn berühren dürfe. Ja. Sie legt ihre Hände auf seine Schultern. „Mmh, ja“, murmelt er. Sie wandert zu seinen Händen. „Mmh, ja.“ Streichelt seinen Rücken. „Mmh, ja.“

VOM GEBEN UND NEHMEN
Die Matratzen werden im Saal verteilt. Auf jede setzt oder legt sich jemand, daneben zwei KuschlerInnen. Die auf den Matratzen bekommen Augenbinden. Sie werden von den anderen beiden „verwöhnt“. Einer möchte am Kopf gestreichelt werden. Die Frau mit Strumpfhose lehnt ihren Kopf an die Schulter des verheirateten Mannes. Es wird gestöhnt, von allen Seiten. Ein Mann steht auf und geht raus. Er kommt nicht wieder. „War wohl nichts für ihn“, sagt Untner. Egal. Weiter geht’s. Die Rollen werden getauscht. Die GeberInnen werden zu NehmerInnen.

Der Höhepunkt der Party ist das Gruppenkuscheln. Untner freut sich wie ein Kind darauf. Alle legen sich auf das Matratzenlager. Die Strumpfhosenfrau liegt mit dem Tangotänzer in der Löffelchen-Stellung. „Ist bei euch noch frei?“ Untner legt sich zwischen zwei Frauen. Streicheln, Stöhnen, Kichern. Im Hintergrund sanfte Klänge. Jeder hält sich an die Regeln. Nur einer lässt seine Hände über Po und Busen einer Frau gleiten. Andrea Kiss sagt nichts. Die Frau auch nicht.  Vielleicht haben beide es nicht bemerkt. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Die Wangen sind rot, die Haare der 80-Jährigen zerzaust. „Ich fühle mich genährt“, sagt eine. Eine andere gibt zu, wie schwer es ihr falle, Nein zu sagen. „Also, ich werde meine Koffer packen. Wien, ich komme“, sagt die Strumpfhosenfrau. Gelächter. Alle wirken benebelt. „Das Kuschelhormon liegt in der Luft“, sagt Untner.

BERAUSCHENDE HORMONE
Oxytocin, so heißt es, sei die Chemie des Glücks. Wo Licht ist, ist aber auch Schatten. Wie bei Batman, dem Superhelden. Er tut Gutes, kämpft aber auch mit seiner dunklen Seite. Das Hormon, haben WissenschaftlerInnen herausgefunden, wirkt ähnlich wie Alkohol. Es berauscht, macht gelassen, angstfrei, manipuliert aber auch. Es lässt einen sogar länger in ungesunden Beziehungen bleiben, als gut ist.

„Kuscheln kann dich weiterbringen“, sagt Untner. Wie viel bei ihm dadurch bereits geheilt sei – unglaublich. Er klatscht in die Hände. Zack. „Batterien aufgeladen“, sagt er. Bis zum nächsten Mal. Mmh, ja.

Zur Geschichte:

Diesen Text schrieb „Welt der Frauen“-Redakteurin Sophia Lang im Rahmen eines Reportageseminars.  Die Kolleginnen der Redaktion waren von der Geschichte mehr als angetan, darum möchten wir sie auch unseren LeserInnen nicht vorenthalten.

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