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Wir sind auferstanden

Gibt es Parallelen zwischen der Geschichte der Auferstehung Jesu nach seinem Kreuzestod und der empfundenen „Auferstehung“ nach Krisen? „Ja“, sagen Menschen, die einen „Stirb und werde“-Prozess bereits erfahren haben.

„Wohin mit mir?“, ruft Anna Eder* (33) in die Nacht. Orientierungslos steht sie auf der Baustelle ihres Hauses. Seit Wochen sieht ihr Leben ähnlich aus. Zum ersten Mal weiß sie nicht, was kommt. Sie hat keinen Job in Aussicht, keinen Partner mehr, keinen Plan. Dabei wollte sie Tänzerin sein, heiraten, Kinder bekommen.

Nun aber steht sie alleine da, mit einem Zigarillo in der Hand, obwohl sie das Rauchen stets verabscheute. „Wer bin ich nur? Ich erkenne mich selbst nicht wieder“, sagt sie, legt ihren Kopf in den Nacken und blickt zum Himmel: „Seltsam, bis vor Kurzem hatte ich das Gefühl, ein Kreuz schultern zu müssen. Jetzt ist es weg.“

Das Kreuz, unter dem sich Anna Eder ein Jahr lang „wie tot durchs Leben geschleppt“ hatte, war die Last einer Entscheidung gewesen. Sie hatte die Wahl gehabt: weiterkämpfen um die Liebe eines Mannes, der nicht mehr wusste, was er für sie empfand, oder akzeptieren, dass diese Beziehung nur noch ein „dahinsiechendes Überbleibsel einer fixen Idee“ war.

Ihre Angst, aus der Geborgenheit zu kippen und ins Bodenlose zu stürzen, ließ Eder noch krampfhafter am Bestehenden festhalten. Doch je mehr sie sich „gegen das Ende“ wehrte, umso „finsterer, leidvoller und chaotischer“ wurde ihre Situation. Immer öfter flehte sie abends im Bett: „Gott, Herz, Universum, Erde, Liebe, Leben! Zeig mir den Weg hinaus!“

Dann, eines Morgens, erwachte Eder. „Überrascht“ von sich selbst, drehte sie sich zur Seite und teilte ihrem Partner mit, dass es vorbei sei. Es war der Moment, in dem sie ihn und ihren Zukunftsentwurf losließ und sich dem Leben in die Arme warf. Der Sprung ins Ungewisse, er war ihr erster Schritt ins Vertrauen und in die Präsenz. „Ich habe den intensivsten Winter meines Lebens hinter mir. Warten, Nichtstun, nur da sein – noch nie spürte ich so viel Ruhe in mir“, sagt sie.

„Je mehr der Frühling ins Land zieht, umso mehr habe ich das Gefühl, dass Wurzeln aus meinen Füßen wachsen, als wollte die Erde mir sagen: ,Bleib hier, du bist richtig.‘ Warum ich dieser Stimme glaube? Weil sie der Grund und Boden ist, auf dem ich mich langsam aufrichte und weitergehe.“

Das Kreuz

„Auferstehungsgeschichten“ wie diese zeigten, dass auch Menschen „Kreuze auferlegt“ würden und dass auch wir die „unüberbietbare Erfahrung eines lebenspendenden Gottes“ machen dürften, die überwältigender sei als jedes Scheitern, sagt der Wiener Jesuitenpater Klaus Schweiggl.

Seit vielen Jahren begleitet der Seelsorger Sterbende, hilft Menschen durch Krisen und sieht dabei verblüffende Parallelen zur Geschichte vom Tod und von der Auferstehung Jesu. Egal welche Kreuze wir trügen, immer begegneten uns darin „die Sehnsucht des Herzens nach Vollendung, die Lehre, im Jetzt zu leben, und die Herausforderung, vom Warum zum Wofür zu reifen“, sagt er.

Auferstehungsgeschichten zeigen aber auch, dass Menschen nicht darüber entscheiden können, was ihnen widerfährt. Dass sie es aber sehr wohl in der Hand haben, wie sie ihrem Schicksal begegnen. „Wir fahren besser, wenn wir ausweglose Situationen bejahen und beim Übergang in unbekanntes Neuland aktiv mit dem Leben kooperieren“, meint die Religionsphilosophin Ursula Baatz in Anlehnung an Viktor Frankl, den Vater der Existenz­analyse.

Das Kreuz sei ein „Richtungsweiser und Lebensbaum“, der einen nach unten hin ankere und nach oben hin wachsen lasse: „Auferstehen heißt, zu sehen, dass etwas anders werden kann.“ Aber warum polarisiert dieses Thema so?

Der verbannte Tod

Baatz, sie ist Autorin des Buches „Erleuchtung trifft Auferstehung“, weiß mehr. Das griechische Wort „egeirein“ stehe für „aufwecken, erheben, erregen, auftreten, in Bewegung bringen, wachsam sein und einen Aufstand machen“. Die buddhistische Entsprechung laute „Erwachen aus Gier, Hass und Verblendung“, sagt sie.

In der Bibel finde sich der Glaube an die Auferstehung der Toten zum Jüngsten Gericht schon 200 vor Christus, in einer Zeit der Unterdrückung des Volkes Israel durch die hellenistischen Herrscher. Von Auferstehung sei auch im Zoroastrismus, einer persischen Religion, die Rede: „Damals war sie eine reale Vorstellung. Die Leute waren überzeugt, dass die Welt bald zu Ende sei.

Basierend auf dieser Folie dürften auch die JüngerInnen Jesu seine Auferweckung erlebt und interpretiert haben. Für sie ist sie Wendepunkt und Neubeginn der Geschichte.“ Die „Botschaft vom Weiterleben“ spiegle sich auch in den Zyklen der Natur wider, so Baatz. Die moderne Gesellschaft tue sich aber schwer damit, Vergänglichkeit zu akzeptieren.

Statt den Tod als Bestandteil des Lebens zu integrieren, etablierten wir eine Kultur, die Sterblichkeit verleugne: „Das beginnt beim haltbaren Plastik und endet im Spital, wo würdevolles Ableben bald keinen Platz mehr hat. Kontrollverlust, Angst und Schwäche – nichts davon passt ins Selbstbild.“

Das alte Ich geht unter

Tatsächlich gehe es bei Auferstehungsprozessen dem alten Selbstbild an den Kragen, sagt der Tiroler Psychotherapeut Engelbert Winkler. Seit seiner Nahtoderfahrung weiß er, dass Lebenskrisen derselben Dynamik unterliegen. Da wie dort werde der Mensch „durch eine Extremsituation aus seinem Bezugssystem hinauskatapultiert“ und gelange an psychische und körperliche Grenzen – etwa bei Scheidungen, Kündigungen, Unfällen oder Krankheitsdiagnosen.

„Das bisherige Lebenskonzept werde dabei radikal infrage gestellt. Warum? „Weil die Natur nicht daran interessiert ist, dass wir nur positive Erfahrungen machen. Sie will, dass wir uns weiterentwickeln“, so Winkler. Die größte Herausforderung im „Stirb und werde“-Prozess sei eine mentale: „Unser Gehirn erzeugt ein Ich-Konzept. Damit kommen wir auch mit schweren Situationen zurecht.

Das Problem ist, dass sich das Gehirn festlegt. Wird uns das Kreuz zu schwer, besteht der Sinn nicht mehr darin, es weiterzutragen, sondern es loszulassen. Die einzige Art, in der dies gelingen kann, ist eine Art Todeserfahrung. Das gewohnte Ich-Konzept muss sterben.“

Umkehr und Neuausrichtung

Der Jesus, von dem die Bibel berichtet, leistet keinen Widerstand, sondern überlässt sich dem Geschehen: „In deine Hände lege ich meinen Geist.“ Ein Lehrbeispiel für einen konstruktiven Umgang mit Leid, so Winkler. Verweigere man sich der existenziellen Schlüsselerfahrung und hafte mit aller Gewalt dem an, was ohnehin nicht mehr zu retten sei, werde es „furchtbar schmerzlich“, weil sich Leid durch den Kraftaufwand potenziere.

Depressionen und Sinnlosigkeit seien dann die Folge. „Ein Mensch, der lieber mit seinem Ich-Konzept untergeht, als eine andere Möglichkeit in Betracht zu ziehen, ist ein ausgemachter Egoist. Er gibt dem Leben eine Ohrfeige und bleibt in seiner Entwicklung stecken“, sagt Winkler.

Könne man jedoch die „momentane Lage billigen“, im Sinne von ‚Dein Wille geschehe‘, und sich vertrauensvoll der Erfahrung des Fallens und der Wandlung hingeben, gehe es tatsächlich weiter, so wie in Hermann Hesses Gedicht „Stufen“: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ „Immer merken Betroffene, dass sie nicht tiefer fallen können als in auffangende Hände.

Und dass sie nicht gestorben sind, sondern nur einen bewussten Teil ihrer selbst abgelegt haben, der nicht mehr weitergekommen wäre. So wie SchauspielerInnen entwerfen sie eine neue Rolle und erkennen, dass die Identität, die nach der Initiation übrig blieb, viel mehr ihrem Wesen entspricht“, meint Winkler. Deshalb sei ein Selbstverlust auch so heilsam, denn der größte Schrecken, die Angst ums Leben, werde darin überwunden.

Die Unterwelt

Soll sich der Mensch also auch hier ein Beispiel an Jesus nehmen und „hinabsteigen in das Reich des Todes“? Unbedingt, sagt Pater Schweiggl und verweist auf die Tradition der Ostkirche, „die in der Höllenfahrt das zentrale Heilsereignis bewahrt, die Erlösung durch den Triumph des Lebens über den Tod“.

„Auch wir sind aufgefordert, uns dem inneren Abgrund zu stellen. Also allem, was wir an uns selbst nicht mögen. Carl Gustav Jung nennt dies den ,Schatten‘“, erklärt Ursula Baatz. „Unliebsame Empfindungen“ wie Furcht, Zorn und Verzweiflung gehörten zum Menschsein dazu. Wer dies ausblende, wolle einen Teil von sich selbst nicht sehen.

„Sobald wir Gefühle anerkennend wahrnehmen, statt sie zu bewerten, gewinnen wir Handlungsspielraum.“ Deshalb sei ein Selbstverlust auch so heilsam, denn der größte Schrecken, die Angst ums Leben, werde darin überwunden.

Im Dialog bleiben

So wie Jesus, der wütend und hilflos ruft: „Warum hast du mich verlassen?“, so dürften auch wir mit Gott direkt und authentisch kommunizieren. Das sei legitim und sogar hilfreich, weil man so in Dialog mit dem Leben und seinen Gefühlen bleibe, so Baatz. „Schwierig wird es, wenn man Gott als mächtige Obrigkeit und sich selbst als Untertan sieht.

Aus solch einer Beziehung bleibt alles Unangenehme draußen, zum Beispiel, dass ich ein Grantscherben bin. Insofern fehlt bei diesem Zugang die Möglichkeit, mit dem göttlichen Du lebendig in Kontakt zu sein.“ So wie Jesus es ist. Und auch Anna Eder. Engelbert Winkler ist überzeugt, dass die junge Frau aus ihrer „fundamentalen Umstellung“ gestärkt hervorgehen wird.

Gelungener Wandel vermittle immer eine „bleibende seelische Standfestigkeit“, eine Art Glückseligkeit im Absoluten und Immerwährenden. 

* Name von der Redaktion geändert.

„Ich durchbrach die Schwere“

2004 starb ihr Bruder im Schlaf, 2008 ihr Vater durch Suizid. 2009 verließ sie ihr Freund. Angst vor dem Ende hat Saskia Jungnikl, die Autorin von „Papa hat sich erschossen“, keine mehr.
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Saskia Jungnikl ist an der Endgültigkeit gewachsen. Foto: Marcel Köhler

Die Neuschöpfung beginnt, wenn wir Dinge überstehen und verarbeiten. Der bloße Niedergang einer Sache macht noch keinen Neubeginn. Wir brauchen Zeit, um uns neu zu orientieren. Eines der schwersten Dinge ist das Akzeptieren der Endgültigkeit. Wir alle sind gewöhnt, dass noch eine Option bleibt, selbst bei Trennungen. Wer aber stirbt, ist nie wieder erreichbar. Mein Bruder starb einen natürlichen Tod, mein Vater hat sich selbst getötet. Das war viel komplexer. Ich war traurig, wütend und voller Fragen. Sein Tod zog mir ein Stück weit den Boden unter den Füßen weg. Ich hatte meinem Vater vertraut, seit ich denken kann, und nun ließ er mich allein. Ich verlor an Selbstsicherheit, zog mich zurück. Ich wollte nur noch in Ohnmacht fallen, um nicht mehr denken und fühlen zu müssen. Eines Abends hatte ich genug von dem rastlosen Menschen, in den ich mich verwandelt hatte. Beim Ordnungschaffen in meiner Wohnung durchbrach ich die Schwere, indem ich anfing, mit meinem Vater zu reden – mein erster Schritt in ein glücklicheres Leben. Vor Vaters Tod war der Tod etwas Willkürliches. Ich hatte Angst, dass nun auch ich sterben müsste. Heute fordert er mich heraus, aus jedem Tag etwas zu machen. Ich mache mir weniger Sorgen, lache mehr, bin ruhiger und dankbarer für noch so kleine schöne Momente. Papa wird mich stets begleiten, sein Tod gehört zu meinem Leben, aber dieses ist immer noch schön! Mein Vater war evangelischer Lektor, sehr gläubig. Meine Mutter zog nach seinem Tod Kraft aus ihrem Glauben. Für mich war das keine Option.

Achtsam werden für Lebensimpulse!

Psychotherapeutin Brigitte Ettl über Resilienz, Krisenvorsorge und die Qualität des Sterbens.
„Wenn Sie in Krisen kein reales Du zum Reden haben, schreiben Sie Gott, Ihrem Schutzengel, einer imaginären Freundin oder einem Vorbild Briefe. Schon bald werden Sie merken: Sie sind begleitet“, sagt die Wiener Psycho- und Logotherapeutin Brigitte Ettl.

„Wenn Sie in Krisen kein reales Du zum Reden haben, schreiben Sie Gott, Ihrem Schutzengel, einer imaginären Freundin oder einem Vorbild Briefe. Schon bald werden Sie merken: Sie sind begleitet“, sagt die Wiener Psycho- und Logotherapeutin Brigitte Ettl. Foto: Jutta Fischel

Gibt es Menschen, die auf die Auferstehung pfeifen?
Brigitte Ettl: Natürlich. Etliche Suizide sind die Folge davon, dass Betroffene in der Todesstimmung stecken bleiben und durch die Einengung ihres Blickfeldes das Gefühl haben, sie könnten ihr Kreuz nicht länger tragen. Im selbst gewählten Tod sehen sie ihre letzte Freiheit. Eine andere Freiheit bestünde darin, Hilfe von anderen anzunehmen. Auch Jesus ließ das zu. In meiner Praxis betreue ich eine 70-jährige Frau, die das auch tut. Seit sie auf der Welt ist, erlebte sie brutalste Schicksalsschläge. Sie hat eine jahrzehntelange Psychiatriekarriere hinter sich. Ihr Leben schlägt aus wie die Amplituden eines Elektro­kardiogramms, ständig geht es auf und ab. Ständig bricht sie unter der Last ihrer Traumen zusammen und nennt mich ihre Sterbebegleiterin. Und dennoch gelingt es ihr immer wieder, an den kurzen lichtvollen Momenten anzudocken, sich daran hochzuziehen und das Leben zu bejahen, indem sie sich sinnstiftende Beschäftigungen sucht.

Auferstehung heißt also nicht, wie Phönix aus der Asche steigen zu müssen?
Nein, es heißt, eine Achtsamkeit für Lebensimpulse zu entwickeln, die uns auch in größten existenziellen Bedrohungslagen geschenkt werden. Allerdings ist es wichtig, sie rechtzeitig erkennen zu können. Um in Krisen gut aufgestellt zu sein, können wir unsere Widerstandskraft präventiv durch positive Lebenseindrücke stärken. Dieses Fundament erinnert uns in Notlagen daran, dass wir immer mehr sind als eine Krankheit oder ein Verlust und dass es im Leben immer noch etwas anderes gibt außer der gegenwärtigen Tragik. Auf dieser Basis kann Hoffnung auf Auferstehung, auf Neubeginn, wachsen.

Welt der Frau, die österreichische Frauenzeitschrift, April 2017

 

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