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Weg vom Fenster

Es ist nicht meine erste Isolation. Aber die erste war freiwillig.

Eigentlich wollte ich über Corona schreiben. Aber während gleißendes Aprilsonnenlicht durch mein ungeputztes Fenster scheint, tauchen Bilder auf wie bei einer Fata Morgana. Schon einmal habe ich mehrere Wochen in Isolation verbracht. Und es ist gar nicht lange her.

Es war selbst für den August ein extrem heißer Tag. Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, was nicht an der Hitze lag, sondern daran, dass in den frühen Morgenstunden meine Kinder zur Welt gekommen waren. Erst meine Tochter, sie wirkte tiefenentspannt und schien weise zu lächeln. Wenige Minuten später mein Sohn, er brüllte umso lauter und blickte uns dann verschmitzt an, als wollte er sagen: „Was habt ihr denn? Ist doch keine große Sache.“ Die Geburt der beiden war schnell und unkompliziert (obwohl mich die Ärzte zu einem Kaiserschnitt gedrängt hatten – aber das ist eine andere Geschichte). Eine der jungen Hebammen musste sogar vor Rührung weinen. Ich auch. In meinen Armen hielt ich links und rechts die beiden unfassbar winzigen Menschen, sie schliefen fest, und ich war auch kurz davor einzunicken, als die Ärztin hereinkam.

„Kann ich jetzt nach Hause gehen?“, murmelte ich im Halbschlaf.

Sie runzelte die Stirn. Es wäre das erste Mal, sagte sie, dass eine Mutter nach einer spontanen Zwillingsgeburt noch am selben Tag nach Hause gehe. Dann lachte sie. „Warum eigentlich nicht? Dort habt ihr es sicher schöner als hier.“

Ich konnte es kaum erwarten, die Klinik zu verlassen, schließlich war ich nicht krank. Aber der Check-Out passierte auf eigene Gefahr, und es gab ein paar Regeln. Unser einziger Kontakt durfte ab jetzt die Hebamme sein, die täglich das – möglichst schnell steigende – Gewicht der Kinder kontrollieren würde. Um keine Ansteckung zu riskieren, sollten wir – meine Mutter, mein Mann, meine große Tochter und ich – erst einmal keine weiteren Besucher empfangen.

Die nächsten Wochen verbrachte ich mit Geschicklichkeitsübungen: Wie legt man zwei Babys gleichzeitig an? Wie trägt und beruhigt man zwei Babys auf einmal? Wie badet man zwei Babys?

Es gibt dieses frauenfeindliche Vorurteil: Man sei irgendwie weg vom Fenster oder auf dem Abstellgleis, sobald man ein Kind bekommt. Aber Abschottung muss nicht gleichbedeutend sein mit Trennung. Auch damals, in der Wochenbett-Isolation habe ich mich nicht ausgeschlossen gefühlt. Ich war mittendrin. Und wie es weitergeht mit unserer Welt, das interessierte mich mehr denn je.

Saskia Blatakes

lebt in einer Wohnung am Wiener Stadtrand. Sie hat eine achtjährige Tochter und einjährige Zwillinge.
Nervenstatus: Ommmmm
Arbeitet als selbstständige Journalistin.
www.torial.com/saskia.blatakes

Foto: Luzia Puiu

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