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Was macht mich aus?

Junge Frauen haben heute zahlreiche Chancen, ihr Frausein zu leben. Was macht das mit ihrer Identität? Wie finden sie ihren Platz in der Welt und ihre Rolle(n) in der Gesellschaft? Und unter welchen Einflüssen stehen sie heute, wenn sie sich auf die Suche nach ihrem Ich machen? Ein Gespräch mit drei Expertinnen.

Caroline Berghammer

„Der Trend bei Frauen geht Richtung höhere Bildung. Das führt zu mehr Einkommen und Autonomie, der Beruf stärkt die Identität.“

Caroline Berghammer ist Soziologin am Institut für Soziologie an der Universität Wien

Karin Macke

„Krisen sind essentiell für die Identitätsentwicklung, denn sie bringen Veränderung.“

Karin Macke ist Psychotherapeutin und Mitarbeiterin der Beratungsstelle „Frauen beraten Frauen“

Katja Russo

„Es gehört auch zur Identität einer Frau, viel über die Frauen in der eigenen Familie zu wissen.“

Katja Russo ist ebenfalls Psychotherapeutin und Mitarbeiterin der Beratungsstelle „Frauen beraten Frauen“

Sophia Lang: Ganz allgemein – wie finden Frauen ihre Identität?

Katja Russo: Identität ist nichts Stetes, sondern ein lebenslanger Veränderungsprozess, der oft schmerzlich und konfliktreich, aber auch lustig und bereichernd sein kann. Wir werden älter, unsere Umwelt und Lebenssituationen verwandeln sich. Das wirkt sich körperlich und geistig auf uns aus. Im Laufe unseres Lebens nehmen wir verschiedene Rollen ein und sollten gut erspüren, in welchen dieser Rollen wir uns selbst erkennen, wohl und gut aufgehoben fühlen. Wir sollten aber auch Rollen ausprobieren, die wir nicht mögen, vielleicht aber brauchen, um in unserem Leben gut handeln zu können – wie etwa auch einmal die Wütende zu sein. Je mehr Rollen wir einnehmen können, die uns sympathisch sind, umso mehr Möglichkeiten haben wir, unser Leben zu gestalten. Identität lebt dabei auch von der Bereitschaft, über sich selbst nachzudenken.

Frauen können heute viel flexibler ihren Lebensweg suchen und gehen als noch ihre Mütter und Großmütter. Was macht das mit den Frauen und unserer Gesellschaft?

Caroline Berghammer: Frauen haben heute mehr Chancen als früher. Mittlerweile haben mehr Frauen als Männer einen Hochschulabschluss. Das wirkt sich auf die Berufsmöglichkeiten und Aufstiegschancen aus. Natürlich spielt auch das soziale Milieu, in dem Frauen aufwachsen, eine Rolle. Aber der Trend bei Frauen geht eindeutig in Richtung höhere Bildung. Das führt zu mehr Einkommen und Autonomie, der Beruf stärkt die Identität. Außerdem verändern sich die Rollenbilder von Mann und Frau, denn es finden sich heute mehr Paare, bei denen beide PartnerInnen höhere Bildungsabschlüsse haben. Solche Paare sind oft liberaler und haben eine andere Vorstellung von Beziehung. Das traditionelle Modell ist ja, dass der Mann höher gebildet ist als die Frau.

Karin Macke: Ich merke aber auch, dass die zahlreichen Möglichkeiten, die Frauen heute haben, enormen Druck erzeugen, etwa, wenn sie sich entscheiden müssen, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen.

Frauen haben heute mehr Chancen als früher!

Russo: Der Anspruch von und an Frauen ist in den letzten Jahrzehnten massiv gestiegen. Wir leben in einer Gesellschaft, die ständige Entwicklung in allen Bereichen fordert. Frauen wollen und sollen immer erfolgreicher, schöner, sportlicher werden, sie sollen sich perfektionieren. Der Druck und die Angst zu versagen, sind groß. Vielen fällt es schwer, sich für einen Lebensweg zu entscheiden, weil sie sich dann von anderen Optionen verabschieden müssten. Man hält sich alle Möglichkeiten so lange wie möglich offen, die Jugendzeit wird ausgedehnt. Dadurch wird Entwicklung verhindert, denn die braucht Spannungen, Konflikte und letztendlich auch Entscheidungen.

Wie wichtig sind Konflikte ganz allgemein für die eigene Identität?

Macke: Krisen sind essentiell für die Identitätsentwicklung, denn sie bringen Veränderung. Altes geht, Neues kommt. Deshalb sind alle Lebensübergangsphasen des Menschen, also vom Baby zum Kleinkind, vom Kind zum Jugendlichen, vom Teenager zum jungen Erwachsenen et cetera von inneren Spannungen begleitet.

Mir scheint, dass Frauen heute in einem viel früheren Alter ihr Leben überdenken als noch die Generationen zuvor. Sie fragen sich, wer sie sind und sein möchten, was sie wollen und was sie nicht möchten. Warum ist das so?

Russo: Früher war der traditionelle Weg für Frauen die Norm – also erwachsen zu werden, einen Partner zu finden, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Wenn dieser Lebensentwurf, der gesellschaftlich und persönlich tief verankert war, zerbrach, entstand viel Wut und Trauer. Erst dann fingen viele Frauen an, über ihr Leben nachzudenken, sich zu entwickeln und sich selbst kennenzulernen. Heute probieren sich Mädchen und junge Frauen in allen Bereichen aus, das ist normal für sie, das nennt sich „Lifestyle“. Deshalb fragen sie sich viel früher, was sie möchten und wie sie etwas möchten. Dafür suchen junge Frauen heute aber, so beobachte ich, mehr Orientierung, Zugehörigkeit und Sicherheit im Leben. Wie könnte ein gutes Leben ausschauen, und an wem können sie sich dabei orientieren? Sicherheit ist vielen jungen Menschen oft mehr wert als die anspruchsvolle Freiheit.

Der Druck und die Angst zu versagen, sind groß!

Einen großen Einfluss auf die Entwicklung haben soziale Netzwerke. Sie bieten Einblicke in viele verschiedene Leben und ein noch nie dagewesenes Potential an Vergleichsmöglichkeiten. Was macht das mit dem Selbstbild und der Identität von Mädchen und jungen Frauen?

Russo: Sich mit anderen zu vergleichen, ist prinzipiell nicht schlecht, sondern normal und positiv. Denn wir sind soziale Lebewesen, die von den und durch die Rückmeldungen anderer Menschen lernen. Durch soziale Netzwerke erhalten Frauen plötzlich aber nicht mehr nur das Echo eines oder einiger Menschen, sondern unter Umständen Rückmeldungen von tausenden. Problematisch wird es, wenn sich das Vergleichen rein auf Äußerlichkeiten reduziert, wie es in sozialen Netzwerken oft der Fall ist. Es gibt auch einen starken Druck, sich stets verbessern und an sich arbeiten zu müssen. Das führt bei Mädchen und Frauen zu einem Tunnelblick in ihrer Selbst- und Lebenswahrnehmung, denn sie denken, dass die Welt so funktioniere, wie die sozialen Netzwerke es vorgeben, und Frauen diesen Gesetzen entsprechen müssten.

Wie können junge Frauen zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und den Erwartungen anderer unterscheiden?

Macke: Ich glaube, solange wir soziale Wesen sind, wird es nie ganz funktionieren, dass wir uns völlig von den Erwartungen anderer abkoppeln. Wichtig ist, sich zu fragen, ob ich von fremden Erwartungen erdrückt werde oder ob ich genügend Freiraum habe, mich so zu entwickeln, wie ich selbst es möchte.

Russo: Viele Frauen können schwer Nein sagen, Grenzen setzen und Entscheidungen treffen. Wenn eine Gruppe, ein Beruf oder eine Position nicht zu ihnen passt, geben sie sie nicht auf, sondern suchen die Schuld bei sich, wachsen in die erwartete Rolle hinein und versuchen sie zu erfüllen, auch, wenn sie nicht befriedigend ist. Es bräuchte ein gewisses Maß an Aggressivität, um Stellung zu beziehen und eine andere Meinung zu vertreten und diese auch nicht gleich zu verlassen. Konfliktfreudigkeit wird bei Frauen aber wenig toleriert.

Wie können Großmütter und Mütter ihre Töchter und Enkelinnen in ihrer Identitätsfindung und -entwicklung unterstützen und stärken?

Russo: Anerkennung, Zugehörigkeit und Ehrlichkeit können Enkelinnen und Töchter stärken. Sie sollten keine fremden Ansichten übergestülpt bekommen, sondern eine eigene Meinung haben dürfen. Mütter und Großmütter können ihren Nachkommen auch viel über eigene Identitätskonflikte und schwierige Erfahrungen erzählen. Das hilft jungen Frauen ihr eigenes Leben zu reflektieren und aus den Geschichten der Älteren zu lernen. Es gehört ja auch zur Identität einer Frau, viel über die Frauen in der eigenen Familie zu wissen.

Welt der Frauen - Juli/August 2021

 

Möchten Sie mehr darüber erfahren, unter welchen Einflüssen junge Frauen heute stehen? In unserer Juli/August-Ausgabe erzählen drei junge Frauen vom Suchen und Finden ihrer Identität.

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Fotos: Unsplash & privat

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