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Was Hilfslehrerinnen lernen

Wenn die Tochter mit dem Mathe-Arbeitsblatt in ihrem Zimmer verschwindet und das Tablet einfach nicht auffindbar ist, dann braucht Mama nur eins und eins zusammenzuzählen.

Als Kinder spielten wir oft Schule. Meine ältere Schwester war Lehrerin, ich Schülerin (eh klar). Ich habe in meinem echten Schülerinnen-Leben nie so schlechte Noten gekriegt wie im schwesterlichen Schülerinnen-Dasein. Eigentlich war ich sogar eine gute Schülerin. Aber meine ersten Erfahrungen mit LehrerInnen haben mich geprägt. Ich wollte niemals Lehrerin werden und was aus meiner Schwester geworden ist … können Sie sich vermutlich denken (Lehrerin, genau).

Nun bin ich also in die Rolle der Lehrerin hineingeschlittert und lerne selber von Tag zu Tag, zum Beispiel, dass es einen Zusammenhang gibt, wenn die Tochter verkündet: „Ich mache den Mathe-Zettel in meinem Zimmer, denn da kann ich mich besser konzentrieren!“, und ich das Tablet einfach nicht finden kann. Dann kann es nämlich sein, dass sich das Gerät zufällig unter ihrer Bettdecke befindet (auf dem Tablet gibt es einen Taschenrechner, das brauche ich wohl nicht zu erklären). Zufällig waren auch alle Subtraktionen richtig! Als Draufgabe durfte die Tochter gleich noch einen Rechenzettel machen.

Dann habe ich noch gelernt, dass ich als Lehrerin immer ganz bei der Sache und total präsent sein muss. Ich sagte der Tochter sogenannte „Lernwörter“ an und darunter waren auch richtig schwierige Wörter wie „Knabbergebäck“. Beim Kontrollieren wunderte ich mich darüber, so viele Begriffe für Farben zu lesen wie „rot“, „grün“ und „gelb“ und versuchte mich – leider mit wenig Erfolg – daran zu erinnern, welche Wörter ich eigentlich diktiert hatte. Fast schon hätte ich ein Hakerl unter das Diktat gemacht, da fiel mir das „Knabbergebäck“ ein. Und das fehlte. Mir dämmerte, dass es nicht das einzige knifflige Wort war, das fehlte. Als Draufgabe muss meine Tochter nun bei jedem Lernwörter-Training „Knabbergebäck“ schreiben.

Summa summarum klappt das Homeschooling jedoch gut. Ich habe aber auch gelernt, dass richtige LehrerInnen und Freundinnen durch nichts zu ersetzen sind, zeitweilige Motivationstiefs („des zaht mi ned“) dazugehören und es manchmal einfach neuer Ideen bedarf. So sind die töchterlichen Skype-Lernstunden mit der Freundin eine willkommene Abwechslung und dann steigt auch die Motivationskurve wieder.

Trotzdem bin ich froh, wenn ich die Lehrerinnen-Rolle wieder abgeben darf. Und meine Tochter sicher auch. Bis dahin hilft nur das, was der Psychotherapeut und Autor Wolfgang Krüger empfiehlt, um die Coronazeit in der Familie heil zu überstehen: humorvolle Toleranz.

Julia Langeneder

lebt mit Mann, Tochter (9 Jahre) und Sohn (5 Jahre) in einem Haus mit Garten im südlichen Oberösterreich.
Nervenstatus: Zwischen Gut und Nicht Genügend.

Foto: Alexandra Grill

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