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Urlaubsreif

Urlaub ist in Zeiten wie diesen Nebensache. Aber es tut so gut, einfach einmal wegzufahren. Wenn auch nur kurz.

Daheim ist es schön. Das Daheim haben wir in den vergangenen Wochen aber zur Genüge gehabt. Jetzt leben wir auf einem wirklich schönen Fleckchen und sind auch sehr dankbar dafür. Gleich neben unserem Garten grasen die Kühe, und hinter unserem Haus beginnt der Wald. Wir haben nette NachbarInnen und statt Straßenlärm hören wir die Grillen zirpen.

Aber auch der schönste Fleck wird irgendwann öd. Die Sehnsucht wächst, einfach einmal auszubrechen aus dem Alltagstrott, nicht ständig die ungeputzten Fenster vor Augen zu haben und über Legosteine zu stolpern, weg von den kleinen und den großen Sorgen. So beschlossen wir, gleich am ersten Wochenende nach dem Ende der Ausgangsbeschränkungen unseren Campingbus anzustarten.

Schon das Kühlschrankbefüllen und Fahrräderaufladen beglückte mich mit fast kindlicher Vorfreude. Ich roch noch die salzige Meeresluft von einer unserer Ausfahrten oder bildete es mir zumindest ein. Die Tochter und ich setzten uns die großkrempigen Sonnenhüte auf und drehten „strada del sole“ laut auf, während wir Kaffee, Spaghetti, Tomatensauce, Schokolade und ein gutes Buch – was man halt so braucht – in der Busküche verstauten. Die Riesen-Teddys der Kinder mussten natürlich auch mit.

Wir wären eigentlich nach Italien gefahren an diesem verlängerten Wochenende. Geht aber nicht, weil die Grenzen zu sind. Kurz dachten wir über entlegene Passstraßen nach und träumten von menschenleeren Stränden. Wir verwarfen den Gedanken vernünftigerweise wieder und navigierten unseren „Felix Franz“, den die Tochter so getauft hatte, an den Traunsee. Die erste Ausfahrt seit langem, gerade einmal 40 Kilometer entfernt und dennoch: Es fühlte sich wunderbar an.

Wir marschierten entlang von Maiglöckerln gesäumten Pfaden, schauten auf den sich kräuselnden See hinunter, suchten uns ein idyllisches Platzerl, kochten Spaghetti und Espresso. Danach hielten wir Siesta, mein Mann und ich genossen die Sonne am Steg, und die Kinder kuschelten sich mit einem Hörbuch ins Busbett. Wir schauten ein paar wagemutigen Standup-Paddlern zu, den vorbeiziehenden Schäfchenwolken und verbrachten ein paar ungetrübte Stunden.

Wieder zu Hause heckten wir gleich das nächste Reiseziel aus, während die Kinder auf einer weiteren Übernachtung im Bus bestanden – zumindest so lange, bis ein Gewitter aufzog und sie dann doch lieber von der Garage in ihre Betten übersiedelten.

„Riech mal“, sagte die Tochter beim Einschlafen und hielt mir ihren großen Teddy hin. „Riecht nach Bus und nach Urlaub“, sagte ich. „Ja“, lächelte die Tochter und schlief ein.

Julia Langeneder

lebt mit Mann, Sohn (5) und Tochter (9 Jahre) im südlichen Oberösterreich.
Nervenstatus: urlaubsreif.

Foto: Alexandra Grill

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