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Unlockerungen

Seit sieben Wochen wünsche ich mir, dass wir endlich wieder unter Leute dürfen. Und plötzlich bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Noch zwei Wochen, dann dürfen die Buben wieder in die Schule gehen. Nur jeden zweiten Tag, wahrscheinlich ohne Nachmittagsbetreuung, aber immerhin. Sie werden ihre Freunde wieder sehen, ihre Lehrerinnen, sie werden stolz ihre Masken tragen, die ich ihnen genäht habe (in Jeansoptik, ziemlich lässig) und sich an einen neuen, alten, neu-alten, alt-neuen Alltag gewöhnen.

Wieso, frag ich mich, wieso ruft das in mir nicht jene pure Freude hervor, die ich mir erwartet habe?

Als vor diesen sieben Wochen der große Lockdown über uns hereinbrach, hatte ich kaum bis gar keine Zeit, mich darauf vorzubereiten oder mir Gedanken zu machen. Wir hörten, was die Regierung zu sagen hatte, schauten die Pressekonferenz, gemeinsam mit dem Nachbarmädchen E., die, wie jeden Freitagnachmittag, bei uns war. Alle Kinder hockten zusammengeknuddelt auf dem Sofa, und am nächsten Tag war schon alles anders.

Dieses Anders ist mir auf eine seltsame Art ans Herz gewachsen, ein bisserl Stockholm-Syndrom-artig vielleicht. Dieses aufs Minimum reduzierte und limitierte hat etwas, das mich beruhigt. Wie eine Decke, die man ganz eng um sich herumwickelt. Es ist zwar lästig, dass das ganze Leben stillsteht, aber es ist so überschaubar. Die Tage folgen ihrem eingeschränkten Ablauf, der mal fad ist, mal nervenaufreibend, aber dabei so bescheiden.

Mit den ersten Lockerungsmaßnahmen stelle ich erschrocken fest: Ich freue mich nicht. Ich bin eher verunsichert. Ich habe viel Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, wie das Leben sein wird, danach. Wie finde ich das eigentlich, dass meine Kinder da draußen sind, von mir unbeaufsichtigt, ungeschützt? Wie finde ich das eigentlich, dass ich wieder in alle Geschäfte gehen kann, aber mit diesem unsäglichen Mundschutz?

Und, was mich am meisten umtreibt: Das Zuhausebleiben hat ja den Vorteil, dass man schon gar niemandem begegnet. Ich finde das weniger schlimm, als unter Leuten zu sein, aber Abstand einhalten zu müssen. Ich umarme, küsse und begrapsche grundsätzlich gerne andere Leute. Möchte ich Menschen überhaupt mit Abstand begegnen? Mir macht das große Sorgen, diese Frage: Haben wir eh nicht verlernt, wie man miteinander umgeht? Können sich Kinder wieder auf Sofas zusammenknuddeln, ohne, dass es uns die Nackenhaare aufstellt?

Diese Lockerungen machen mich unlocker. Und diese Unlockerheit macht mich noch unlockerer. Ich beginne, die Klarheit unseres kleinen, überschaubaren Lockdown-Kosmos zu vermissen. Und, ach je, Jause muss ich auch wieder machen. Wo sind überhaupt die Boxen?

Die Steine habe ich mit den Kindern bemalt, sie sind jetzt Teil einer langen Stein-Schlange, die ein benachbarter Kindergarten als Zeichen des Zusammenhaltes in Zeiten der Distanz gestartet hat.

Ursel Nendzig

lebt mit Mann und zwei Söhnen (7 und 9 Jahre alt) in Wien, Stadtrand.
Nervenstatus: Stockholm.
www.urselnendzig.at

Foto: Stefan Knittel

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