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Der Schnee bleibt Geheimnis

Sabine Perzy ist die Junior-Chefin eines traditionsreichen Wiener Familienunternehmens: Von Schneekugeln und urcoolem Glitzern, Durchsetzungskraft und Firmentradition.

Ja, sagt Sabine Perzy, es habe schon Zeiten gegeben, in denen sie sich nicht sicher gewesen sei, ob sie die Schneekugelmanufaktur ihrer Familie übernehmen solle. „Man denkt darüber nach, ob das die eigene Idee ist oder ob sie nur in einen hineingelegt wurde“, sagt sie. Diese schwierige Zeit liegt hinter ihr. Die Entscheidung ist gefallen. Auf ihrer Visitenkarte steht „Sabine Perzy. Management“.

Die Firma, die ihr Urgroßvater Erwin Perzy I. um 1900 zur Herstellung der von ihm erfundenen „Glaskugeln mit Schneeeffekt“ gegründet hat, die nach ihm von ihrem Großvater Erwin II. geführt wurde und jetzt von ihrem Vater Erwin III., wurde mittlerweile offiziell auf sie überschrieben. Nach all den Erwins kommt damit eine junge Frau ans Ruder. Nein, eigentlich genauer gesagt: Sie war auch bereits 2013 am Ruder. „Ich leite die Firma eh schon“, sagt Sabine Perzy. „Mir macht das Wirtschaftliche Spaß. Mein Vater hasst die Zettelwirtschaft. Ich bin dafür nicht so gern in der Werkstatt. Er hat hinten seine heilige Ruhe, ich bin lieber unter Leuten. So ergänzt sich das.“

Sie steht im Erdgeschoss des alten Fuhrwerkerhauses in Wien Hernals, wo die Schneekugelmanufaktur ihren Sitz hat. In zwei Räumen ist ein kleines Museum untergebracht. Fotos, Plakate und Zeichnungen hängen an den Wänden, dicht gedrängt stehen Schneekugeln rundum auf Borden und Regalen, große und kleine, historische und ganz neue, Serienmodelle und Einzelanfertigungen.

Hebt man sie auf und dreht sie um, rieseln langsam und gemächlich Schneeflocken auf Pinguine und Autos, Fliegenpilze und Tiere, Schneemänner und Kirchen. Dieses zauberhafte Rieseln, dieses langsame, wolkige Wogen in den gläsernen Kugeln – es ist das große Geheimnis der Familie Perzy. Nachgemachte Schneekugeln mit Billig-Schnee, der wie erschossen blitzschnell wieder zu Boden fällt, gibt es haufenweise. Das langsame, tänzerische Flockenschweben aber hat nur das Original aus Wien.

Das alte Rezept

Das Geheimnis des Schnees hütet Sabine Perzys Vater. Nur er weiß, woraus er besteht. Sein Vater hat es ihm nach der Meisterprüfung gesagt, auch er wird es seiner Tochter erst dann verraten. „Da ist er streng“, sagt Sabine Perzy, „aber es bereitet mir keine schlaflosen Nächte, dass ich es noch nicht weiß. In unserer Familie weiß das wirklich immer nur eine Person. Ich werde es meinem Mann auch nicht sagen.“

Die Werkzeugmacherlehre hat Sabine Perzy ebenso abgeschlossen wie eine kaufmännische Ausbildung. Nur, ob es sich für sie ausgehen wird, die Meisterprüfung abzulegen, steht in den Sternen. „Ich weiß nicht, wo ich die Zeit hernehmen soll.“ Von morgens um sieben bis abends um sieben ist Sabine Perzy in der Firma, die 15 MitarbeiterInnen und 15 HeimarbeiterInnen beschäftigt.

Wenn große Aufträge zu erledigen sind, wie kürzlich eine 20.000-Kugel-Bestellung aus Japan, kann es auch deutlich später werden. Gut, meint sie, dass es mit ihrem Freund Markus einen Mann an ihrer Seite gibt, der das alles mitträgt. „Das hat mir eine derartige Last von den Schultern genommen, einen Partner zu finden, der mir zu 100 Prozent den Rücken stärkt“, sagt sie. „Ich wollte immer jemanden, mit dem ich für immer zusammen bin, und er ist da ganz genauso wie ich. Der wird’s jetzt und der bleibt’s jetzt.“ Ein bisschen mehr gemeinsame Zeit zu zweit wäre halt schön, wenn man frisch verliebt ist. Geht halt nicht. Sicher aber dann im Jänner, der ruhigsten Zeit im Schneekugel-Kalender.

Kugeln für Hollywood

Jedes Jahr stellt die Manufaktur über 200.000 Schneekugeln her, die in die ganze Welt exportiert werden. Perzy-Schneekugeln hatten in Hollywood-Filmproduktionen wie „Citizen Kane“, „Kevin, allein zu Hause“ oder „Edward mit den Scherenhänden“ ihren Auftritt. Sie stehen auf den Tischen von US-Präsidenten, schmücken Werbeplakate oder verdeutlichen Schulkindern in Dubai im Biologieunterricht, wie sie sich fallenden Schnee vorzustellen haben. In der erfolgreichen österreichischen TV-Show „Wir sind Kaiser“ bringt jeder Gast eine Perzy-Schneekugel mit Pinguin als Geschenk mit.

Ich bin immer fasziniert, dass etwas so Kleines und Unscheinbares so viel rüberbringen kann.

„Schneekugeln bereiten Freude“, sagt Sabine Perzy, „Ich bin immer fasziniert, dass etwas so Kleines und Unscheinbares so viel rüberbringen kann.“ Manchmal stört es sie, dass die Leute oft nicht wissen, wieviel Arbeit, vor allem Handarbeit, hinter jeder einzelnen Kugel steckt.

Sabine PerzySabine Perzy trägt eine schwarze Wollhaube über halblangen, dunklen Haaren und eine violette Sweatshirt-Jacke mit Schal. Mit wachen, hellblauen Augen schaut sie hinter schmalrahmigen Brillengläsern hervor. Man könnte meinen: das Alltags-Outfit einer Studentin ihres Alters, nur dass Sabine Perzy keine Studentin ist. Sie versuche jedem Mitarbeiter zu vermitteln, dass seine Arbeit perfekt sein und dass sie vieles von der unternehmerischen Seite betrachten müsse.

Auch wenn man nur kurz mit ihr spricht, merkt man, wie sehr sie gewohnt ist, Entscheidungen zu treffen und Aufgaben zu verteilen. Ihre Antworten sind gerade und direkt. Sie wirkt entschlossen und durchsetzungsstark. „Das muss ich sein. Das geht nicht anders.“ Wie sie sich selbst als Chefin einschätzt? „Ich kann mich nur auf das Feedback der Mitarbeiter verlassen. Die sind durchwegs zufrieden.“ Und funktioniert die Zusammenarbeit mit ihrem Vater, dem Senior-Chef? „Ich bin ein absolutes Papa-Kind. Natürlich gibt es manchmal Streitereien. Dann schreit jeder von uns ein bisschen und bald ist es wieder erledigt. Wir kommen gut miteinander aus.“

Für die Firma hat Sabine Perzy ein paar Innovationen im Kopf. Einige davon hat sie schon durchgesetzt. Sie erzählen eine ganz klassische Generationen-Geschichte: „Was ich Zeit gebraucht habe, meinen Vater davon zu überzeugen, dass wir endlich einen Server kriegen!“ sagt sie oder: “Ich habe gekämpft, bis er ein Smartphone wollte. Für ihn sind Touchscreens böse.“ Sie lacht und rollt kurz die Augen. Inzwischen gibt es statt drei Papierkalendern in der ganzen Firma Smartphone-Terminplanung.

Dass es neben all diesen Dingen ihr Hauptgeschäft ist und bleibt, Objekte zu verkaufen, deren Sinn Verzauberung, Spielerei und Fantasieanregung ist, ist Sabine Perzy sehr bewusst. „Das ist nicht banal.“ Oft, erzählt sie, stelle sie sich eine Kugel in einen Sonnenstrahl und schüttle sie. Der Glitzer-Effekt sei „einfach super und urcool“. Und nach einer kleinen Pause: „Da bin ich schon ein richtiges Mädchen.“

Erschienen in der „Welt der Frauen“-Ausgabe Dezember 2013

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