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Sand im Getriebe (und auch sonst überall)

Von Unruhe, Selbstmitleid und Zufriedenheit, wo ich sie nie vermutet hätte: am Ende des Staubsaugens.

Vier Wochen Familiencamp. Ich war seit vier Wochen in keinem Supermarkt, der Mann kauft ein. Einmal war ich im Drogeriemarkt, um Staubsaugersäcke. Justament die, die für meinen alten Miele-Staubsauger passen, waren aber ausverkauft.

Ich brauche die Staubsaugersäcke, weil im ganzen Haus Sand verteilt ist. Die Kinder schleppen ihn aus der Sandkiste in ihren Hosenaufschlägen und Jackentaschen und Sockenlöchern herein und hinterlassen überall eine hauchdünne Schicht. Wenn ich barfuß über den Holzboden gehe, ist da ständig dieses leicht sandige Gefühl, das meine Nerven langsam abschmirgelt, droht, mich in den Wahnsinn zu treiben. Sand im Getriebe.

„Wir waren das nicht!“, behaupten die Kinder schamlos.

Ich staubsauge also. Gehe systematisch von Raum zu Raum, sauge unter Betten, auf Teppichen, die wegrutschen, sauge Socken ein und fummle sie wieder heraus. Sauge unter dem Sofa, sauge auf dem Sofa, weil sich hellgraue Sandspuren auf Dunkelbraun abzeichnen. Sauge, sauge, sauge. Sauge einen Legostein ein und tue so, als hätte ich es nicht bemerkt.

Dabei hasse ich Staubsaugen. Vor Jahren haben wir die Wohnung einer Freundin für den Einzug hergerichtet, ich war fürs Staubsaugen zuständig, völlig versunken in meine niedere Tätigkeit, und als ich fertig war, den Staubsauger zufrieden ausschaltete, stand schon meine Freundin hinter mir, sagte: „Ursi, du putzt schlecht.“ Nahm mir das Gerät aus der Hand und saugte alles noch einmal.

Vielleicht war das mein Schlüsselerlebnis. Staubsaugen ist etwas, das ich nicht kann, aber trotzdem machen muss, weil es sonst keiner macht. Und es macht sonst keiner, weil in einem zu drei Vierteln von dreckresistenten und schmutzblinden männlichen Zeitgenossen bewohnten Wohnraum keiner einen Grund dafür sieht. Beim Staubsaugen überkommt mich also immer großes Selbstmitleid. Ich jammere vor mich hin, ein bisschen lauter als der Staubsauger selbst, sicherstellend, dass jedes Familienmitglied merkt, wie arm ich bin.

Zurzeit staubsauge ich sicher dreimal die Woche, immer im Kampf gegen diesen knirschenden Scheißsand. Und jedes Mal passiert das Spannende, sobald ich fertig bin: Ich empfinde totale Zufriedenheit. Das ist mir neu.

Ich habe, als hobbydiplomierte Küchenpsychologin, natürlich eine Theorie dazu: Diese Ordnung im Außen herzustellen bringt auch mein Innen wieder in Ordnung. Mein Getriebe, das zurzeit immer wieder knirscht und manchmal sogar stehenbleibt. Der Sand dort ist das eigentliche Problem. Und dann sind die Säcke ausverkauft!

Ursel Nendzig

lebt mit Mann und zwei Söhnen (7 und 9 Jahre alt) in Wien, Stadtrand.
Nervenstatus: abgeschmirgelt und putz-wütend.
www.urselnendzig.at

Foto: Stefan Knittel

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