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Gute Rituale entwickeln

Rituale geben uns Halt und Orientierung – in Krisenzeiten, bei Lebensübergängen und auch im Alltag. Gerade in der schnelllebigen Zeit lohnt es sich, sich darauf zu besinnen. Aber was ist, wenn sich die traditionellen Rituale nicht mehr stimmig anfühlen? Wie lassen sich neue Formen finden? Eine Spurensuche.

„Rituale sind bewusst gesetzte, symbolische Handlungen, die mit Achtsamkeit und Ernsthaftigkeit eine Atmosphäre des Besonderen schaffen“, erklärt Johanna Neußl. Wichtig seien eine ernsthafte Absicht und das Tun.

Wie Rituale wirken

Sie sind also viel mehr als Räucherstäbchen und Duftkerzen. Die Wirkkraft eines Rituals vergleicht Lore Galitz in ihrem Buch „Zeit für Rituale“ mit dem Mentaltraining, nur dass Rituale noch viel intensiver wirken würden. Denn im Ritual werde die Situation nicht nur auf mentaler Ebene durchgespielt, sondern mit allen Sinnen erlebt. Dadurch würden Rituale auch stark auf der Ebene des Unbewussten wirken und könnten eine Verbindung zu einem größeren Ganzen herstellen.

Die Vorarlberger Ritualberaterin Johanna Neußl war eine der ersten ihres Berufsstandes. Ihre Ausbildung machte sie Ende der 90er-Jahre in der Schweiz, da es in Österreich noch nichts Vergleichbares gab. Sie war Mitbegründerin von „Netzwerk Rituale“ und gründete die „Akademie für Ritualgestaltung“. Dort können Interessierte unter anderem einen zweijährigen Diplomlehrgang sowie verschiedene Weiterbildungen absolvieren.

Es scheint kaum einen Anlass zu geben, für den sich kein passendes Ritual finden ließe. In den Buchgeschäften und im Internet gibt es eine unüberschaubare Fülle an Ratgebern zum Thema. In den vergangenen Jahren hat sich sogar ein eigener Berufsstand entwickelt: die Ritualberatung. Der neue Beruf trägt viele Namen: RitualgestalterIn, -designerIn, -begleiterIn, -beraterIn, oder ZeremonienleiterIn. Eine staatlich anerkannte Ausbildung gibt es nicht.

„Bei großen Ereignissen im Leben gibt es eine tiefe Sehnsucht nach sinnstiften- den Feiern und Ritualen“, stellt Johanna Neußl fest. Oft werden althergebrachte Traditionen zum Feiern dieser Lebensübergänge als nicht befriedigend oder nicht allein ausreichend empfunden.

Mensch und Religion

Lange Zeit waren in Österreich zentrale Lebensereignisse mit kirchlichen Sakramenten und Ritualen verbunden: Kam ein Kind zur Welt, wurde es getauft, wenn zwei Menschen eine neue Familie gründeten, versprach man sich ewige Treue vor einem Priester. Was früher eine religiöse Selbstverständlichkeit war, wird heute zunehmend in Frage gestellt. (Mehr dazu im Interview mit Theresa Schweighofer weiter unten.)

Wie Danke sagen

Tradition und neue Rituale müssen sich nicht ausschließen: Irmgard Hiller hat selbst ein Kind verloren. Bei einer Taufe für Zwillingsmädchen, deren Patin sie ist, hat sie die Namensgebung symbolisch gestaltet und im Anschluss ein Willkommensritual zelebriert, im Zuge dessen den Mädchen Bernstein-Armbänder überreicht wurden – als Symbol für das bewusste Eingehen einer Verbindung der Familien durch die Geburt der Kinder.

Nach ihrem eigenen „Sternenkind“ hat Irmgard Hiller noch ein zweites Kind bekommen. Den elften Jahrestag der stillen Geburt ihres ersten Kindes hat sie mit einem Ritual begangen. An einem besonderen Platz in der Natur gestaltete sie gemeinsam mit ihrem Mann ein Bild aus Naturmaterialien für ihren Sohn und übergab Rosenblätter dem Wasser – als Dank für das Kennenlernen des kleinen Körpers, auch wenn es kurz war, und das besondere Geschenk eines Kindes. Irmgard Hiller konnte endlich Frieden schließen mit den Erfahrungen aus dieser Zeit: „Es hat sich etwas gelöst.“

Das Element Feuer ist seit jeher ein starkes Symbol für Lebensthemen, die mit Ritualen  bedacht und gewürdigt werden. Foto: Johanna Neußl

Das Ritual, das zu mir passt

Welche Arten gibt es und wie entwickelt man Rituale? Praktische Anregungen zu einem Thema, das viele Menschen im Innersten berührt.

Was ist ein Ritual, was eine Routine?

Im Unterschied zur Routine hat ein Ritual auch noch eine symbolische Ebene. Die Tasse Tee am Abend kann beispielsweise eine Gewohnheit sein, verbindet man damit aber ein Danke für den Tag, bekommt sie rituellen Charakter.

Was ist ein Übergangsritual?

Der Ethnologe Arnold van Gennep definiert ein Übergangsritual in drei Phasen: eine Phase der Ablösung aus der alten Ordnung, eine zweite Phase des Übertritts in einen Schwellenzustand und eine Angliederungsphase in die neue Ordnung. Ein Übergangsritual markiert wichtige Punkte im Lebenslauf, die durch eine rituelle Gestaltung den Übergang von einer Lebensphase in eine andere erleichtern können.

Was ist ein Alltagsritual?

Alltagsrituale sind kleine, symbolische Handlungen, die täglich oder wöchentlich wiederholt, den Alltag strukturieren. Sie geben Sicherheit und Halt und können uns Verbindung spüren lassen – mit mir, mit anderen Menschen, mit der Natur, mit dem Göttlichen.

Was sind Rituale im Jahreskreis?

Rituale im Jahreskreis haben ihren Ursprung im Wandel der Natur und der Sonne im Laufe eines Jahres. Viele Bräuche und religiöse Feste sind im Jahreszyklus angesiedelt. Rituale im Jahreskreis ermöglichen eine Verbindung mit den Abläufen in der Natur und können diese gleichzeitig in unserer Seele spiegeln (zum Beispiel: Was in mir will im Frühjahr wachsen und keimen?).

Wie entwickle ich ein Ritual?

Als erstes erkundet man das Thema des Rituals: Worum geht es, was soll ausgedrückt werden, wen betrifft es, wer soll dabei sein? Dann gilt es, die Absicht des Rituals zu formulieren. Ohne eine klare Absicht geht jedes Ritual in die Leere. Dann sucht man nach Symbolen, die man mit dem Thema verknüpfen kann und schließlich geht es darum, eine symbolische Handlung zu finden. Diese wird dann mit Achtsamkeit bewusst ausgeführt.

Rituale müssen kein Spektakel sein. Das weiß die Kräuterpädagogin Susanne Türtscher: „Ich denke, alle rituellen Sachen, die durchs Herz fließen, erreichen die Wirkung. Und ein Ritual lebt natürlich von der Wiederholung.“

Impulse für Rituale

Ein Alltagsritual
„Zuhause oder in meinem Büro stelle ich mich ans offene Fenster. Ich breite meine Arme aus und atme dreimal tief ein. Dann nehme ich eine Feder zur Hand und streiche mir damit über die Wangen und die Hände. Dabei sage ich zu mir: „Mit Leichtigkeit gehe ich durch den heutigen Tag!“ Dann lege ich die Feder auf meinen Schreibtisch – somit kann sie mich im Laufe des Tages immer wieder an meinen Satz erinnern. Die rituelle Handlung sollte man bewusst, achtsam und ernsthaft vollziehen – dann nachspüren, wie es sich anfühlt. Ein Alltagsritual erhält seine Kraft aus der Wiederholung über einige Zeit.“
Johanna Neußl, Akademie für Ritual­gestaltung

Das Leben ist gut – Kreis des Lichts
Dafür brauchen Sie einen runden Teppich oder eine rund ausgelegte Decke, eine große Kerze und viele Teelichter. Dann setzen Sie sich in Ihren Kreis und entzünden als Erstes die große Kerze im Zentrum als Ihr inneres Licht. An diesem Licht entzünden Sie die Teelichter für alles Gute in Ihnen und in Ihrem Leben. Sprechen Sie dabei aus, wofür das jeweilige Licht leuchtet. Besonders wohltuend ist auch, wenn Sie das als Dank formulieren. Die Lichter platzieren Sie rings um sich herum, bis Sie schließlich von Ihrem eigenen vollkommenen Lichtkreis umgeben sind. Beim Ausblasen der Kerzen können Sie sich – wie bei einer Geburtstagstorte – etwas wünschen.“
Lore Galitz: Zeit für Rituale, Irisiana Verlag, € 15,50

Rituale in der Kirche

Dass die Kirche weiterhin der Hauptansprechpartner für Lebens- wenden ist, mag mit dem noch immer vorhandenen Vertrauen in die Institution Kirche zusammenhängen, mit Tradition, finanziellen Gründen oder schlicht Unkenntnis von Alternativen, meint Teresa Schweighofer. Die Theologin hat sich in ihrer Doktorarbeit mit alternativen Ritualen und deren Auswirkungen auf die pastorale Arbeit in der Kirche auseinandergesetzt.

Warum suchen immer mehr Menschen eine Alternative zu den kirchlichen Ritualen?
Teresa Schweighofer: Die Mehrzahl der Rituale anlässlich von Geburt, Hochzeit und Tod sind in Österreich immer noch kirchliche Rituale. Was man in kirchlichen Ritualen findet – Tradition, klar definierte Inhalte – ist aber nicht für alle ansprechend. In meiner Forschung begegnete mir immer wieder die Aussage von RitualbegleiterInnen, die die kirchlichen Rituale als „gehetzt und hingeschludert“ wahrnehmen.

Zugleich haben manche beschämende Erfahrungen gemacht, etwa wenn LiturgInnen über Menschen schimpfen, die nicht mehr wüssten, wann man in der Kirche aufstehen soll und die Gebete nicht mehr könnten. Eine große Gruppe findet auch keine Möglichkeit für ein kirchliches Ritual: wiederverheiratete Geschiedene, homosexuelle Paare, aus der Kirche ausgetretene ChristInnen. Daneben spielt auch die Ästhetik eine große Rolle: Kirchliche Rituale haben eine besondere Feierform. Von der Sprache über die Musik bis hin zum Verhalten der LiturgInnen. Manche Menschen schätzen gerade das, für andere ist das der Grund zu fliehen.

Was entwickelt sich an den Ritualen innerhalb des kirchlichen Kontextes?
Im liturgischen Bereich selbst entwickelt sich einiges. Vieles davon geschieht aber unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit, und das ist auch gut so. Man braucht mitunter geschützte Räume, in denen man ausprobieren und auch Fehler machen darf.

Daneben gibt es auch öffentliche Konzepte und Vorschläge: etwa für einen gestuften Taufweg (Anm.: Zuerst gibt es eine Kindersegnungsfeier und später folgt dann die Taufe.) oder Feiern für Liebende, viele LiturgInnen segnen wiederverheiratete Paare und mit der Tröstung für die Hinterbliebenen ist es auch möglich, an der Bestattung kirchlich ausgetretener Verstorbener mitzuwirken.

Es bewegt sich auch hier einiges. Es gibt viele kirchliche LiturgInnen, die sich intensiv um die Wünsche und Anliegen der Menschen kümmern und darum bemüht sind, die passende Form zu finden. Es braucht die Bereitschaft, sich auf die Rituale einzulassen. Ich wünsche mir, dass die Kirchenleitung diesen Menschen vertraut und darauf, dass sie eine gute Arbeit machen.

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