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Paar-weise

Wer weiß, vielleicht ist das Virus von der Scheidungsanwältinnen-Industrie in die Welt gesetzt worden.

Man müsste, sagt meine weise Freundin E. beim Tele-Tratsch, jetzt umsatteln auf Scheidungsanwältin.

Sie und ich sind Grafikerin und Autorin – nicht gerade systemrelevante Berufe. Das spüren wir und die ganze Branche gerade deutlich. Scheidungsanwältinnen, da ist sich E. sicher, werden hingegen gut zu tun haben in den nächsten Monaten. Und, ich fürchte, sie hat einmal mehr etwas Weises gesagt. Denn seien wir ehrlich, diese ganze Situation ist doch tatsächlich ein riesiger, gefühlt unendlich tiefer, mindestens genauso breiter und man weiß nicht wie langer Beziehungstest.

Die Isolation zwingt Paare dazu, sich voll und ganz aufeinander zu konzentrieren. Ein Erwachsener als Ansprechpartner! Einer! Ein einziger! Besser als keiner, könnte man meinen. Nun ja. Das kommt stark drauf an. In unserem Fall: auf Tagesverfassung, Gemütslage und – ja, auch auf die Uhrzeit. Ich finde es zum Beispiel grundsätzlich schwierig, in der Früh freundlich zu sein und reagiere sehr empfindlich, wenn ich Streit suche, ihn aber nicht finden kann.

Der Mann und ich kreisen jeden Tag umeinander, um unsere vier Wände, um unsere zwei Kinder, um Einkaufslisten, Essenspläne (ein Graus an sich! Aber zurzeit hilft es!). Die Themenvielfalt der Unterhaltungen ist im Vergleich zu sonst um 99 Prozent reduziert. Da wäre die überschaubare Auswahl zwischen pandemiebezogenen Nachrichten, dem, was wir beim letzten Zoom-Meeting oder übern Gartenzaun Neues gehört haben, oder dem, was die Kinder angestellt haben. Und wieder von vorn.
Normalerweise – im Sinne des alten Normal – ist das anders. Ein Tag im Büro, draußen, unterwegs, tausend Eindrücke, Erlebtes, überall nur vom feinsten Stoff, über den man sich unterhalten und herrlich, nämlich produktiv, streiten kann.

Wir sind schon seit ewig zusammen. Das hilft, mir zumindest, sehr. Man muss sich nach so vielen Jahren nicht frisieren, wenn man das nicht möchte. Man darf auch mal was Gemeines sagen, weil der andere weiß, dass es nicht so gemeint war. Man darf mal die Nerven verlieren und eine Runde weinen, wissend, dass der andere weiß, wann man eine Umarmung, wann seine Ruhe und wann ein Glas Schnaps braucht.

Ich denke viel über Paare nach, bei denen das nicht so läuft. Die schon vorher lahmten. Wo Gewalt im Spiel ist, seelische Grausamkeit oder beides. Wo sich einer vom anderen fürchtet. Menschen, die jetzt wie gefangen sind. Denen würde ich tatsächlich gerne meine Karte zustecken, auf der steht: Scheidungsanwältin – biete meine Dienste gegen eine lange Unterhaltung.

Ursel Nendzig

lebt mit Mann und zwei Söhnen (7 und 9 Jahre alt) in Wien, Stadtrand.
Nervenstatus: Genervt. Und dankbar. Ja, das geht sich beides aus.
www.urselnendzig.at

Foto: Stefan Knittel

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