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Ostern ohne Oma und Opa

Vor Corona gab es immer ein Datum, auf das wir uns freuen konnten. Jetzt bleibt der Kalender leer. Was hilft: Schokolade.

Es ist viele Wochen her, seit meine Kinder ihre Großeltern zum letzten Mal gesehen haben. Das ist nicht ungewöhnlich. Aber es gibt immer Pläne: einen Besuch, ein Treffen oder einen gemeinsamen Urlaub. Meine große Tochter trägt sie in unseren Kalender ein. „Omi und Opi“ steht dann dort, umrahmt von vielen bunten Herzchen. Jetzt bleiben die Seiten leer.

„Wie viele Wochen oder Monate oder Jahre dauert es noch, bis wir sie wiedersehen?“, will sie wissen.

Zum Trost gibt es nur Videokonferenzen, bei denen sie ihre gemalten Bilder in die Kamera hält. Die einen Großeltern wohnen im Westen, die anderen hoch im Norden. In jedem Fall liegt jetzt eine geschlossene Landesgrenze zwischen uns.

Aus meinem Umfeld höre ich, wie andere Familien mit der Isolation umgehen. Bei den einen halten sich die Großeltern streng an die Regeln und von den Enkeln fern. Andere sehen die Kleinen täglich, weil sie eh in einem gemeinsamen Haus wohnen. Immer wieder höre ich besorgte erwachsene Kinder und Enkel, die sich beklagen, dass die „Alten“ es nicht so genau nehmen mit den Ausgangsbeschränkungen und dem Enkel-Seh-Verbot.

Ich habe einmal ein Interview mit dem Gerontologen Gerald Gatterer geführt, an das ich in diesen Tagen oft denken muss. Wir haben darüber gesprochen, wie Angehörige damit umgehen können, wenn ältere Menschen ihre Gesundheit gefährden, und er hat den ziemlich starken Satz gesagt: „Jeder Mensch hat das Recht auf Unvernunft.“

Bezogen war diese Aussage auf eher harmloses, vermeintlich unvernünftiges Verhalten wie ungesundes Essen. Jetzt haben wir eine Pandemie, und alle diskutieren über Vorerkrankungen, Rücksicht, Herdenschutz – und Selbstbestimmung. Was tun, wenn das Leben der Liebsten auf dem Spiel steht? Oder wenn sie durch ihr Verhalten andere Menschen gefährden?

Viele Jüngere finden, viele Ältere unterschätzten die Gefahr. Viele Ältere fühlen sich bevormundet, ausgeliefert oder schlicht überfordert von der Vorstellung, erst wieder reisen und den Rest der Familie sehen zu können, wenn es einen Impfstoff gibt – was noch mindestens ein Jahr dauern dürfte.

In den letzten Tagen sind Päckchen per Post bei uns eingetrudelt, aus dem Westen und aus dem Norden. Darin sind bunt verpackte Ostergeschenke. Und noch mehr Marzipan und Schokolade als sonst.

Das Foto ist eine Erinnerung an bessere Tage: Es entstand in Griechenland während einem Familienurlaub mit den Großeltern.

Saskia Blatakes

lebt in einer Wohnung am Wiener Stadtrand. Sie hat eine siebenjährige Tochter und einjährige Zwillinge.
Nervenstatus: Ommmmm
Arbeitet als selbstständige Journalistin.

www.torial.com/saskia.blatakes

Foto: Luzia Puiu

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