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Ohrwürmer und andere Obsessionen

Ständig summt der gleiche Song in meinem Kopf herum. Ein wunderschöner Song. Weltberühmt. Es gibt ihn in vielen Versionen von vielen Interpret*innen. In meinem Kopf singt ihn stets Dinah Washington. Eigentlich erzählt „What a Difference a Day Made (oder: … Makes)“ davon, wie sich das Leben von einem Tag auf den anderen ändert, wenn einen die Liebe wie ein Blitz trifft. Mich hingegen verfolgt nur diese eine Refrainzeile als ewiger Ohrwurm: „What a difference a day makes, twentyfour little hours …“ So fühlt es sich doch derzeit an, oder? Fast von einem Tag auf den anderen hat das Leben, auch das eigene Familienleben, einen anderen Geschmack, andere Rhythmen und Regeln.

Schreckensmeldungen prasseln auf einen ein; mehr als man verarbeiten kann. Schutzmasken-Pflicht. Schulen vielleicht bis Herbst geschlossen. Immer mehr Corona-Tote in den USA. Spuck-Wettbewerbe von Vollidioten. Fake News und Statistiken. Daneben zahllose neue Online-Kulturangebote. Sehr cool. Aber wer konsumiert sie? Ich für meinen Teil wüsste nicht wann. Mir fällt die Frau gestern im Supermarkt ein, die der Kassiererin erzählte, ihr sei schon so wahnsinnig langweilig. Die, die das Alleinsein und die, die das Nicht-Alleinsein nicht mehr aushalten. Ich schaue auf: Auf dem Sofa neben meinem Schreibtisch putzen sich die Katzen so hingebungsvoll wie immer gegenseitig das Fell. Sie wissen nichts von der Corona-Krise. Eine Freundin ruft an. Sie ist sehr unfreundlich telefonisch gekündigt worden. Mein Blick fällt aufs Küchen-Fensterbrett, wo sich zum ersten Mal ein Specht Sonnenblumenkerne holt. Das freut mich sehr. Eine Bekannte meines Mannes, die vier Kinder hat – das älteste 9 – , sagt ihm, während ihr Gesicht am Handybildschirm seltsam zuckt, sie sei knapp vorm Durchdrehen. Meine Tochter kommt zu mir. Sie schleckt ein Jolly-Eis und drückt mir ein eiskaltes Bussi auf die Wange. Längst mehr als 10.000 Corona-Infizierte in Österreich.

Das Phänomen, das wir alle gerade erleben, nennt der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem klugen „Spiegel“-Essay den „Schock von der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren“. Weiter hinten in derselben Ausgabe des „Spiegel“ (Nr. 14.2020) ist das Foto einer tauchenden Umweltaktivistin mit einem riesigen Weißen Hai abgedruckt. Auch das kriege ich nicht mehr aus dem Kopf: Bisher ist es für die Taucherin gut gegangen mit der friedlichen Bestie. Doch wie geht es weiter?
What a Difference a Day Makes …

Julia Kospach

lebt mit Mann und Tochter (10) in einer Wohnung in Bad Ischler Ortsrand-Alleinlage umgeben von Wiesen und Wald.
Nervenstatus: heiter bis wolkig mit gelegentlichen starken Entladungsgewittern.

Foto: Rita Newman

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