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Nur eine Phase?

Eins ist fix: Wie vorher wird es nie wieder sein.

Darf ich eines der überstrapazierten Wörter verwenden? Ich tue es nur einmal, versprochen: Krise. Egal, ob sie von einer Naturkatastrophe oder einem Krieg ausgelöst wird, ob sie eine ganze Gesellschaft betrifft oder einen einzelnen Menschen: jede folgt dem gleichen Ablauf. Das haben zumindest die PsychologInnen Johann Cullberg und Verena Kast vor Jahrzehnten festgestellt.

Phase 1: Der Schock
Kast nennt diese Phase auch das „Nicht-Wahrhaben-Wollen“. Und stolz bin ich nicht darauf, dass es das in meinem Fall ziemlich genau trifft. Als die ersten Fälle in Europa auftraten unterhielt ich mich mit meinem Mann darüber, und meine Tochter wollte wissen, was los ist. Meine Antwort: „Ach, nichts Schlimmes. Du brauchst keine Angst zu haben. Für uns ändert sich nichts.“ Aus heutiger Sicht ist das natürlich peinlich. Aber wir sind ja unter uns, liebe LeserInnen, und ich oute mich hiermit als anfänglich Verharmlosende.

Phase 2: Die Reaktion
Erst als die Schule meiner Tochter die Schließung ankündigte, dämmerte es mir. Meine Reaktion: ein Bedürfnis nach Information wie das einer Ertrinkenden nach Luft. Wie konnte das passieren? Wie gehen wir als Gesellschaft damit um? Wie alternativlos sind die Maßnahmen? Klar, es gab auch ein paar größere und kleinere Sorgen, die versuchten, sich in meinem Kopf breitzumachen. Aber mit zwei Jobs und drei Kindern (eines schulpflichtig, zwei windelpflichtig) hatten mein Mann und ich – zum Glück – genug Ablenkung.

Phase 3: Die Bearbeitung
Mein Allheilmittel in jeder Lebenslage: Listen schreiben. Meine Tochter und ich notierten in der ersten Woche, was wir tun könnten, um nicht völlig durchzudrehen. Die Zettel hängen noch heute an der Wand. „Bücher lesen“ steht ganz oben. Ein Puppentheater für die Kleinen. Und: viel Musik. Kunst ist systemrelevant, das hat spätestens in den letzten Wochen hoffentlich jede und jeder verstanden.

Phase 4: Die Neuorientierung
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich glaube, dass sich bei vielen einiges verschoben hat. Dass viele das Alte geprüft haben. Dass sich bei manchen der Kompass neu ausgerichtet hat. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass mir mein Smartphone mehr nimmt, als es mir gibt. Deshalb liegt es seit Tagen ausgeschaltet in der Ecke. Und ich gehe im Wald spazieren und telefoniere mit einer Freundin. Mit einem Uralthandy aus Prä-Corona-Zeiten.

Saskia Blatakes

lebt in einer Wohnung am Wiener Stadtrand. Sie hat eine achtjährige Tochter und einjährige Zwillinge.
Nervenstatus: Ommmmm
Arbeitet als selbstständige Journalistin.
www.torial.com/saskia.blatakes

Foto: Luzia Puiu

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