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Kannten wir das Wort „kuscheln“ überhaupt?

Das Leben des Vaters erinnern und begreifen wollend taucht Monika Helfer tief in die Magie des Lesens, des Schreiben und des Ringens um prägnante Beschreibungen und treffende Worte ein.

Lebenslinien, Reiseziele, die Stille einer Bibliothek, der Lärm der Familie: Eine Welt der Gegensätze, der Brüche, der Tagträume und Herzenswünsche entfaltet sich hier Seite um Seite.

Kannten wir das Wort „kuscheln“ überhaupt?

Monika Helfer wirft die Erzählfäden weit aus: Zurück in den Lungau, nach Mariapfarr in die Kindheit des Vaters, zurück ans Talende, wo die „Bagage“ lebte, zurück auf die Tschengla, wo der Vater die Bibliothek des Kriegsopfer-Erholungsheimes als seine ganz private Bibliothek ansah.

Die Gespräche mit der Stiefmutter der Erzählerin markieren hier wie Korrekturen das allzu Verklärte und Verdrängte. Fragen tauchen auf, wollen Antworten finden, Melancholie macht sich breit, tief versinkt die Ich-Erzählerin in ihren Erinnerungen, an ihre Kindheit, an die Kindheit ihrer eigenen Kinder und die Familienausflüge in die Berge.

Doch zurück zum Anfang, zu dem jungen Paar, das sich im Lazarett kennengelernt hatte, Grete nimmt Josef mit in ihr Tal zu ihrer Familie.

In dem kleinen Haus unter dem Berg lebten sie nun alle zusammen und wussten nicht, wovon sie lebten, und lebten doch. Das ehemalige Elternschlafzimmer gehörte Vati und Mutti. Meine Mutter erzählte mir später, die Kopfkissen hätten noch nach ihren Eltern gerochen. Die waren schon lange unter der Erde.

Vati, der Büchernarr, und Grete, die Mutter, die sich um das Nicht-Notwendige sorgte: Die Rehe beispielsweise, für die sie Krautköpfe als Futter bereitstellte. Das Notwendige zwischen Büchernarr und Rehe-Versorgerin erledigte Tante Irma, die Kinder waren gut versorgt mit Essen, Kleidung ebenso wie mit den kleinen Verrücktheiten der Eltern, die das Tagträumen und das Vorlesen als unaufgeregte Vorbilder nachhaltig förderten.

Die, die zu träumen vermögen, scheren sich nicht darum, ob Staub auf den Möbeln liegt – auch das beobachtete die Ich-Erzählerin. Kindheitserinnerungen und die Reflexionen einer reifen Frau fließen ineinander, ähneln Selbstgesprächen und –befragungen, die die Frau mit dem kleinen Mädchen von damals führt.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen

Autobiografisches, Lebensbilder, Auseinandersetzung mit Politik, Herkunft und Familie, Zuneigung, Verständnis, Erinnerungskultur, Einblick in die Welt der BücherliebhaberInnen, Kenntnis darüber, wie das Lesen beim Überleben hilft.

Die Autorin Monika Helfer

Monika Helfer, 1947 in Au/Bregenzerwald geboren, veröffentlichte Romane, Erzählungen und Kinderbücher. Sie ist eine der bekanntesten österreichischen Autorinnen, wovon zahlreiche Auszeichnungen – u. a. der ORF-Hörspielpreis für ihren Roman „Oskar und Lilli“ (1994) bzw. 2020 der Bodensee-Literaturpreis für ihr Gesamtwerk – erzählen. In ihrem zuletzt erschienen Roman „Die Bagage“ schildert sie das Leben ihrer Großeltern, ihrer Onkel und Tanten und ihrer Mutter, ganz hinten im Tal.

Monika Helfer:
Vati.
Roman.
Hanser 2021.
176 Seiten

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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