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Mitten in der Corona-Achterbahn

Was mein Bewusstsein betrifft, erlebe ich die Quarantänezeit als ziemlich abwechslungsreich. Mal so, mal so, dann wieder so.

Noch nie in meinem Leben habe ich binnen so kurzer Zeit dermaßen viele unterschiedliche Phasen durchgemacht wie jetzt in den fünf Quarantänewochen. Manche Phasen dauern nur einen Tag, wenn man in diesem Fall dann überhaupt von einer Phase sprechen darf, andere dagegen kommen immer wieder.

So eine Ein-Tages-Phase war zum Beispiel „Wir fahren jetzt einfach ans Meer, irgendwie kommen wir schon über die Grenze, und dann genießen wir die leeren Strände.“ Meine Kinder haben mir, salopp formuliert, den „Vogel“ gezeigt.

Eine länger andauernde Phase hingegen ist die Euphorie-Phase. Juchhu, ausschlafen! Juchhu, keine Termine! Juchhu, alle Kinder daheim! Juchhu, endlich mehr Ruhe! Juchhu, so viele neue Ideen!

Die absolut längste Phase bisher, die in unterschiedlichen Ausprägungen auftritt und auch immer wieder neu aufflammt, ist die Angst-Phase. Sie passt wunderbar zu meinem hypochondrischen Naturell und sorgt dafür, dass ich äußerst eifrig verschiedenste Mittelchen zu mir nehme und überhaupt wie eine Bio-Hackerin mein Immunsystem optimiere.

Daneben gibt es zeitlich verschieden lang andauernde, aber immer entspannende Zwischendurch-Phasen, die klingen meistens so: „Ihr könnt mich alle einmal, das ist doch nur ein aufgeblasener Grippevirus, und vor dem fürchte ich mich sicher nicht.“ Oder so „Mein Halsweh im Februar war bestimmt Corona, ich bin sowieso immun.“ Nicht zu vergessen die Alternativ-Experten-Phase, in der ich exzessiv Artikel lese, die vom Mainstream stark, sehr stark, extrem stark abweichen, das aber heimlich, damit man mich ja nicht beschimpft. Tja, und ein paar Phasen dürften vermutlich schon hinter mir liegen, etwa die Hamster-Phase, die Selbstversorger-Phase, die Verschwörungstheorie-Phase, die Medizin-im-Selbststudium-Phase oder die Corona-Ignorier-Phase.

Die unterschiedlichen Phasen sind nicht unbedingt stabil. Ein kleiner Anlass reicht, und ich kippe von einer Phase in eine andere. Das kann ein guter Artikel sein, dem ich voll und ganz zustimme; das kann ein anderer guter Artikel sein, der das Gegenteil von dem ersten guten Artikel beschreibt und dem ich ebenfalls voll und ganz zustimme. Nur so als Beispiel. Das kann aber auch die ernst gemeinte Aussage einer Freundin sein, „Wenn ich das überlebe …“, oder der verzweifelte Ausruf meiner Tochter nach einem schönen gemeinsamen Tag „Wann kann ich endlich wieder nach Irland?“ Auch die „Kinder“ haben ihre Phasen.

Nur ein Familienmitglied lebt ausschließlich in der Euphorie-Phase, und das ist unsere Hündin. Die alte Dame kann ihr Glück gar nicht fassen. Noch nie in ihrem Leben war ihr gesamtes Rudel sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag in ihrer Nähe.

Verena Halvax

lebt mit drei Kindern (16, 19, 21), Hund und Katz’ in Leonding, in einem kleinen Haus mit Garten.
Nervenstatus: infiziert
Arbeitet als Autorin, Redakteurin, Leiterin von Schreibworkshops
www.schreiben-als-weg.at

Foto: Alexandra Grill

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