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Mit dem Esel nach Betlehem

Zu Fuß und in Begleitung eines Esels geht Lucien Converset, ein pensionierter französischer Priester, von Frankreich nach Bethlehem. Über eine Begegnung der besonderen Art.

Ein Esel am Straßenrand. Ich musste zweimal hinschauen, weil man hierzulande einen Esel auf der Straße für gewöhnlich selten sieht. Meine Tochter hatte ihn zuerst erspäht und machte mich glucksend und fingerzeigend auf ihn aufmerksam. Es war früher Abend an einem heißen Sommertag und ich ging mit meiner Tochter im Kinderwagen an der Donau spazieren. Der Esel war mit einem Strick an einen Baum gebunden. Unterhalb saß auf einer Bank ein älterer Mann mit weißem Schnurrbart, braun gebrannt und ausgezehrt.

Ich fragte, ob ihm der Esel gehörte. Er antwortete ein paar Brocken auf Deutsch. Ich merkte, dass er Franzose war und kramte meine Französischkenntnisse hervor. Dann erzählte er mir, dass er Lucien Converset heiße, aber eigentlich Lulu genannt werde. Dass er am 25. März von einem kleinen Dorf in der Nähe von Dijon aufgebrochen war um zu Weihnachten in Bethlehem anzukommen. Am Geburtsort von Jesus wolle er den Gottesdienst besuchen. Er sei 75 Jahre alt und ein pensionierter Priester.

Er war schon einmal in Bethlehem und in Jerusalem, damals allerdings mit dem Flugzeug. Nun, nachdem er in Pension ist, wollte er als Pilger wieder kommen. Zu Fuß, knapp 5000 Kilometer, in Tagesetappen zwischen sieben und 20 Kilometern. Ein Weg über Belgrad, den Bosporus und die Dardanellen in die Türkei, weiter nach Syrien und den Libanon nach Israel – und auch eine Reise zu sich selbst.

Meine Tochter interessierte sich nur für den Esel. „Isidore“, stellte Lulu seinen 15 Jahre alten Gefährten vor. Auf dessen Rücken hatte er die wenigen Habseligkeiten verstaut, die er mit sich führte, darunter ein Tagebuch, in das er am Abend die Erlebnisse des Tages schreibt, eine Karte des Donauradwegs, ein wenig Geld und ein Zelt – für alle Fälle. Der Pilger holte einen Apfel und ein Stück Brot hervor und zeigte meiner Tochter, wie sie den Esel füttern konnte. Sie juchzte, als Isidore mit der Zunge ihre Hand abschleckte und forderte Nachschub.

Lulu schnitt bereitwillig noch eine Scheibe Brot ab und noch eine weitere. Währenddessen unterhielten wir uns. Der Priester erzählte, dass er mit seiner Wanderung für den Frieden werben möchte und für eine Abkehr von der Kernkraft. Sie sei ein Irrweg und ein Verbrechen an der Menschlichkeit. Anstelle der Atomkraft solle man in die Kinder investieren, besonders in jene, die von Hunger und Krieg betroffen sind. Den Esel will er übrigens palästinensischen Kindern schenken, wenn er am Ziel seiner Wanderung angekommen ist und dann zu Fuß und per Autostop in seine Heimat zurückkehren.

Mit dem Esel nach Betlehem

Als meine Tochter unruhig wurde, beendeten wir unser Gespräch und ich wünschte ihm alles Gute. Erst nachher kam mir der beschämende Gedanke, dass meine Tochter vermutlich das halbe bescheidene Abendessen von Lucien an den Esel verfüttert hatte. Und wo würde er überhaupt übernachten? Als ich noch einmal zu der Stelle an der Donau ging, um ihn einzuladen, war er bereits weitergezogen. Mit seinem alten Esel und einem großen Herz.

Das Tagebuch von Lucien Conversets Pilgerreise ist auch HIER nachzulesen.

 

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