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10/22

Buchempfehlung: „Maulwurf und ich. “

Buchempfehlung: „Maulwurf und ich. “

Bilderbücher, die das Thema „Krieg“ thematisieren, beunruhigen viele Erwachsene. Kinder hingegen finden in den Zeichnungen und kurzen Texten Informationen, Bestätigung ihrer Sorgen, auch Ermutigung, indem sie erleben, wie die im Bilderbuch handelnden Personen ihre Situationen bewältigen.

Die Kraft der Erinnerungen und der Phantasie

Es bedarf klarer Worte, um Kinder zu erreichen. Es braucht aber auch die Poesie, um von Hoffnung auf Frieden und damit auf Rückkehr aus dem Keller, der für lange Zeit zum Wohnraum wird, zu erzählen. Das vorliegende Buch vereint den Realismus mit der Poesie und das ebenso kunstvoll im Text wie in den Illustrationen.

Das „Ich“ des Textes, von der Illustratorin als Mädchen in knallroter Kleidung, mit langen Haaren und einer beigen Kappe dargestellt, findet im Garten einen Maulwurf. Das Rot der Kleidung spiegelt sich in vielen Details wider und stellt so eine Verbindung zwischen „unten im Keller“ und „oben im Garten, in der Freiheit, im Frieden“ her: Zu Beginn der Geschichte faszinieren die Kirschblüten, am Ende des Buches trägt der Kirschbaum pralle Früchte. In diesen subtilen Details erkennt man, wie viel Zeit vergangen ist, wie sich das Leben der Hauptperson und ihrer Familie verändert hat.

Wir erleben mit, wie sich Mädchen und Maulwurf begegneten, damals, als es sonnig war und warm und schön. Wie samtig sich das Fell des neuen Freundes anfühlte! Einige Seiten später werfen wir einen Blick auf die Spielewelten und Kuscheltiere im Zimmer des Mädchens: Hier lässt es sich gut träumen und spielen! Von dieser Fülle geht es auf der nächsten Doppelseite hin zur drastischen Veränderung:

 

„Jetzt gerade ist nur Violetta bei mir, meine Lieblingspuppe. Und Mama und Oma. Und Papa.“

Papa ist nicht anwesend, aber auf einem Foto stets präsent: So viel bleibt den dreien von ihm und ganz viel Hoffnung wohl noch dazu! Oma, Mama und das kleine Mädchen leben jetzt in einem Keller, das Mädchen sitzt auf der Kellerstiege und erzählt von der Vorrats- und Wasserkammer, die sie noch haben und die ihnen Sicherheit gibt. Draußen kontrollieren Soldaten das Geschehen: Es reicht, Uniformen, Schuhwerk und Waffen als Andeutung zu zeichnen, um Assoziationen zu wecken und die Fragen der Kinder anzuregen.

„Bitte, lieber Gott, schick Frieden in die Köpfe der Menschen!“

Das wünscht sich die Ich-Erzählerin und fliegt in ihrer Phantasie mit ihrem Freund, dem Maulwurf, durch die Lüfte. Ja, bald wird sie wieder in ihren Garten zurückkehren dürfen und vielleicht den Maulwurf wiedersehen, so die Hoffnung der Kleinen. Und diese Hoffnung brauchen Große wie Kleine!

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Bilderbuch nicht lesen oder vorlesen:

Einblick in die Kunst des Storytellings; Hinführung zum Thema Krieg aus der Sicht eines Kindes; Ideen, wie Sie mit Kindern/Jugendlichen über Kriege und deren Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung ins Reden kommen, Trost, Resilienz, wunderbare Illustrationen sowie Erläuterungen zur Illustrationstechnik

 Sarah Michaela Orlovsky (Text):

1984 in Linz geboren, schreibt seit 2009 in unterschiedlichen Ländern Afrikas und Europas für Kinder und Jugendliche; die Liste ihrer Auszeichnungen ist lang, so erhielt sie u. a. 2016 und 2018 den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien, den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2018.

Monika Maslowska (Illustration):

in Warschau geboren, ist mit einem Koffer voller Pinsel und Farben nach Österreich gekommen; für ihre Bilder erhielt sie mehrere Auszeichnungen.

 

Sarah Michaela Orlovsky, Monika Maslowska
Maulwurf und ich.
Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia 2022.

 

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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