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Fairness für beide Geschlechter

Wie weit sind wir schon mit der Emanzipation, geht es eher vor oder zurück? Die Philosophin Lisz Hirn provoziert mit einer Streitschrift.

Sie sind Jahrgang 1984, sind unter egalitären Bedingungen aufgewachsen, haben die gleichen Chancen bei der Bildung gehabt wie die Burschen in Ihrem Umfeld, Ihre Mutter war Ihrem Vater gleichgestellt – woran stoßen Sie sich?
Lisz Hirn: So einfach ist es nicht. Rechtlich gleichgestellt, was bedeutet das schon? Ein Zitat von ­Clara Zetkin besagt ungefähr: „Schön, dass es die gesetzlichen Gleichstellungen gibt, aber das bedeutet alles gar nichts, solange Frauen nicht materiell und finanziell gleichgestellt sind.“ Das habe ich als Mädchen nicht verstanden. Was mir aber schon aufgefallen ist, ist, dass meine Mutter mit Teilzeit oder geringfügiger Tätigkeit meinem Vater gegenüber in einer wirtschaftlich schwächeren Position war. Und ich habe auch mitbekommen, dass sie ihre Entscheidungen sehr danach ausrichten musste, ob das auch meinem Vater gefiel. Obwohl sich mein Vater stark an der Erziehung beteiligt und mich als Mädchen nicht diskriminiert hat.

Warum taucht das Thema „Backlash“ jetzt auf, wo Frauen in vielen Bereichen aufgeholt haben?
Das ist schwierig zusammenzufassen. Ich probiere es mit einem Beispiel: Eine Freundin in meiner Maturaklasse hatte eine Fachbereichsarbeit über Komponistinnen geschrieben. Der Musiklehrer fragte, was sie da denn recherchieren wolle, es gebe keine Komponistinnen, denn Frauen hätten einfach kein Genie und nicht die biologische ­Fähigkeit dazu. Das war 2001. Die Freundin hat aus dem Thema ein Forschungsprojekt gemacht und ist heute Expertin auf diesem Gebiet. Viele junge Frauen hören noch immer: „Schaut, da ist wieder eine Pionierin.“ Nein, da waren ganz viele Frauen vorher, die haben wichtige Erkenntnisse gewonnen und sich gegen alle Widerstände durchgesetzt. Genauso wie wir immer männliche Mitstreiter hatten, die sich für Frauenrechte eingesetzt haben.

Gar nicht so wenige meinen: „Warum jammern Frauen immer, denen geht es doch eh gut, oder?“
Das höre ich oft: Was ich mit der Kritik wolle, die Frauen hätten es so gut wie nie zuvor, und in Indien und Nepal sei es viel schlimmer. Man rechtfertigt Missstände, indem man sagt, woanders sei es noch schlechter. Was ist das für eine Antwort? Der Anspruch für 2019 sollte sein, klare Verhältnisse zu schaffen und wirklich wichtige Fragen zu stellen. Für mich ist eine der Grundfragen, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen. Wie wollen wir unsere Geschlechterbeziehungen leben? Wie werden wir uns arrangieren, wenn Ressourcen knapper werden, wie werden wir die Kindererziehung aufteilen, wenn die Frauen sagen: „Warum soll ich zurückstecken, Doppel- und Mehrfachbelastungen haben und am Ende weniger Pension?“

Lisz Hirn: Geht's noch?Lisz Hirn:
Geht’s noch!
Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist. 
Molden Verlag,
20,00 Euro

Warum warnen Sie vor Rückschritten?
Vielen von uns geht es sehr gut. Aber das könnte sich sehr schnell ändern, wenn wir verpassen, für das zu kämpfen, was uns Raum und Freiheiten gibt. Ich habe vor Kurzem mit einer Dame geredet, die meinte, sie könne sich ja eh organisieren, sie habe ihre Nanny, und eigentlich lebten sie und ihr Mann ja ganz gleichberechtigt. Also ich habe keine Nanny daheim. Wie schaut es aus, wenn man nicht diese Ressourcen hat, wenn es keine Großmütter oder andere Personen gibt, die einen mit den Kindern unterstützen? Was passiert, wenn man alleinerziehend ist? Es gibt gute Argumente, zu sagen, dass das, was derzeit passiert, höchst ungerecht ist, vor allem für jene, die ohnehin schon sozial schwächer gestellt sind. Die haben bis jetzt am wenigsten von jeglichem Emanzipationsfortschritt profitiert.

Echte Emanzipation ist nur möglich, wenn sie auch auf wirtschaftlicher Unabhängigkeit basiert?
Ja. Wenn die finanzielle Basis nicht passt, können sich Frauen nicht so einfach aus unerwünschten Beziehungen befreien. Denken Sie an Frauen, die 50, 60 sind, die wirtschaftlich keine gute Basis haben, wie können die sich trennen? Ich kenne viele Frauen aus der Landwirtschaft, die sich nie Geld auf ein eigenes Konto überwiesen haben. Sie haben de facto keine finanziellen Ressourcen und Absicherungen. Wir reden von Frauen Ende 30, die Kinder haben und im Betrieb ihres Mannes mitarbeiten. Das ist kein Orchideenproblem, sondern eines aus der Mitte der Gesellschaft.

Für mich ist erstaunlich, dass die Frauen selbst sich da nicht wehren.
Das ist es für mich auch. Aber viele Frauen sind mürbe, weil sie sehen, wie sich ihre Mütter abstrampeln und auch nicht so viel verdienen und auch nicht so weit gekommen sind, wie sie es sich gewünscht haben. Die jungen Frauen fragen sich berechtigterweise: „Muss ich mir das jetzt auch antun?“ De facto haben viele Frauen auch in einer Großstadt wie Wien das Problem, einen Kinderbetreuungsplatz zu bekommen. Nebenbei ist der Druck auf Frauen groß, eine „gute Mutti“ zu sein.

Ist aus Ihrer Sicht die Mutterschaft das letzte Bollwerk, mit dem man die Emanzipation der Frau aufhalten kann?
Ich glaube nicht, dass wir diese Emanzipation erreicht haben. Von Aufhalten kann keine Rede sein. Ich glaube, dass wir ganz dringend die Mutterschaft überdenken müssen. Vor 100 oder 150 Jahren war die Mutter eine von mehreren Bezugspersonen. Kinder sind in einer Großfamilie aufgewachsen, keiner hätte gesagt, alles hängt nur an einer Frau. Heute ist sie ganz für das Glück dieses Kindes verantwortlich, und wenn nicht ein hochtalentiertes Kind herauskommt, hat die Mutter Schuld.

Gleichzeitig verunsichert das Thema der sexuellen Belästigung.
Diese Debatte zeigt, dass es ein grundlegendes Misstrauen zwischen den Geschlechtern gibt und ein Machtgefälle. Würden wir uns auf Augenhöhe begegnen, finanziell und ansehensmäßig ungefähr gleich sein, das gleiche Risiko tragen, hätten wir diese Debatte nicht. Das ständige Killerargument, die Geschlechter seien biologisch nicht gleich – na, eh nicht! Gleichheit ist ein moralisches Prinzip, keine Tatsachenbehauptung. Es geht darum, welche Chancen wir haben, um an einer Gesellschaft gleichberechtigt partizipieren zu können. Ob Mütter gleich partizipieren können wie Frauen ohne Kinder, ob Männer auch ihren Anteil an Haushalt und Kinderbetreuungspflichten wahrnehmen.

Emanzipation ist für Sie der übergeordnete Begriff zu Feminismus?
Ja. Feminismus ist wichtig, ich unterstütze diesen Aktivismus. Aber ich glaube, dass wir nicht in die Falle tappen dürfen, eine Gegnerschaft mit den Männern aufzubauen. Emanzipation kann nur gelingen, wenn wir erkennen, dass die Freiheit der einen die Freiheit der anderen bedingt. Es geht um Fairness auf beiden Seiten.

Lisz Hirn (35) ist Philosophin, Publizistin und Künstlerin. Sie hat Geisteswissenschaften und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu studiert und war Gastlektorin u.a. an der Kathmandu University in Nepal, an der Sophia University und der Nihon University in Tokio.

Erschienen in „Welt der Frauen“ Juli/August 2019

Christine Haiden und Lisz Hirn

Wie machen wir jetzt weiter?

Christine Haiden im Gespräch mit Lisz Hirn über Menschliches, Übermenschliches & Zukunftsvisionen.

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