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Küchenphilosophie auf der Baustelle

Wie gehen Emanzipation und Baustelle zusammen? Immerhin: Zum Streiten bleibt keine Zeit.

„Der Bagger ist da!“, ruft der Sohn, springt in die Gummistiefel und läuft im Pyjama nach draußen. Meine Begeisterung für den Bagger hält sich eher in Grenzen. Es ist natürlich gut, wenn unser Haus – und vor allem der Garten! – endlich einmal fertig werden (soweit ein Haus überhaupt einmal fertig sein kann). Allerdings zementiert die Baustelle unsere coronabedingt ohnehin schon traditionelle Rollenverteilung noch ein wenig mehr ein. Immerhin: Zum Streiten bleibt keine Zeit. Das liegt aber auch daran, dass ich niemanden zum Streiten habe. Während der Mann Schutt und Erde wuchtet, wuchte ich Pfannen und Kochtöpfe. Simone de Beauvoir, Ikone meiner Studentinnenzeit, hätte es wohl die stets straff frisierten Haare zu Berge stehen lassen. Und ich frage mich, wie sie dieses Dilemma gelöst hätte und gebe mir die Antwort gleich selber: Sie hätte – und hat – niemals Haus gebaut, und sie hätte schon gar nicht gekocht. Wie dem auch sei: Männer haben nun einmal meist mehr Mukis als Frauen, daran können auch Feministinnen nichts ändern. (Ich würde fürs Schaufeln mindestens dreimal so lange brauchen.)

Während ich mich von (küchen-)philosophischen Fragen ab- und dem Schnitzelklopfer zuwende, trampeln Sohn und Tochter in ihren dreckigen Gummistiefeln herein, hinterlassen auf dem Holzboden eine Schleifspur aus Erdpatzen und Sand, schnappen sich eine Handvoll Nudeln und sind schon wieder draußen, bevor ich zum Schimpfen komme: „Schuhe ausziehen!“ Also wieder niemand zum Streiten.

Ich stehe alleine in der Küche. Nun ist es so, dass ich durchaus gerne koche (aber es muss nicht jeden Tag sein und ich bin froh, dass die Schwiegermutter einmal in der Woche das Essen liefert und der Mann am Sonntag oft Küchenregie führt). Aber ich koche am liebsten irgendwas mit Gemüse und habe ein Faible für die mediterrane Küche. Baustellenküche heißt jedoch: Fleisch und Hausmannskost. Das kocht der Mann viel lieber als ich. Aber der ist ja auf der Baustelle unabkömmlich.

Am Abend, als ich zum dritten Mal den Geschirrspüler ausräume und die Waschmaschine befülle, der Bagger längst ruhig ist und ich jetzt endlich einmal Dampf ablassen will, finde ich den Mann und die Kinder schlafend auf dem Sofa. Ich schenke mir ein Glas Wein ein und beschließe, das nächste Mal eine Pizza zu bestellen.

Julia Langeneder

lebt mit Mann, Tochter (9 Jahre) und Sohn (5 Jahre) in einem neu umgebauten Haus im südlichen Oberösterreich.
Nervenstatus: Baustelle.

Foto: Alexandra Grill

Foto: avstraliavasin/iStock

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