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Kochen gegen das Vergessen

Die „CS Caritas Socialis“ betreibt in Wien zwei Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz. Gemeinschaft, aber auch Gerüche und Geschmäcker helfen, Geborgenheit zu empfinden und Erinnerungen an positive Gefühle zu wecken.

Vormittags in einer ungewöhnlichen SeniorInnen-WG in der Wiener Haeckelstraße. 15 Frauen und Männer mit fortgeschrittener Demenz leben hier gemeinsam auf 300 Quadratmetern und teilen sich einen Haushalt. Die meisten sind 75 Jahre und älter. Alle leben sie hier, weil sie ihren Alltag zu Hause nicht mehr meistern konnten – weder allein noch ­mithilfe von Angehörigen. „Doch anders als in üblichen Pflege­heimen kann der Alltag in einer Wohngemeinschaft qualitativ besser gelebt werden“, sagt die WG-­Leiterin Marion Landa-Meidlinger (46). „Unser Pflegepersonal kümmert sich rund um die Uhr um die BewohnerInnen und hilft beim Waschen, Ankleiden und individuellen Gestalten des Alltags. Überhaupt ist hier viel Platz für persönliche Gewohnheiten – nicht nur in den 15 Quadratmeter großen Einzelzimmern, die alle mit ihren eigenen, vertrauten Möbeln einrichten dürfen.“

MIT FEUEREIFER DABEI
Während ein paar LangschläferInnen noch an ihren Frühstückssemmerln kauen, strömt bereits der Duft von gerösteten Zwiebeln aus der offenen Wohnküche. Der Geruch und das Klimpern des Geschirrs lässt alle wissen: Gleich wird hier gemeinsam das Mittagessen zubereitet. Jede und jeder kann auf diese Weise ganz unkompliziert an die Gemeinschaft andocken. Unter Anleitung beginnen die Frauen und Männer, das Suppengemüse zu schneiden. Sind Karotten, Lauch und Sellerie zerkleinert, geht’s ans Vorbereiten des Desserts. Dafür werden Himbeeren auf die Kuchenmasse gestreut. Die Herren in der Runde sind mit Feuereifer dabei.

„Wir sorgen bewusst dafür, dass die Menschen hier so lange wie möglich selbstständig bleiben. Denn mithelfen zu können, stärkt Würde und Selbstwert. Miteinander zu kochen und zu essen bewirkt außerdem ein Gefühl der Geborgenheit. Mahlzeiten geben Struktur, auch wenn der Zeitbegriff ein anderer ist“, sagt Marion Landa-Meidlinger.

LEIBGERICHTE MIT GESCHICHTE
Elisabeth Gruber*, eine 80-jährige Dame mit rotem, knöchellangem Samtkleid, nickt: „Ich weiß vieles nimmer, aber eines blieb mir im Gedächtnis: Dass ich eine schlechte Esserin war. Mutter versuchte alles, um meinen Appetit anzuregen, aber erst das Sporteln half. Auf Sonntag freute ich mich dann besonders. Nach dem Krieg war das der einzige Tag, an dem es Fleisch gab. Mageres Rindfleisch – so wie heute!“, sagt Gruber. Strahlend erzählt sie von ihrem „emanzipierten Leben“, ihrer Scheidung, ihrem Job als Verkäuferin und dem selbst verdienten Geld, mit dem sie die Welt bereiste. Dann kommt sie wieder auf ihr Leibgericht zurück.

Landa-Meidlinger lächelt: „Alle haben ihr Lieblingsessen. Wir eruieren es genau, denn ein vertrauter Geschmack weckt positive Erinnerungen. Gibt es Fisch, den nicht alle mögen, bieten wir Alternativen an. Auch auf Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten nehmen wir Rücksicht. Haben die BewohnerInnen Gusto auf Bier oder eine nächtliche Eierspeise, gibt’s auch das. Schließlich sollen sich alle wohlfühlen.“

KULINARISCHE AUSFLÜGE
Und was hat es mit dem Obst auf sich, das noch vor dem Mittagessen auf die Tische kommt? „Diese mundgerechten Stücke dienen als Appetitanreger und tragen zum Trainieren der Selbstständigkeit bei. Einige haben nämlich schon vergessen, wie man mit Besteck isst. Bei Häppchen können sie zugreifen, ohne gefüttert und von den anderen kritisiert zu werden. Außerdem versüßen Naschereien das Leben!“ Das tun übrigens auch die Einkäufe, die die WG in Begleitung des Pflegepersonals erledigen darf. Gemeinsam geht’s dann in Supermärkte oder auf den Gemüsemarkt. Auch dort wecken intensive Gerüche Erinnerungen. Doch weil jeder mehr sei als seine Vergangenheit, werde auch Neues ausprobiert, erklärt Landa-Meidlinger. „Wird der WG Hausmannskost zu langweilig, kochen wir chinesische oder indische Gerichte oder bestellen Pizza. Letztens holten wir sogar Burger – und alle waren begeistert!“
* Name von der Redaktion geändert

Inklusion ist der Schlüssel

Marion Landa-Meidlinger, die Leiterin der Demenz-WGs,  im Interview

Bemerken Betroffene ihre Demenz von allein?
Ja, die meisten merken schon zehn oder 20 Jahre davor, dass etwas nicht stimmt. Bei Demenz beginnt das kognitive Gerüst, auf das wir uns verlassen, zu bröckeln, bis nur noch die Emotion bleibt. Das verursacht Stress und führt dazu, dass viele Betroffene versuchen, von diesem Verlust abzulenken. Oft bringen sie enorme Intelligenzleistungen auf, damit ihr Umfeld nichts merkt. Ein WG-Bewohner etwa, der den Weg zu seinem Lieblingsrestaurant nicht mehr wusste, verschleierte sein Vergessen, indem er auf Charmeur machte und stets seiner Schwiegertochter den Vortritt und somit die Führung überließ. So gelang es ihm, seine Würde zu behalten.

Besteht ein Zusammenhang zwischen Demenz und Verdrängung?
Es gibt viele Studien, die Grundursache ist bis heute ungeklärt. Die Verarbeitung des Erlebten spielt jedoch eine Rolle. Konnte ich in meinem Leben bewusst hinschauen? Je mehr verdrängt wird, umso mehr verlässt mich meine Kognition. Irgendwann lassen sich Verdrängungsmechanismen nicht mehr aufrechterhalten. Das verdrängte Gefühl, das in der Erinnerung gespeichert ist, trifft einen dann mit voller Wucht. Wenn alles bröckelt, ist auch Vereinsamung eine unmittelbare Folge. Betroffene trauen sich nicht mehr unter Leute. Sie vergessen auf das Essen, das Trinken, auf die Einnahme ihrer Medikamente. So gerät alles noch mehr durcheinander.

Was brauchen Menschen mit Demenz?
Gesellschaftliche Inklusion ist der Schlüssel, bloße Teilhabe definitiv zu wenig. Deshalb unterstützen wir Betroffene in ihrer Autonomie und vermitteln so, dass sie trotz ihrer Krankheit dazugehören. Die WG hier ist auch ganz bewusst in einen Gemeindebau eingebettet.

 

Titelbild: Marion Landa-Meidlinger mit einem Bewohner der WG beim Kuchenbacken. Sie war 20 Jahre lang als Diplomkrankenschwester in Privatspitälern und im Behindertenbereich tätig, bevor sie 2014 die Leitung der Demenz-WG in Floridsdorf und 2018 auch die Leitung der WG in Wien-Liesing übernahm. Die Demenz-WGs gibt es seit zehn Jahren.