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„Ist der Balduin immer noch gestorben?“

Nachösterliche Fragen über das Leben nach dem Tod.

Am Karfreitag jährte sich der Sterbetag des oberösterreichischen Komponisten Balduin Sulzer. Seit seinem Tod begleitet uns die Frage „Ist der Balduin immer noch gestorben?“ unserer damals zweieinhalb-, heute dreieinhalbjährigen Tochter. Das Gestorbensein scheint für sie nach wie vor ein enden wollender Zustand zu sein.

Balduin Sulzer ist im Innenhof des Stift Wilhering begraben, ein Ort, der öffentlich zugänglich ist, wo die Patres des Stifts die letzte Ruhe finden. Oftmals haben wir ihn im vergangenen Jahr dort besucht, auch heuer am  Ostersonntag. Gräber zu fotografieren, finde ich seltsam, daher sind auch meine Töchter am Titelbild, vor der Stiftskirche.

Nein, doch! Ein Grab habe ich fotografiert. Jenes von Simone de Beauvoir. Irgendwie hat man das Gefühl, es dokumentieren zu müssen, da gewesen zu sein, am Cimetière du Montparnasse in Paris. Ein Stück weiter wurde gerade eines aufgelassen, ein Totenkopf lag dort neben einer Scheibtruhe am Boden.

Letzte Woche waren wir auch im Stift St. Florian. Dort ist ein anderer oberösterreichischer Komponist begraben: Anton Bruckner. Genauer gesagt steht sein Sarkophag in der Krypta unter seiner Orgel. Am dortigen Friedhof werden auch uns nahestehende Menschen ihre letzte Ruhe finden, das Grab ist bereits gekauft. So befremdlich ich Planungen über den Tod hinaus finde, so vernünftig erscheinen sie mir gleichzeitig.

Das Thema Sterben und die Frage nach dem Danach hat uns die ganze Fahrt lang beschäftigt, die Töchter fragen: „Warum wird man begraben?“ „Wieso wird der Körper in einen Sarg gelegt?“ „Was ist eigentlich der Geist?“ „Und wo geht der Geist hin, wenn der Körper begraben ist?“

Während mich Fragen dieser Art sehr nervös machen, antwortet mein Mann Norbert ganz ruhig, stellt Gegenfragen und lässt die Kinder selbst Lösungen entwickeln. Das bewundere ich.

Norbert ist Balduin Sulzers Biograf ist und hat viele Gespräche mit ihm geführt, zu seinem 85er hat er ihm 85 Fragen gestellt.

„Was ist die vorletzte Sache, die Du tun möchtest?“
„Atemholen für die letzte.“

„Und was kommt danach?“
„Ich muss ehrlich sagen, ich glaube, dass es noch weitergeht. Ich habe zwar angefangen, aber aufhören tue ich nie.“

Andrea Trawöger

lebt mit Mann Norbert & den Töchtern (3 & 6 Jahre) in einer Wohnung in der Linzer Innenstadt.
Nervenstatus: unbeantwortet.
www.trab.at

Foto: Volker Weihbold

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