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Innerpsychische Differenzen

Ich will nicht so wie Mann und Kind wollen. Was das Ende der Beschränkungen anlangt, ziehen wir nicht gerade am selben Strang.

So ist es also. Seit Anfang dieser Woche kennen wir die Einteilung der Schul- und Hausübungstage, anhand derer unsere Tochter ab Mitte Mai ihr letztes Volksschuljahr beenden wird. Sie freut sich, dass sie endlich wieder nach Wien kommt. Ihre Schulfreundinnen und -freunde gehen ihr ab. Sie hat sie seit zwei Monaten nicht gesehen, zumindest nicht in Fleisch und Blut. Sie hat sich beim Home-Schooling mit uns aufgerieben. Sie will dorthin zurück, wo sie die Dynamik des gemeinsamen Lernens mit anderen Kindern automatisch mitreißt. Sie freut sich sogar schon auf das gelegentliche Schimpfen ihrer Lehrerin. Und, sinnierte sie selbstkritisch, sie konzentriere sich in der Schule einfach viel besser, wenn sie wisse, dass sie da eben nicht wie zu Hause alle zwei Minuten bei Mama oder Papa nachfragen könne. Das mache sie irgendwie faul.

Meinem Mann geht es ähnlich. Wenn auch aus anderen Gründen. Er unterrichtet klassische Gitarre. Das funktioniert auch via Zoom oder Facetime, aber natürlich ist das nicht die Art von Musikmachen, die ihm vorschwebt. Musizieren verlangt nach Anwesenheit, verlangt nach gutem Klang und feinen Nuancen. Er unterrichtet lieber live. Außerdem fehlt ihm Wien. Mann und Kind fehlt die Großstadt. Sie kehren gern und mit Vorfreude dorthin zurück.

Ich nicht. Mir geht es eher wie Ronnie, einem der Protagonisten aus Graham Swifts neuem Roman „Da sind wir“ (dtv 2020), der auf seine Kindheit während des II. Weltkriegs zurückblickt: Als Siebenjähriger wurde er – wider Willen und voller Angst, ohne seine Mutter zu sein – aus einem Londoner Armenviertel aufs Land evakuiert und verbrachte dort bei liebevollen Pflegeeltern sieben unerwartet glückliche, kriegsferne Jahre in einem Haus mit Garten. Bei Kriegsende ist Ronnie fast 14. Er denkt an seine Mutter und die bevorstehende Rückkehr zu ihr: „Sie hatte Bomben überlebt und in Schutzräumen gezittert, während er nicht nur echten Schutz gefunden, sondern auch ein privilegiertes, ja, ein verzaubertes Leben geführt hatte.“ Die Krise – in Ronnies Fall: der Krieg – geht zu Ende, und er – und ich – wünschen uns, „unter Schuldgefühlen“, es möge weitergehen …

Der Vergleich ist hoch gegriffen, ich weiß. Aber irgendwie passt er. Ich will nicht weg von hier, von Garten, Wald & Wiese, von den langen Spaziergängen und den schönen Abendstimmungen, den gemeinsamen Mittagessen und den langen Spätnachmittagen mit Buch im Liegestuhl unter der großen Linde.

Julia Kospach

lebt mit Mann und Tochter (10) in einer Wohnung in Bad Ischler Ortsrand-Alleinlage umgeben von Wiesen und Wald.
Nervenstatus: heiter bis wolkig mit gelegentlichen starken Entladungsgewittern.

Foto: Rita Newman

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